23. Juli 2012, 17:43 Uhr

Höhere Schulbildung nur mit Losglück?

Friedberg (jw). In drei Wochen beginnt wieder die Schule, besonders für Fünftklässler eine aufregende Sache. Aufregung in ganz anderem Sinn herrscht schon vor dem Start. Wer sein Kind für eine weiterführende Schule anmeldet, kann so manche Enttäuschung erleben. So erging es einem Ehepaar aus Friedberg, dessen Tochter trotz bester Noten keinen Platz in der Augustinerschule bekam.
23. Juli 2012, 17:43 Uhr
Versperrt: In diesem Jahr wurden mehr Kinder an der Augustinerschule angemeldet als dort aufgenommen werden können. In solchen Fällen entscheidet das Los. (Foto: Wagner)

Die Eltern, die ihren Namen zum Schutz der Tochter nicht öffentlich genannt sehen wollen, sind sauer auf das Auswahlverfahren an Gymnasien. »Die Leistung der Kinder spielt dabei keine Rolle«, sagen sie.

Johanna (Name von der Red. geändert) ist eine sehr gute Schülerinnen. Im Zeugnis stehen fast nur Einsen: Sie soll aufs Gymnasium gehen. Im Dezember informierten sich die Eltern über das Angebot der Schulen, die im Januar und Februar besucht wurden. Nachdem die Klassenlehrerin den Besuch eines gymnasialen Zweigs empfohlen und eine G 8-Eignung ausgesprochen hatte, stand die Wunschschule fest: die Augustinerschule.

Mit zehn Jahren war Johanna die Jüngste in der Grundschulklasse. »Für die Klassenarbeiten musste sie nie lernen, hat alles mit Bravour erledigt. Deshalb haben wir uns für G 8 entschieden«, sagt die Mutter. G 8 wird in Friedberg nur an der Augustinerschule angeboten, die Adolf-Reichwein- und Henry-Benrath-Schule bieten den G 9-Bildungsweg an. Die »sieben Leitfragen für Eltern«, welche die Augustinerschule im Internet auflistet, konnten die Eltern und Johanna »mit einem klaren Ja beantworten«. Einsatzbereitschaft? Sehr gute Noten? Selbstständiges Erarbeiten der Hausaufgaben? Alles kein Problem.

Doch dann folgte die Auswahlprozedur und der Ärger begann. Ende März – die übrigen Kinder der Klasse wussten längst, welche Schule sie besuchen werden – kam ein Brief der Augustinerschule: Die Grundschule hatte ein veraltetes Anmeldeformular verwendet, ein neues musste ausgefüllt werden. Einen Monat später ein weiterer Brief: Es gab mehr angemeldete Schüler als Plätze, deshalb musste gelost werden. Johanna hatte kein Glück. Die Eltern legten Widerspruch ein, es folgten Telefonate und Gespräche mit der Schulleitung. Die Eltern erfuhren, dass 24 Kinder zu viel angemeldet wurden und dass bei der Verteilung der freien Plätze nicht auf die Noten geschaut werde.

Die Eltern gaben nicht auf. Sie warteten ab, ob die angenommenen Kinder auch tatsächlich ihren Platz an der Augustinerschule in Anspruch nehmen. Fünftklässler mussten berücksichtigt werden, die nicht in die 6. Klasse versetzt wurden. In der zweiten Juli-Woche sollten eventuelle freie Plätze erneut vergeben werden. Am 10. Juli dann teilte das Staatliche Schulamt mit, dass drei freie Plätze verlost wurden. 20 Kinder waren im Lostopf, Johanna wurde abermals nicht gezogen.

Die Zehnjährige wird nun die Bad Nauheimer Ernst-Ludwig-Schule besuchen. Auch eine gute Schule, aber die Verbindung aus dem Friedberger Stadtteil mit Bussen sei schlecht. »Der Schulweg dauert doppelt solange, unsere Tochter muss einmal umsteigen«, sagt der Vater. Außerdem müssen die Eltern einen Teil der Fahrtkosten selbst tragen, da die nächste Schule mit gymnasialem Zweig (aber freilich mit G 9-Angebot) in Friedberg ist und nicht in der Kurstadt.

»Leistung wird nicht belohnt«

 

Vor allem aber ärgert die Eltern die im Schulgesetz festgeschriebene Aufnahmepraxis. »Von allen Bereichen der Gesellschaft wird das Leistungsprinzip eingefordert. Bei der Aufnahme in eine weiterführende Schule und der optimalen Förderung von Kindern spielt das keine Rolle«, ärgert sich der Vater. Für die Kinder sei dies »demotivierend und enttäuschend«, Leistung werde nicht belohnt. »Wir wohnen in Friedberg, leisten hier unsere Steuern, von denen auch die Augustinerschule profitiert. Trotzdem wird unsere Tochter abgelehnt, stattdessen werden Kinder aus anderen Orten mit womöglich schlechterer Qualifikation aufgenommen.« Die Mutter ergänzt, viele Kinder, die aufgrund ihrer Leistungen eher auf eine Realschule gehörten, würden von den Eltern aufs Gymnasium geschickt. »Im nächsten Jahr bleiben sie vielleicht sitzen und haben unserer Tochter den Platz weggenommen.«

Martin Göbler, Rektor der Augustinerschule (er war gestern nicht erreichbar), habe ihnen erläutert, dass sich die Augustinerschule an die gesetzlichen Bestimmungen halten müsse. Aber enttäuschend, so die Eltern, sei dies dennoch: »Das Auswahlverfahren ist ungerecht und sollte geändert werden.«



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