07. Mai 2013, 10:48 Uhr

Altstadt: Wanderarbeiter machen Anwohnern Sorgen

Friedberg (jw). Wenn in der Presse vom Problem der Armutsflüchtlinge die Rede ist, wird der Fokus auf Großstädte gerichtet: Hier würden Wanderarbeiter aus Bulgarien und Rumänien das soziale Gefüge in Ungleichgewicht bringen. Doch das Phänomen gibt es auch anderswo. Auch in Friedberg soll es Armutsflüchtlinge geben.
07. Mai 2013, 10:48 Uhr
Mit solchen Kleinbussen wird nach Beobachtungen von Anwohnern der Altstadt ein reger Pendelverkehr nach Bulgarien aufrechterhalten: Neue Arbeitskräfte (oder, wie hier im Bild, ganze Familien) kommen an, andere werden mit zurückgenommen. (Foto: pv)

Sie leben, wie eine Nachbarschaftsinitiative der Altstadt beobachtet hat, mit vielen Personen zu überteuerten Mieten auf engstem Raum. 300 sollen es in Friedberg sein, erst kamen die Männer, mittlerweile sei die erste Familie nachgezogen. »Wir sind nicht auf dem Weg zu einer lebenswerteren Altstadt, die Entwicklung geht in die andere Richtung. Das ist nicht sozial verträglich«, sagt Johannes Hartmann.

Hartmann stünde wohl als Letzter im Verdacht, ausländerfeindliche Positionen zu vertreten. Der Vorsitzende des Internationalen Zentrums macht seit vielen Jahren ehrenamtliche Integrationsarbeit, berät Asylsuchende. In letzter Zeit aber hat er erlebt, dass es Menschen in der östlichen Altstadt gibt, die sich jeder Integration widersetzen. Jugendliche etwa, die Schule schwänzen, Unfug treiben und, wenn sie angesprochen werden, Sprachprobleme vortäuschen. »Die sind nicht ansprechbar.« Ähnlich verhält es sich mit den bulgarischen Wanderarbeitern. Hartmann würde gerne mit ihnen ins Gespräch kommen. Um die Probleme im Miteinander, das eher ein Gegen- oder ein Nebeneinander ist, anzusprechen. Bislang erfolglos.

Was Hartmann, Jürgen und Brigitte Voß sowie sechs andere Bewohner der Altstadt, die in der Nachbarschaftsinitiative zusammenarbeiten, beobachtet haben, gibt es offiziell nicht: Männerwohnheime in der Altstadt. Häuser, die nur äußerlich saniert sind, im Kern aber noch den alten Bauzustand aufweisen, mit kleinen Zimmern, auf denen fünf oder sechs Männer in Stockbetten schlafen, »für Wuchermieten von 200 Euro pro Person«. Offensichtlich geworden sei ihr Aufenthalt durch das – und mittlerweile entschärfte – Müllproblem: Überall Essensreste in Plastiktüten und überquellende Mülltonnen.

Die Nachbarschaftsinitiative arbeitet zwar mit dem Quartiersmanagement zusammen, will aber unabhängig agieren können. »Wir diskutieren die Themen sachlich und nicht in aufgeregter Atmosphäre«, umschreibt Jürgen Voß die Ziele: »Es geht nicht um Ausländerfeindlichkeit, es geht ums Miteinander. Wir wollen nicht problem-, sondern lösungsorientiert handeln. « Dass sie nun mit ihren Beobachtungen und den daraus erwachsenden Forderungen nach Außen gehen, hängt laut Brigitte Voß damit zusammen, dass offizielle Stellen das Problem bagatellisierten. »Da bewegt sich nichts.« Die Kriminalität sei, wie der Erste Stadtrat Peter Ziebarth verkündete, zwar zurückgegangen. »Aber die Atmosphäre in der Altstadt stimmt nicht mehr. Es gibt latente Ängste, die Leute fühlen sich nicht mehr zuhause«, sagt Brigitte Voß.

»Es gibt latente Ängste«

Auch die andere Seite müsse betrachtet werden. Die Überbelegung der Häuser sei »menschenunwürdig«, sagt Hartmann. Die Situation befördere zudem den schlechten Ruf der Altstadt. Einem Viertel, aus dem sich nicht nur viele Geschäftsleute zurückziehen würden, sondern demnächst auch die Musikschule, weil während des Unterrichts in der Musterschule Kinder unkontrolliert durchs Gebäude streiften. Wo einige wenige Kinder bestimmen, wer auf dem unteren Schulhof spielen darf. Und wo jene Eigentümer, die sanieren und dann auch höhere Mieten verlangen, keine Mieter fänden, weil andere ihre Häuser verfallen ließen und diesen Vermietern auch egal sei, wer darin wohne.

Stadt soll Problemhäuser kaufen

Was tun? Die Nachbarschaftsinitiative hat Vorschläge gemacht, sie liegen den Verantwortlichen im Rathaus und den Fraktionen im Stadtparlament seit Dezember vor. »Aber es passiert nicht viel«, sagt Hartmann. Die Nachbarschaftsinitiative fordert einen Bebauungsplan für die östliche Altstadt. »Dann hätte die Stadt Lenkungsmaßnahmen in der Hand, könnte, wenn eine Kneipe geschlossen wird, verfügen, dass dort künftig keine mehr erlaubt ist.« Jürgen Voß nennt einen weiteren Hebel: das hessische Wohnungsaufsichtsgesetz. Das müsse die Stadt nur anwenden. Feuchte Wände, zu kleine Wohnräume, fehlende Aufenthaltsräume und andere »untragbare Wohnverhältnisse«: alles gesetzlich geregelt, bis hin zur Räumung durch die Stadt. Die, meint die Nachbarschaftsinitiative, könnte auch »kritische Objekte« vom Markt nehmen, also Gebäude kaufen, die nicht saniert wurden. 2014 läuft das Altstadtsanierungsprogramm aus, dann müssen die Eigentümer Ablösebeträge zahlen. Jürgen Voß: »Es gibt Eigentümer, die bereits jetzt gerne zahlen würden, wenn das Geld für einen solchen Aufkauf von Gebäuden verwendet würde. « Von der Stadt habe es auf das Angebot bisher »keine Resonanz« gegeben. Das Problem der Altstadtsanierung sei lange Jahre gewesen, dass »die Menschen nicht erreicht wurden.« Hartmann: »Es ist nicht gelungen, eine Brücke zu den Zugewanderten zu schlagen.«

Das soll nun das Quartiersmanagement ändern. Keine leichte Aufgabe, wie sich zeigt. »Wir bleiben mit Stadt und Nassauischer Heimstätte im Gespräch, wir unterstützen das Quartiersmanagement«, sagt Voß. »Aber wir wollen, dass neben Projekten wie Kaiserstraße und Housing Area auch unsere Sache im Fokus bleibt und nicht nur als temporäres Problem betrachtet wird. Das lässt sich nicht von heute auf morgen ändern, das braucht Kontinuität.«

Schlagworte in diesem Artikel

  • Altstadtsanierungen
  • Asylbewerber
  • Ausländerfeindlichkeit
  • Friedberg
  • Johannes Hartmann
  • Mieten
  • Presse
  • Schulschwänzer
  • Sorgen
  • Sprachprobleme
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos