24. April 2013, 17:48 Uhr

Eine Stunde im Friedberger Verkehrschaos

Friedberg (jw). »Das reinste Verkehrschaos!«, schimpft der Leser. Er ist nicht der einzige, der dieser Tage am Telefon seinen Frust rauslässt. Baustellen prägen das Bild von Friedberg. Die WZ hat den Fahrtest gemacht.
24. April 2013, 17:48 Uhr
»Fahren Sie bloß nicht auf die B 3«, rät ein Leser. Die Pendler haben keine Wahl. Zumal es nicht nur rund um Friedberg tägliche Staus gibt. (Foto: nic)

Die Verkehrsbehörde Hessen Mobil lässt die Usabrücke in der Gießener Straße (aufgrund von Verzögerungen immer noch) sanieren, erneuert seit Wochen verschiedene Straßenabschnitte im Verlauf der Bundesstraßen und hat zuletzt die große Bahnhofsunterführung gesperrt. »Absoluter Wahnsinn«, meint der Leser. Wir sollten uns das mal im Berufsverkehr anschauen. Haben wir gemacht, eine Stunde lang. Und hinterher erstmal eine Kopfschmerztablette eingeworfen.

Die Fahrt führt von Bad Nauheim über die Kreisstraße zum Burgfeld. Blick von der Brücke: Die B 3 ist zu. »Fahren Sie da bloß nicht drauf«, warnt uns der Leser. Machen wir nicht. Der Radiosender HR-Info bringt gefühlte zwei Minuten lang Staumeldungen, die Autobahnen sind also auch zu. Die Route führt einmal links um die Burg herum in die Alte Bahnhofstraße. Alles frei, wo ist das Chaos? Gut, es ist später Nachmittag, die Spitze des Berufsverkehrs schon vorüber, deshalb geht’s zügig Richtung Fauerbach. An der Metzgerei Herold signalisiert ein Stopschild: Anhalten! Auch wenn gar kein Auto aus Fauerbach kommt. Von rechts kann nichts kommen, dort ist die gesperrte große Unterführung, außerdem nur wenige Wohnhäuser und der alte Güterbahnhof. »Warum hängen die nicht einen Sack über die Stopschilder und machen die Fauerbacher Straße zur Vorfahrtsstraße?«, fragt der Leser. Morgens staue sich hier der Verkehr zurück bis zum Friedhof und den Lebensmittelmärkten. Weil jeder erstmal anhält.

Sieh da: Wieder eine neue Baustelle!

Am anderen Ende von Fauerbach, an der Görbelheimer Hohl, stauen sich auch nachmittags die Autos aus Richtung Industriegebiet. Schwer, hier rauszukommen, wenn der Verkehr von Ossenheim her rollt. Über Raiffeisen- und Wilhelm-Leuschner-Straße (vor den Pollern am THM-Campus wird wie fast immer illegal geparkt) geht’s zum Bahnhof und zur nächsten neuralgischen Stelle: die kleine Unterführung. Wer morgens von Fauerbach über die beiden Mini-Kreisel hoch zur Ampel an der Ovag-Hauptverwaltung fährt, stehe und stehe und stehe, berichtet der Leser. Weil die Rotphase zu kurz sei. »Da kommen höchstens drei Autos rüber. Kann man die Ampelschaltung nicht ändern?« Beim Test am Nachmittag sind’s immerhin doppelt so viele Autos und ein Laster, die über die Ampel kommen. Dafür wartet in der Mainzer-Tor-Anlage die nächste Baustelle: Die Fahrbahn vor dem Rathaus ist komplett gesperrt. Hatten wir ja lange nicht. Immerhin: Es stehen Absperrschilder da. Am Montag waren die wohl vergessen worden, wie eine Leserin, die plötzlich mit ihrem Wagen vor einer Baugrube stand, erfahren musste.

Die Kaiserstraße lässt sich am Nachmittag problemlos befahren, sieht man von dem Fiat Panda ab, der direkt vor einem mit 20 Sachen durch die Stadt tuckert. Nerven bewahren! An der Parkplatzsuche kann’s nicht liegen, es gibt sogar noch einige freie Plätze. Unglaublich. Doch die härteste Prüfung kommt erst noch: die Gießener Straße westlich der Burg. Hier gibt das Stop-and-Go-Verfahren das Tempo vor. Da die Ampel an der Burgfeldstraße immer nur drei, vier Autos durchlässt, stehen die Wagen bis hoch zum Burgtor. 50 Meter fahren und warten. Wieder 50 Meter fahren, wieder warten. Fünf Mal geht das so. Einige ungeduldige Fahrer kürzen auf halber Strecke ab, biegen in die Vorstadt zum Garten ein. Man sieht zwar nicht, ob Gegenverkehr kommt, aber egal.

Zurück in die Redaktion führt der Weg vorbei am Burgfeld über die Kreisstraße. Blick von der Brücke: Die B 3 ist, oh Wunder, immer noch pickepackevoll. »Da reiht sich Stoßstangen an Stoßstange«, sagt der Leser. »Weil die Ampeln aus den Ausfahrten Dorheim und Schwalheim auch dann Rot zeigen, wenn keiner kommt. Warum schalten die die Kontaktschleifen nicht ein? 15 000 Autofahrer stehen da tagtäglich im Stau. Das kann’s doch nicht sein.«

»Friedberg macht zu!« war neulich auf der Titelseite der WZ zu lesen. Die Steuerberaterkanzlei Grundmann, Schackey & Partner GbR hatte die Anzeige geschaltet. »Auch wenn alle maßgeblichen Einfahrtstraßen dicht gemacht werden, sind wir dennoch immer für sie da.« Galgenhumor. »Das war eine spontane Idee«, erzählt Stefan Schackey. »Viele unserer Mandanten und unsere Mitarbeiter leiden unter der Situation.« Klar, sagt Schackey, die Bauarbeiten seien notwendig. »Aber es muss doch eine Koordination geben. Ich sehe da auch die Stadt in der Pflicht. Aber so ist das in Friedberg: Jeder schiebt die Verantwortung auf den anderen und nichts wird getan.«

Der tägliche Verkehrskollaps zeigt Wirkungen. Ein Geschäftsmann berichtet, die Einzelhändler erlebten seit dem Weihnachtsgeschäft große Umsatzeinbrüche. Die Befürchtung: Ein abgewanderter Konsument kommt meist nicht wieder, kauft dann woanders ein. Die Stadt müsse einschreiten und die Ampelschaltungen und die Verkehrsführung während der Bauarbeiten besser regeln.

Bad Nauheim ist auch schlimm

Kleiner Trost für alle, die mit dem Auto nach und durch Friedberg müssen: Bad Nauheim ist auch schlimm. Vielleicht sollten die Kollegen von HR-Info ganzjährig folgende Verkehrsmeldung verlesen: »Bad Nauheim bitte weiträumig umfahren.« Nicht nur wegen der bundesweit einzigartigen Schlaglochversuchsstrecke vor der Trinkkuranlage, auch wegen der sich im Schneckentempo bewegenden Parkplatzsucher in der Parkstraße (deren Name sich übrigens nicht davon ableitet, dass man mitten auf der Straße parken darf), auch wegen der Baustelle in der Hauptstraße und, ganz neu, wegen den Autofahrern, die immer noch versuchen, am Alten Friedhof von oben in den Ernst-Ludwig-Ring einzubiegen, obwohl das wegen der Baustelle verboten und auch gar nicht möglich ist, wenn gerade ein Bus kommt, weshalb die Autofahrer dann rückwärts in die als Einbahnstraße ausgewiesene Mittelstraße ausweichen und dort all jene behindern, die einfach nur geradeaus wollen. Grmpf.

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