25. Mai 2012, 11:08 Uhr

»Wo geht’s hier zum Sklavenmarkt?«

Wetteraukreis (sda). Das Jobcenter spricht von einem »Arbeitgebertag«, Erwerbsloseninitiativen hingegen von einem »Sklavenmarkt«: Für Donnerstag waren rund 120 Langzeitarbeitslose in die Räume des Friedberger Jobcenters bestellt. Dort sollten sie mit drei Zeitarbeitsfirmen ins Gespräch kommen.
25. Mai 2012, 11:08 Uhr
Vor dem Gang zum »Sklavenmarkt«, wie die Vertreter der Erwerbsloseninitiativen den Termin nennen, beraten sie die vor dem Jobcenter eintreffenden Menschen. (Fotos: Dämon)

Donnerstagmorgen, 8 Uhr. Die ersten Aktivisten sammeln sich vor dem Jobcenter, verteilen Flyer mit der Aufschrift »Neuer Friedberger Sklavenmarkt 2012« und bieten rechtliche Beratung und Beistand für die Arbeitssuchenden an. Neben einem Kamerateam der Hessenschau sind auch Politiker von der Linken und den Piraten vor Ort. Die Kritik der Protestler richtet sich gegen den »Arbeitgebertag«, zu dem an vier Terminen jeweils 30 bis 40 Langzeitarbeitslose einbestellt wurden. Wer ohne triftigen Grund fehlt, dem werden die Sozialleistungen für drei Monate um zehn Prozent gekürzt. »Ein enormer Einschnitt bei dem geringen Hartz-IV-Satz«, schimpft Rainer W. Monzheimer von der Initiative für soziale Gerechtigkeit Wiesbaden. Überhaupt sei die Veranstaltung eine Farce. »Alles nur für die Statistik.« Rund 50 Prozent der Menschen, die einen »menschenunwürdigen« Job bei einer Zeitarbeitsfirma annähmen, seien nach wenigen Monaten wieder erwerbslos. »Hier wird versucht, die Betroffenen mit Brachialgewalt unterzubringen. Und die Zeitarbeitsfirmen freuen sich über billige Arbeitskräfte.«

Auch Gabi Faulhaber von der Wetterauer Linken beteiligt sich am Protest: »Wir können nicht hinnehmen, dass Menschen in prekäre Verhältnisse gezwungen werden«, betont sie. »Und wenn genug Druck aufgebaut wird, arbeiten die Betroffenen auch für menschenunwürdigen Lohn.«

Ursula Klier aus Bad Homburg sieht das ähnlich. Die Rentnerin arbeitet ehrenamtlich mit arbeitssuchenden Menschen zusammen. Sie weiß: »Arbeitslose sind gebrandmarkt und fühlen sich gedemütigt.« In der Gesellschaft würden sie wie »Abschaum« behandelt. »Das können wir in unserem reichen Land nicht hinnehmen.« Deswegen sei es besonders wichtig, die Betroffenen mit Respekt zu behandeln und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen – das passiere auf den Ämtern nicht. Nur in den seltensten Fällen würden sich Arbeitslose auf staatlichen Leistungen ausruhen. »Die meisten wollen arbeiten.«

Hans Dieter Werner vom Erwerbslosentreff Bad Homburg ist mit einem Arbeitslosen angereist: Gemäß Sozialgesetzbuch vertritt er den Mann als Beistand in den Gesprächen. Über die Einladung kann Werner nur den Kopf schütteln: Der von ihm vertretene Mann sei 60 Jahre alt und politischer Häftling in der DDR gewesen. »Die können einen 60-Jährigen doch nicht mehr in eine Zeitarbeitsfirma stecken«, schimpft er.

»Nur Firmen, bei denen es fair zugeht«

Während die Protestler mit den ersten Beratungen beschäftigt sind, trudeln immer mehr Menschen ein und gehen Richtung Begrüßungsraum. »Wo geht’s hier zum Sklavenmarkt?«, witzelt ein Besucher und wedelt mit seiner Einladung. Um Punkt 9 Uhr ist der Raum mit etwa 20 Personen gefüllt. Vor ihnen liegen Bewerbungsunterlagen – wie vom Amt gefordert in dreifacher Ausfertigung. Oliver Häuser vom Jobcenter betritt den Raum. Im Gefolge hat er die Vertreter der drei Zeitarbeitsfirmen. »Für mich sehen die nicht wie Sklaventreiber aus«, scherzt er. »Wir haben nur Firmen eingeladen, bei denen es fair zugeht«, verspricht Häuser den Anwesenden. Die Bezeichnung »Sklavenmarkt« sei falsch: »Hier geht es darum, dass Sie die Chance bekommen, Ihr Können unter Beweis zu stellen«, betont er. Das Prinzip: »Speed-Bewerben.« Dabei gehe es vorerst darum, dass Arbeitssuchende und Arbeitgeber ins Gespräch kommen. Unterschrieben werde noch nichts: »Wenn Sie heute unser Interesse wecken, laden wir Sie noch einmal ein«, sagt ein Vertreter einer Firma. »Wir wollen ein Sprungbrett in die Erwerbstätigkeit anbieten.« Der Mindestlohn in seiner Firma betrage 7,89 Euro.

Zwischenruf eines Protestlers: »Was, wenn ein Bewerber den Job nicht annehmen möchte?« Kein Problem, entgegnet der Mann: »Wir leiten die Daten nicht an die Behörden weiter.« Jeder müsse selbst entscheiden, ob ihm die Arbeit zusage oder nicht. Dennoch gibt der Mann auch zu: Die Stellen bei einer Zeitarbeitsfirma könnten sehr unsicher sein. »Ich will Ihnen keine Illusionen machen.« Gebe es keine Aufträge, könne es vorkommen, dass die Einstellung nach wenigen Monaten wieder ende.

Nachdem sich alle Firmen vorgestellt haben, geht es los: Die Anwesenden werden in Gruppen eingeteilt und stellen sich vor einem der drei Büros auf. »Vergessen Sie nicht, uns Ihren Namen mitzuteilen«, erinnert Häuser die Menge – »für die Anwesenheitsliste.« Nach und nach sammeln sich kleine Grüppchen. Die Aktivisten der Initiative für soziale Gerechtigkeit Wiesbaden mischen sich unter die Anwesenden und beraten sie.

»Vielleicht ist es eine Chance, aber ich habe schon so einige Zeitarbeitsfirmen durch«, erzählt eine Frau. Keine der Beschäftigungen habe sich als dauerhaft erwiesen. »Aber wir werden ja genötigt, hierher zu kommen.« Auch ein älterer Herr meldet sich zu Wort: »Ich sehe das skeptisch mit der Zeitarbeit, da sie nur befristet ist.« Er sei bereits mehrmals auf solchen Veranstaltungen erschienen – gebracht habe es bisher nichts.

»Man kann die Stelle auch ablehnen«

Anders sieht das Jan Wölfl, stellvertretender Leiter des Jobcenters: »Solche Veranstaltungen haben sich als bewährte Methode erwiesen«, betont er. Dabei bezieht er sich vor allem auf vergangene »Arbeitgebertage« – so sei zur Landesgartenschau in Bad Nauheim eine ähnliche Veranstaltung durchgeführt worden. »Mit großem Erfolg.« Die Aufgabe des Jobcenters bestehe darin, die Menschen zu aktivieren – und das gelinge durch die Einladung.

Aus den Gesprächen zwischen Arbeitssuchenden und Zeitarbeitsfirmen halte sich das Jobcenter weitgehend heraus. Man könne die Stelle auch ohne Sanktionsdruck ablehnen: »Solange kein rechtsverbindlich vorgeschlagenes Arbeitsangebot des Jobcenters abgelehnt wird, hat der Betroffene nichts zu befürchten.«

Die Kritik der Initiative an den Zeitarbeitsfirmen weißt Wölfl zurück: Gerade durch solche Firmen werde eine große Palette an Beschäftigungsmöglichkeiten angeboten. »Natürlich gibt es immer schwarze Schafe, aber wir suchen nur seriöse Arbeitgeber aus.« Zudem seien weitere Veranstaltungen geplant, an denen auch »normale« Arbeitgeber anwesend sein sollen.

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