18. Dezember 2012, 15:23 Uhr

Der letzte »Christmas Swing« im Central?

Friedberg (jw). An Weihnachten werden Geschenke verteilt. Das größte Geschenk für viele Fans des Central Studios wäre es, wenn die Discothek entgegen der bisherigen Pläne dem kulturellen Leben der Stadt erhalten bleibt. Das letzte Wort ist hierbei noch nicht gesprochen, sagte Ernst Janik der WZ.
18. Dezember 2012, 15:23 Uhr
»Kleidung: locker« stand auf dem Programmzettel der Musiker, die beim »Christmas Swing« im Central Studio mit Weihnachtsmann-Mützen auftreten. Im Vordergrund ein relaxter Bandleader Hans Eckhardt, daneben Sängerin Sandra Ivicak. (Foto: har)

Weihnachten steht vor der Tür, da sind »Ratschläge für Seltengänger« angebracht. Also für all jene, die nur einmal im Jahr den Weg in die Kirche finden. Sie sollten sich gut vorbereiten, am besten mit einer Mahlzeit, denn während des Gottesdienstes werden nicht einmal kleinere Imbisse gereicht, von Knabberzeug gar nicht zu reden. Beim Gesang sollten sich die Seltengänger zurückhalten, freie Improvisationen sind genauso unerwünscht wie Schunkeln, Zwischenapplaus bei der Predigt oder Anfeuerungsrufe (»Bravo!« oder »Hört, Hört!«). Wer nicht auffallen will, sollte beim Beten auf die korrekte Handhaltung achten: Am besten man faltet die Hände so, als ob man einen Wellensittich erwürgen möchte.

Ein Schmunzeln ging durchs Central Studio, als Mathias Herrmann die Ratschläge des Frankfurter Satirikers Robert Gernhardt vortrug. Und manch einer der rund 250 Zuhörer (das Central Studio war voll wie eine Kirche an Weihnachten) lachte auch lauthals. Weihnachten ist das Fest der Freude, und die kann man auch mal lauthals hinausposaunen. Beim »Christmas Swing« der Marvin Dorfler Big Band gilt das sogar wortwörtlich. Einmal im Jahr spielen die Musiker unter der Leitung ihres Bandleaders Hans Eckhardt swingende und rockige Weihnachtslieder und zeigen dabei, dass auch verminderte Sept-Non-Akkorde und synkopierte Rhythmen Adventsstimmung aufkommen lassen.

Amerikanische »Christmas Music« ist flotter als die hierzulande gesungenen Lieder. »Stille Nacht, heilige Nacht« verwandelt sich in einen Samba mit Trompeten-Improvisationen und fetzigen Einwürfen der Posaunen und Saxofone, das etwas steife »Oh Tannenbaum« beginnt zwar getragen, mutiert aber schnell zum luftig-leichten Swing. Die Marvin Dorfler Big Band war bestens aufgelegt. Perfektes Timing, gute Intonation, exzellente Solisten. Sandra Ivicak begeisterte sowohl beim getragenen »God bless the child«, als auch beim frech-fivolen »Santa Baby« im Stil von Marilyn Monroe mit ihrer wandlungsfähigen Stimme. Stefan Spielberger verwandelte sich dank rot-weißer Bommelmütze in »Frosty, the Snowman«. Und dann die Stimme von Mathias Herrmann. Mit seinem warmen, weichen Bariton fing er seine Zuhörer spielend leicht ein. »Der kann vorlesen!«, staunte eine Frau. Und er las nicht nur »schräge« Weihnachtstexte, sondern auch nachdenklich machende wie jene von den Arbeitslosen in Chicago, denen an einem kalten Weihnachtsabend nur der Whiskey Trost spendet, bis ein Wunder geschieht, das, wie der Erzähler meint, nur Gott herbeigeführt haben kann. Autor der Geschichte »Das Paket des lieben Gottes« ist der Kommunist Bert Brecht.

Es könnte der letzte »Christmas Swing« im Central Studio gewesen sein. Im Februar wurde bekannt, dass die Betreiber und Gebäudeeigentümer, Ernst und Carmen Janik, darüber nachdenken, die Disco zu schließen und die Räume in Wohnungen umzuwandeln. Doch das ist längst nicht beschlossene Sache, wie Ernst Janik sagt. »Wir bekommen viel Zuspruch, die Leute wünschen sich, dass das Central erhalten bleibt.« Ursprünglich gab es die Überlegung, das Haus in der Wolfengasse im Rahmen der Altstadtsanierung, die günstige Abschreibungsmöglichkeiten bietet, umzubauen. Die Janiks wollen aber gerne noch ein paar Jahre im kleineren Rahmen weitermachen. »Wir haben im letzten Jahr neue Brandschutzauflagen bekommen. Die zu erfüllen, ist sehr teuer.« Bis zum 1. März nächsten Jahres muss geklärt sein, ob und in welchem Umfang die Brandschutzauflagen erfüllt werden können. Janik: »Wir haben mit Bürgermeister Keller gesprochen, er hat uns Unterstützung zugesagt. Wir wollen das Central für Veranstaltungen bis 200 Besucher erhalten, kleinere Disco-Veranstaltungen wie Ü30-Partys oder andere kulturelle Events. Dafür wären die nötigen Auflagen nicht ganz so hoch.«

»Wir würden gerne weitermachen«

Kleinere Veranstaltungen mit einem eher reiferen Publikum kämen wohl auch den Nachbarn entgegen, die immer wieder über nächtliche Ruhestörungen in der Wolfengasse klagen. »Viele Besucher verbinden gute Erinnerungen mit dem Central. Am 1. März besteht die Discothek seit 45 Jahren. Wir würden gerne noch zwei, drei Jahre weitermachen, und vielleicht entwickelt sich daraus ja etwas Neues«, sagt Janik. Als Bandleader Hans Eckhardt am Montag die Besucher verabschiedete, meinte er: »Vielleicht bleibt uns das Central doch noch eine Zeitlang erhalten, wie ich in der Pause aus profundem Mund erfahren habe. « Sein Blick wanderte dabei in Richtung von Bürgermeister Keller, der mit seiner Gattin das Konzert verfolgte.

Er als Bürgermeister sei nicht zuständig, es handele sich um Auflagen des Wetteraukreises, sagte Keller der WZ. »Ich stelle mich aber gerne als Vermittler zur Verfügung.« Zumal auch Keller mit dem Central groß geworden ist. »Das ist ein ganz besonderer Raum, den die Stadt für einige sehr schöne Veranstaltungen genutzt hat. Ich wäre froh, wenn es gelingt, einen Kompromiss zu finden.« Also die Brandschutzauflagen für kleinere Veranstaltungen zu reduzieren und so das Central Studio zu erhalten.

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