01. Dezember 2011, 17:13 Uhr

Deutsch-Iren: Unterwegs auf dem Saumpfad der Riesen

Friedberg (pm). Die neuntägige Studienfahrt der »Friedberger Gesellschaft zur Förderung Deutsch-Irischer Verständigung« in den Herbstferien erwies sich als großer Erfolg.
01. Dezember 2011, 17:13 Uhr
Mittelalterliche Burgruinen wie hier Dunluce Castle bei Antrim gibt es in Irland viele zu besichtigen. (Fotos: pv)

Grundlage hierfür war schon allein das umfangreiche Besichtigungsprogramm, das die 30-köpfige Reisegruppe unter der Leitung des Präsidenten Karl Buxmann gleich zu mehreren herausragenden touristischen Höhepunkten der »Grünen Insel« führte. Den Anfang machte die weltweit einzigartige Anlage mehrerer neolithischer Gangräber rund um »Newgrange« nördlich Dublins. Die um die 5000 Jahre alten, von mächtigen Erdhügeln bedeckten sakralen Bauten aus riesigen behauenen und mit die Gestirne darstellenden Gravierungen verzierten Steinquader aus fernen Steinbrüchen versetzten die Reisegruppe in Erstaunen. Die Anlage ist bei Touristen aus aller Welt so populär, dass eine vielmonatige Vorausbuchung erforderlich war.

Erstes Ziel war der idyllische Seebadeort Newcastle im nordirischen County Down. Hinter dem Städtchen an der Irischen See erheben sich die steil aufragenden Mourne Mountains mit dem 845 Meter hohen Slieve Donard. Meistens sind die Gipfel von Wolken umhangen und die Wanderung entlang dem Stausee »Silent Valley« führte die Gruppe auch prompt in die sich zwar sanft, aber kontinuierlich entleerenden Wolken, weshalb der stramme Fußmarsch ein vorzeitiges Ende fand.

Entlang einem Abschnitt der dem irischen Nationalheiligen St. Patrick gewidmeten Themenroute ging es dann nach Downpatrick. Hier war der Heilige Patrick im Jahre 432 von Wales aus gelandet. Papst Coelestin I. hatte ihn hierher als Bischof gesandt, um die Christianisierung der Iren zu vollenden, was ihm auch binnen eines Jahres gelang. So berichtet die Sage. An diesem Ort, wo er auch nach seinem Tode 462 begraben wurde, finden sich viele Stätten, die mit ihm in Verbindung gebracht werden. Besonders in Erinnerung bleiben wird der Aufstieg zum St. Patrick’s Denkmal auf einer Anhöhe, von welcher die anscheinend immer grüne Umgebung mit ihren sanften Hügeln und die Felder umgrenzenden Hecken in Augenschein genommen wurde.

Die Rundfahrt durch Belfast erwies sich besonders für die »Irlandneulinge« als ein aufregendes Ereignis. Seit dem Friedensvertrag von 1998 zwischen den unionistisch-protestantischen und nationalistisch-katholischen Bevölkerungsgruppen ist die Hauptstadt Nordirlands zu einer blühenden Metropole erwacht. Geprägt ist die alte Bausubstanz der Innenstadt von zahlreichen repräsentativen Gebäuden aus georgianischer und viktorianische Zeit, der Universität mit dem Botanischen Garten und dem zunehmend durch moderne Funktionsgebäude umgestalteten und so sanierten Hafengelände. Dort sind die beiden von Krupp errichteten mächtigen Werftkräne der Titanic-Werft »Harland & Wolf« als Wahrzeichen erhalten geblieben. Die beiden »Samson & Goliath« genannten 90m hohen Kräne gelten als die höchsten frei stehenden Kräne der Welt. In deren Nachbarschaft steht das dem Bug der Titanic nachempfundene Gebäude des zum 100 jährigen Jubiläum des Stapellaufs 2012 zu eröffnenden Titanic-Museums. Dies wird ein weiterer Touristenmagnet der Stadt werden.

Einen schroffen Kontrast zu all diesen Attraktionen stellen diejenigen Wohngebiete dar, in denen in endlosen Reihenhäusern ausschließlich die noch lange nicht miteinander versöhnten Bevölkerungsgruppen getrennt voneinander leben, deren jeweiligen paramilitärischen Verbände von 1968 bis 1995 einen faktischen Bürgerkrieg gegeneinander führten. Im Verlauf der mit dem eher beschönigenden Begriff »Troubles« (Probleme) bezeichneten Kämpfe kamen 3. 350 unbeteiligte Bürger, »Volunteers« (Freiwillige Kämpfer), Polizisten und britische Soldaten ums Leben. Diese Wohngebiete der irisch-stämmigen, für die Wiedervereinigung der seit 1922 geteilten Insel streitenden katholischen Bevölkerung und der schottisch/britisch-stämmigen für die Zugehörigkeit zu Groß-Britannien kämpfenden Protestanten, sind auch heute noch voneinander abgegrenzt von immer wieder erhöhten Mauern und Zäunen. Sie dienen als Schutz vor Angriffen mit Steinen und Molotowcocktails. An vielen Giebelwänden finden sich politische Wandgemälde unterschiedlicher künstlerischer Qualität mit politischen Botschaften, historischen Darstellungen oder Schreinen zum Gedenken an gefallene »Volunteers«. Sie dienen dazu, das eigene Selbstbewusstsein zu stärken, die politische Einigkeit anzumahnen und allen Besuchern oder auch »Eindringlingen« klarzumachen, in wessen Machtbereich er sich gerade befindet. Dieser Teil der Stadtrundfahrt hinterließ bei allen Mitreisenden ein sehr beklemmendes Gefühl.

Was der Studienfahrt einen besonderen Charakter verlieh, waren die Besuche verschiedener öffentlicher Institutionen. Dank der Kontakte der Gesellschaft war es in Belfast möglich, das »Stormont« genannte Parlament von Nordirland zu besichtigen und an einer Sitzung als Besucher teilzunehmen. Besonders lebendig wurde der Besuch durch die Erläuterungen des Stellvertretenden Parlamentspräsidenten John Dallat, der die Reisegruppe auf den Stufen des majestätisch über Belfast gelegenen ehemaligen herrschaftlichen Schlosses begrüßte. Es brauchte eine Weile, bis man die wohl einmalige Besonderheit der Funktionsweise des Parlamentes verstand. Im Grunde stehen sich die beiden Bevölkerungsgruppen nach wie vor ziemlich unversöhnlich gegenüber. Umso überraschter war man, dass dieser in inneren Angelegenheiten autonome Teil des Vereinigten Königreichs von einer Allparteienregierung regiert wird. Eine solche Regierung war die Voraussetzung dafür, dass Nordirland im Friedensabkommen von 1998 die Selbstbestimmung ermöglicht wurde. Um zu vermeiden, dass die nationalistisch-katholische Minderheit wieder unterdrückt würde, wie es bis zum Ausbruch der Unruhen 1968 der Fall war, können nur solche Beschlüsse des Parlaments verabschiedet werden, die die Unterstützung der Mehrheit der Abgeordneten beider Bevölkerungsgruppen finden. Dies erfordert auf beiden Seiten eine hohe Kompromissbereitschaft. Andererseits sind so entscheidende Veränderungen im Land nicht möglich.

Weniger um die Fallstricke der Großen Politik als um die alltäglichen Belange der Bevölkerung und der kommunalen Verwaltung ging es beim Empfang des Bürgermeisters der Universitätsstadt Coleraine ganz im Norden des Landes. Mayor Maurice Bradley begrüßte die Besucher und stellte die Stadt vor. Die unterschiedliche Verwaltungsstruktur britischer Kommunen veranlasste die Besucher zu zahlreichen Rückfragen, die auch mit Hilfe eines ebenfalls anwesenden leitenden Beamten beantwortet wurden. Im Vorfeld des Besuchs hatte die Deutsch-Irische Gesellschaft angeboten, einer gemeinnützigen Einrichtung eine Geldspende zu überreichen. Dies erfolgte im Rahmen des Empfangs an die Zomba-Organisation. Zomba ist eine Region in Malawi, die von der Bevölkerung Coleraines in vielen Bereichen der Infrastruktur unterstützt wird.

Von Coleraine aus führten die Ausflüge zu weiteren bedeutenden Sehenswürdigkeiten des Landes. Fasziniert war man natürlich von »Giants Causeway«, was so viel heißt wie »Saumpfad der Riesen«. Die Unesco zählt den »Giants Causeway« zum Weltnaturerbe. Er besteht aus etwa 40.000 gleichmäßig geformten Basaltsäulen. Etwa die Hälfte der Säulen hat einen sechseckigen Querschnitt, es treten jedoch auch solche mit vier, fünf, sieben oder acht Ecken auf. Die größten der Steinsäulen erreichen eine Höhe von bis zu zwölf Metern, die Gesteinsschicht hat an manchen Stellen eine Stärke von bis zu fünfundzwanzig Metern. Der »Giants Causeway« führt etwa fünf Kilometer entlang der Klippen und endet im Meer. Von dort steigen die Säulen einer Treppe gleich aus dem Meer auf, was zu ihrem Namen führte.

Ebenfalls in bester Erinnerung wird die Führung durch die benachbarte Stadt Londonderry bleiben. Auch in dieser Stadt leben die Bevölkerungsgruppen getrennt voneinander. Allerdings weiter voneinander entfernt, weshalb es hier keine Mauern und nur wenige Zäune gibt, wie in Belfast. Im Zentrum der Stadt ist von den Spannungen ebenfalls nichts mehr zu spüren. Es herrscht ein geschäftiges Treiben und nichts erinnert mehr an die Unruhen. Bei früheren Besuchen herrschte eine beklemmende oder gar beängstigende Atmosphäre. An vielen Gebäuden waren die Spuren von Anschlägen zu sehen und in den Straßen der Innenstadt patroullierten ununterbrochen gepanzerte Fahrzeuge und Soldaten der britischen Armee zu Fuß. In Londonderry stellt die nationalistisch-katholische Bevölkerung die Mehrheit, weshalb sich die Stadt wieder den historischen irischen Namen »Derry« gegeben hat. Die koloniale Geschichte soll so unterdrückt werden. Regierungsoffiziell heißt sie jedoch »Londonderry«. Um dem unvermeidlichen Streit aus dem Weg zu gehen, wird der Besucher am Stadtrand mit »Welcome to the Walled City« empfangen, womit auf die die Innenstadt bildende große ummauerte Festung Bezug genommen wird.

Völlig unpolitisch war dann der letzte Teil der Reise. Die Stadt Athlone in der Republik Irland ist von ihrer Struktur her vergleichbar mit Friedberg und liegt ziemlich in der Mitte der Insel am Shannon, dem längsten Fluss der Britischen Inseln. Eine Bootsfahrt auf dem dort angestauten See »Loch Ree« lag also nahe. Immer wieder faszinierend ist der Besuch der frühchristlichen Klosteranlage »Clonmacnoise« an einer Flussbiegung über dem Shannon gelegen. Es sind nur noch Ruinen vieler sakraler Gebäude, die von der früheren großen Bedeutung der Anlage zeugen. Es gibt dort außer einem mittelalterlichen Rundturm keine monumentalen Gebäude mit mächtigen Mauern, denn zu seiner Blütezeit zwischen dem 6. und 12. Jahrhundert war es ein Ort des Studiums des Christentums und der Ausbildung von Priestern und Missionaren. Über 5000 Menschen haben hier gelebt. Von hier aus zogen Priester als Pilger immer wieder auf das europäische Festland, um dessen Christianisierung weiter zu betreiben. Trotz der zahlreichen Besuchergruppen umgibt den Ort eine beeindruckende Aura der Ruhe und des Friedens.

Ein herzliches Wiedersehen gab es für den Präsidenten und dessen Gattin beim Besuch der Konventschule »Our Lady’s Bower« in Athlone. Hier hatte Karl Buxmann im Jahr 1990 während seiner Teilnahme am deutsch-irischen Lehreraustausch für vier Monate gearbeitet und mit seiner Familie gelebt. Die vielen Umarmungen bei der Begrüßung verdeutlichten, wie sehr man sich während dieser Zeit schätzen gelernt hatte und man hatte die Verbindung nie abbrechen lassen. Der Schulleiter stellte die Schule kurz vor und war sehr glücklich, das völlig neue Gebäude vorstellen zu können. Diese Aufgabe teilte er sich mit Schülerinnen, die die Besucher auch in Klassen führten, wo sie dem Unterricht beiwohnen konnten. Ähneln sich Schulgebäude zumindest in der westlichen Welt doch ziemlich, so fanden es die Besucher aus Deutschland teilweise doch befremdlich, dass es für die Schülerinnen in der Pause noch nicht mal Bänke in dem neuen Gebäude gab, auf welchen sie ihre Pausenbrote verzehren konnten. Sie saßen allesamt in kleinen Gruppen auf dem Boden der Flure. Der Unterricht geht von 9 – 16 Uhr. Eine Mensa gibt es nicht. Aufgefordert, den Besuchern ebenfalls Fragen zu stellen, wollte eine Schülerin, die im Deutschunterricht vom deutschen Schulsystem gehört hatte, als erstes wissen, weshalb wir die gewachsene Gemeinschaft unserer Grundschulklassen bereits nach dem vierten Jahr auseinanderrissen und die Kinder in so jungen Jahren auf neue, so ungleiche Schulen schickten. Eine die Fragerin befriedigende Antwort konnte ihr nicht gegeben werden. Denn in Irland gibt es bis zum Abitur nur das, was man bei uns »Integrierte Gesamtschulen« nennt.

Am Tag des Rückflugs blieben dann noch ein paar Stunden übrig, die Hauptstadt Dublin bei einer Stadtrundfahrt kennen zu lernen und die Atmosphäre der Stadt bei einem längeren Bummel durch die Innenstadt einzuatmen. Zeit für ein letztes Glas Guinness in einem der zahlreichen, viel besungenen Pubs blieb auch noch und so kam die gelungene Fahrt zu einem ebensolchen Ende.

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