15. April 2012, 13:08 Uhr

23 000 Euro futsch: »Dachte, sie würde mich pflegen«

Friedberg (jw). Eine junge Freundin kann teuer werden. Erst zahlte der 85-Jährige der »hübschen Frau« Lebensmittel, dann gab’s Geld für Essen, die Fahrt zum Ohrenarzt, Schuhe. Zum Schluss beglich der Rentner Schulden von 23 000 Euro. Das Geld ist weg. Ein Betrug?
15. April 2012, 13:08 Uhr
Das Geld ist weg: Der 85-jährige Rentner wurde von einer jungen Frau um mehr als 23 000 Euro erleichtert. (Foto: jw)

Am 6. März wurde die Gutmütigkeit des Mannes auf eine harte Probe gestellt: Nachdem er der Frau bereits einmal 2000 Euro für die Begleichung von Schulden gegeben hatten, sollte er nun 21 000 Euro zahlen. Die Frau habe vor ihren Kindern mit Selbstmord gedroht, wenn er nicht helfe. Er gab ihr das Geld, inzwischen ist der Kontakt abgerissen. Heute weiß der Rentner: »Die hat mich ausgenommen, ich war naiv.« Eine Geschichte, die zeigt, wie die Hilfsbedürftigkeit eines Eigenbrötlers ausgenutzt wurde.

Otto Pfeiffer (Name geändert) macht nicht den Eindruck, als könne man ihn über’s Ohr hauen. Der 85-Jährige aus dem Wetteraukreis sieht für sein Alter recht fit aus, er weiß, die eigene Situation einzuschätzen, zitiert wissenschaftliche Berichte über die Beziehung zwischen Mann und Frau geht. Pfeiffer weiß, was er will, dennoch ist er einen Großteil seines »mit harter Arbeit ersparten Geldes« los.

»Ich bin ein Eigenbrötler«

»Ich bin nicht ganz unschuldig«, sagt er. Pfeiffer ist krank. Krebs. Und er ist seit vielen Jahren allein. Die Frau tot, die Kinder weit weg. Als er jüngst im Krankenhaus lag und dem Sohn schrieb, da liege Geld auf der Bank, habe der kein Interesse bekundet und den Kontakt abgebrochen. Dann erzählt er vom brutalen Vater und der nicht minder brutalen Mutter, die auf ihm herumgesprungen sei. »Das sind traumatische Kindheitserlebnisse, die meine Zuversicht in andere Menschen gestört haben. Ich bin ein Eigenbrötler.« Und der Umgang mit Frauen – das sei sowieso nicht seine Stärke.

Am 1. Februar spricht ihn vor einem Supermarkt in Friedberg die etwa 35 Jahre alte Frau an. Man kenne sich doch, habe sie gesagt und sich als »Mandy« vorgestellt. »Komische Anmache«, dachte der 85-Jährige, verabredete sich dann aber doch für den nächsten Tag zum Kennenlernen und Einkaufen. »Ich bin allein, man denkt an eine Pflegeperson, die einem hilft, und natürlich ist man in meinem Alter geschmeichelt, wenn sich eine junge Frau für einen interessiert.«

Offenbar war es vor allem sein Geld, für das sich »Mandy« interessierte. Sie und ihre Kinder seien in einer Notlage, habe sie erzählt, der Ehemann habe sie verlassen und alle Ersparnisse mitgenommen, sie lebe von 530 Euro im Monat. Pfeiffer hat ein großes Herz. Er denkt sich, wer hilft, dem wird später auch geholfen und bezahlt einen Einkaufswagen voller Lebensmittel. Weitere Treffen folgen: Kaffeetrinken, Pizzaessen mit den Kindern, Spaziergänge im Bad Nauheimer Kurpark. Dank seiner Ersparnisse kann sich Pfeiffer die Treffen leisten, bringt den Kindern Geschenke mit. Der Rentner hofft »auf eine heranwachsende Partnerschaft«. Sex habe dabei keine Rolle gespielt: Pfeiffer erinnert an seine Erkrankung. Man habe sich gedrückt, gegenseitig Avancen gemacht, von der gemeinsamen Zukunft gesprochen. »Mandy« habe sogar gesagt, sie würde ihn heiraten, dann hätte sie Anspruch auf seine Rente. Dafür würde sie bei der Renovierung der Wohnung helfen.

Kontostand ausspioniert?

Nach und nach kommen Pfeiffer Zweifel an der Aufrichtigkeit der Frau. Hat sie nun ein eigenes Auto oder fährt sie wirklich den Wagen der Freundin? Warum gibt sie Anschrift und Telefonnummer nicht preis? Weil sie im Frauenhaus lebt und Analphabetin ist? Stimmt das überhaupt? Und woher kennt sie seinen Kontostand?

Am 1. März spricht »Mandy« ihn auf sein Erspartes an. 50 000 Euro hat er auf der Bank liegen, ob er ihr nicht 21 000 davon geben könne. Sie habe Schulden, für die Hausrenovierung bliebe noch genug übrig. Pfeiffer lehnt ab, »Mandy« bohrt nach, immer wieder. Fünf Tage später treffen sich die beiden mit den zwei Kindern der Frau vor dem Globus-Markt. Es kommt zum Eklat. Erneut habe »Mandy« die 21 000 Euro gefordert. »Sogar ihre Tochter hat sie in ihre Lügen eingespannt.« Die 14-Jährige habe berichtet, ihre Mutter habe die ganze Nacht geweint. Schließlich habe »Mandy« ihn angeschrien und vor den Kindern mit Selbstmord gedroht. Pfeiffer fühlt sich überfordert, er will seine »Partnerin« nicht verlieren, fährt mit ihr und den Kindern zur Bank und gibt ihr das Geld.

Einen Tag später wird dem Rentner klar, das hier etwas faul ist. Er geht zur Polizei, schildert der Kripo den Fall, und der Beamte schlägt eine fingierte Fahrzeugkontrolle vor. So könne man die Identität der Frau herausfinden. Am Bad Nauheimer Bahnhof schnappt die Falle zu. Zwar hat die »Mandy« keinen Ausweis dabei, doch kann sie per Computer identifiziert werden. Erst jetzt erfährt Pfeiffer ihren wahren Namen und dass sie tatsächlich fünf Kinder hat.

»Das Weib lügt nicht nur, sie ist die Lüge persönlich«, sagt Pfeiffer. »Die 21 000 Euro bin ich los.« Trotzdem hat er Anzeige erstattet. Vielleicht kriege er sein Geld doch noch zurück, vielleicht gebe es Zeugen für die Situation, als ihn die Frau am 6. März vor dem Eingang des Globus-Marktes anschrie, sagt er. Am Ende des Gesprächs wundert sich der Rentner, wie viel er von sich preis gegeben hat. Peinlich sei das Ganze ja schon. »Aber ich habe gehofft, sie würde mich pflegen und ich wäre nicht mehr allein.«

Kriminalpolizei ermittelt

Ob der Frau eine strafbare Handlung nachgewiesen werden kann, könne man noch nicht sagen, teilte Polizeisprecher Erich Müller mit. Es sei ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden, die Beteiligten würden vernommen. Alles weitere entscheide die Staatsanwaltschaft. Nicht jede »Mitleidstour« müsse gleich eine Straftat sein, auch wenn man an der moralischen Ebene der Geschichte seine Zweifel haben könne. Müller rät zur Wachsamkeit und empfiehlt einen Blick auf die Internetseite www.polizei-beratung.de, wo es Präventionstipps zu allen möglichen Straftaten gibt.

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