15. April 2013, 18:18 Uhr

Archäologische Argrabung: »Jeder Tag wie Weihnachten«

Friedberg (hau). »Hier zu graben, ist wie jeden Tag Weihnachten«, lächelt Roland König. Der freiberufliche Grabungstechniker aus Leipzig leitet im Auftrag der Stadt die archäologische Grabung am neu zu gestaltenden Elvis-Presley-Platz. Mit den Ergebnissen der ersten drei Wochen ist er hoch zufrieden.
15. April 2013, 18:18 Uhr
Kreisarchäologe Dr. Lindenthal (l.) erläutert den Stand der Grabung. (Foto: hau)

Eine Straßenpflasterschicht aus dem 16./17. Jahrhundert und die Fundamente des Kriegerdenkmals, das zwischen 1810 und 1956 hier stand, haben Koch und sein Mitarbeiter Stück für Stück freigelegt. »Schubkarrenweise« Keramik wurde bereits abtransportiert. Ob die ausgegrabenen massiven Steinmauern weiter südlich an der Kaiserstraße zum einstigen Waaghaus (1357 bis etwa 1776) gehörten, weiß man noch nicht.

Einen Überblick über die spannende Stadtkerngrabung verschafften sich am Samstag zahlreiche Interessierte beim ersten Infotreffen neben der Grube. Bei einem späteren Treffen werde man auch hineingehen können, erklärte Kreisarchäologe Dr. Jörg Lindenthal. Diesmal war es zu matschig und auch zu früh im Projektverlauf. »In den nächsten Tagen werden wir den Bauzaun mit Infotafeln umspannen«, stellte Bürgermeister Michael Keller in Aussicht.

Mitte März hatten Bagger das große Loch ausgehoben. Mit dessen Tiefe habe man schon die schwierigste Entscheidung getroffen, erklärten die Fachleute. Aber man habe wohl alles richtig gemacht. Seither sind Koch und seine Leute mit der Kelle am Werk. »Mitunter kommt auch ein Hochdruckreiniger zum Einsatz.« Gegraben werde so tief wie erlaubt oder solange man etwas finde. Die spätere Aushubgrenze dürfe unter bestimmten Umständen unterschritten werden.

»Dass seit den Römern über zwei Meter aufgeschüttet wurden, ist ziemlich viel«, stellte Koch fest. Einig waren sich der Grabungsleiter und Lindenthal als wissenschaftlicher Leiter, dass bereits jetzt erstaunlich viel zu sehen sei. Mit vielen übereinanderliegenden Schichten hätten sie an einem derart zentralen Ort aber auch gerechnet. Spuren erhofften sie sich insbesondere für die bislang weitgehend unbekannte Zeitspanne zwischen dem Abzug der Römer aus dem Kastell auf dem Burgberg und ihrem langgestreckten Lagerdorf (Vicus) gegen 260 nach Christus und der mittelalterlichen Stadtgründung um das Jahr 1170. »Die Schicht mit römischer Keramik liegt eigentlich viel zu hoch direkt unter dem Straßenpflaster«, warf Koch ein.

Ein winziger Hinweis darauf, dass Friedberg in der Zwischenzeit keine Wüstenei war, mag ein Fund sein, der die Neugier-Nasen am Samstag besonders lang zog. Behutsam zog Koch eine verwitterte Münze hervor, die bis vor kurzem mitten in der Grube schlummerte. Den Schriftzug am Rand nagte der Zahn der Zeit zwar ab, aber die Reste eines Kopfes sind zu erkennen. Fachleute meinten, die Münze sei römisch. Sie stamme wohl aus dem 4. Jahrhundert nach Christus, zeige das Konterfei von Kaiser Konstantin dem Großen oder einem seiner Söhne. Aber: »Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer«, wollte Lindenthal keine voreiligen Schlüsse ziehen und hielt es mit Indiana Jones: »Archäologie ist die Suche nach Fakten, nicht nach Wahrheiten.«

Ebenso vorsichtig müsse man mit den ausgegrabenen Steinmauerresten umgehen. Ob sie tatsächlich mit der Waaghaus-Urkunde vom 20. Mai 1357 in Einklang gebracht werden könnten – »wir wissen es nicht«. Recht sicher sei man sich indes mit der jüngsten Archäologie rund um das Kriegerdenkmal, auch dank der Unterstützung durchs Stadtarchiv und seinen Leiter Lutz Schneider, der die Zeichnung des Denkmals zur Verfügung stellte.

Die Grabung vorzuziehen, mache Sinn und nütze allen, unterstrich Keller. »Baubegleitend hätten wir uns nur gegenseitig auf den Füßen gestanden.« Mit dem Umbau solle im Spätsommer bis Frühherbst angefangen werden. »Vielleicht können wir in die Platzgestaltung ein Fenster in Geschichte integrieren«, stellte Keller in Aussicht. Das hänge natürlich vom Untersuchungsergebnis ab. Das Bodendenkmal werde minutiös dokumentiert und dann wieder zugeschüttet, wie es in solchen Fällen üblich sei, erklärte Lindenthal. Mit einer Verzögerung der Bauphase sei nicht zu rechnen. »Eine umfangreiche Dokumentation über Historie und Planung bietet die Kaiserstraßen-Sonderausstellung«, empfahl der Kreisarchäologe einen Besuch im Wetterau-Museum.

Alle zwei bis drei Wochen werden nun Info-Veranstaltungen vor Ort angeboten. Treff ist jeweils am Sparkassen-Pavillon neben der Ausgrabung vor dem Kaufhaus Joh. Entsprechende Hinweise sind der Presse zu entnehmen.



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