23. Dezember 2011, 14:43 Uhr

Filmprojekt der JAA: Gittertüren statt roter Teppich

Friedberg. Die Jugendarrestanstalt – nicht gerade ein gewöhnlicher Ort für eine Filmpremiere. Aber es ist ja auch kein gewöhnlicher Film, der hier vorgestellt wird. Sieben jugendliche Straftäter hatten mit Unterstützung von Dr. Reinhard Nolle von der Uni Kassel das Drehbuch entwickelt und ihr schauspielerisches Talent erprobt.
23. Dezember 2011, 14:43 Uhr
Nichts geht mehr, verdeutlicht das Filmplakat: Der Hauptdarsteller des Kurzfilms fragt sich, wie es nun weitergehen soll. Unten der Daumenkreis: Das Ritual wurde jeden Abend nach Drehschluss begangen. Es bedeutet »Wir gehören zusammen«. (Fotos: pwz/pv)

Doch bei dem Projekt geht es um weit mehr, als darum, einen Film zu drehen. Die jungen Leute sollen ihr Verhalten in Frage stellen und sich persönlich weiterentwickeln.

Roter Teppich, Blitzlichtgewitter und kreischende Teenies, die einen Blick auf ihre Stars erhaschen wollen – so laufen Filmpremieren in Hollywood für gewöhnlich ab. Bei dem Film, der am Montag in Friedberg seine Premiere feierte, sah das etwas anders aus. Einzige Gemeinsamkeit: Nur ausgewählte Gäste hatten Zutritt zum Filmsaal. Und dort erst einmal hineinzugelangen, war kein Spaziergang über den roten Teppich. Betonmauern, Zäune und Stacheldraht umgeben den Veranstaltungsort. Aufs Gelände gelangt man nur durch ein massives, elektrisch gesteuertes Stahltor. Um schließlich zum »Kinosaal« zu kommen, musste eine weitere gesicherte Gittertür passiert werden.

Bereits der achte Kurzfilm mit Arrestanten

Ort der Uraufführung war die Jugendarrestanstalt (JAA). In Kooperation mit Dr. Reinhard Nolle von der Universität Kassel wurde hier bereits der achte Kurzfilm mit jugendlichen Arrestanten gedreht. Titel des fertigen Werkes: »Rien ne va plus«. Übersetzt bedeutet das: »Nichts geht mehr« oder auch »Es gibt kein Zurück«. Täglich zehn Stunden, acht Tage lang, haben sieben junge Männer unterstützt von Nolle und seinem Team vor und hinter der Kamera gestanden. Es wurde nicht nur geschauspielert. Auch bei Aufnahmen, Ton und Schnitt halfen die Jugendlichen mit. Dabei herausgekommen ist ein Werk, dass sich auf authentische Weise mit Themen wie Gewalt und Drogen sowie dem Jugendarrest auseinandersetzt.

Geschichte eines jugendlichen Dealers

Doch es geht nicht nur um Gesetzesverstöße und Strafen. Der Täter, seine Gefühle, seine Zweifel und Ängste – auch das wird gezeigt. Im Film flüchtet der 15-jährige Hauptdarsteller vor der Polizei. In seiner Wohnung hat er Drogen versteckt. Unterschlupf findet er bei einem Freund. Der rät ihm: »Stell dich lieber. Wer Scheiße baut, muss auch dazu stehen.« Doch der Flüchtige hat Zweifel: »Ich kann doch nicht in den Knast. Ich muss meine Ausbildung fertig machen. « Schließlich stellt er sich doch – und besteht die Schreiner-Gesellenprüfung im Gefängnis. Der Film zeigt: Es gibt zwar kein Zurück; wer gegen ein Gesetz verstoßen hat, muss die Konsequenzen tragen. Aber wie man die Zukunft gestaltet, hat jeder selbst in der Hand. Nolle geht es bei seinen Projekten nicht bloß darum, einen Film zu drehen. »Es gibt viele Leute hier, die noch nie etwas zu Ende gebracht haben. Ich will diesen Jugendlichen ein Erfolgserlebnis ermöglichen. Und ich will erreichen, dass sich Einstellungen und Werthaltungen ändern.« Biografische Spielfilmpädagogik – so nennt sich die Methode, die zum Einsatz kommt. Der entstandene Film erzählt nicht bloß irgendeine Geschichte. Alle sieben Schauspieler mussten vor Drehbeginn einen Aufsatz zu den Themen Würde, Respekt und Scham schreiben. Aus diesen Geschichten heraus entstand das Drehbuch. Viele persönliche Erfahrungen sind so in den Film miteingeflossen. Anschließend gab es ein Casting, um die Rollen unter den jungen Männern zu verteilen. »Bevor ich die Besetzung festlege, schau ich mir die Gruppe genau an. In meinen Filmen sind der Kurde und der Türke Freunde. Oder derjenige, der wegen Körperverletzung sitzt, ist im Film der, der am Boden liegt und eins auf die Mütze bekommt«, sagt Nolle.

Der Filmdreh als ein Stück Freiheit

In diesem Fall ist sein Konzept absolut aufgegangen. Voller Stolz präsentierten die Schauspieler den Film vor Mit-Arrestanten und einigen Angestellten der JAA. Was sie von dem Filmdreh mitnehmen? »Eine neue Erfahrung. Es gibt Leute, die sich über das freuen, was man selbst gemacht hat«, sagt einer der jungen Männer. Ein anderer meint: »Es hat mir gezeigt, dass man sich gegenseitig akzeptieren muss. Begegnet man sich auf einem Level, dann öffnen sich ganz neue Wege.« »Ich hab hierdurch gesehen, dass auch mal was klappen kann. Für die Zukunft nehme ich mir vor, auch mal was durchzuziehen«, sagt ein weiterer. Einer der jungen Männer findet gar: »Für mich war es ein Stück Freiheit.« Wenn man den Jungs zeige, dass man an sie glaubt, könnten sie viel leisten, sagt Anstaltsleiter Peter Gebhard. »Hut ab, ihr habt was auf die Beine gestellt.«

25 Männer zwischen 14 und 21 Jahren waren 2011 im Schnitt in der JAA inhaftiert. Außer ganz schweren Gewalt- und Tötungsdelikten sei alles vertreten, erzählt Gebhard. Jugendarrest kann dann angeordnet werden, wenn Erziehungsmaßregeln nicht ausreichen, eine Jugendstrafe jedoch (noch) nicht geboten ist. Es gehe darum, dem jugendlichen Straftäter eindringlich bewusst zu machen, dass er für das von ihm begangene Unrecht einzustehen hat. Diesen Sachverhalt scheinen die sieben Schauspieler verinnerlicht zu haben. Rien ne va plus – Es gibt kein Zurück. Aber die Zukunft haben sie selbst in der Hand. Carolin Ebert

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