07. November 2011, 16:23 Uhr

Ein Cowgirl kennt keinen Schmerz

Friedberg (chh). Auf dem Rücken eines Pferdes durch die Prärie reiten, Rinderherden zusammentreiben und nach der harten Arbeit am Lagerfeuer sitzen – schon als Kind war Miriam Goll von Cowboys fasziniert. »Ich wollte als kleines Mädchen immer nach Texas«, verrät die Friedbergerin. Stattdessen arbeitete sie als Cowgirl in Australien.
07. November 2011, 16:23 Uhr
Typische Aufgaben für Cowgirl Miriam Goll: Zäune reparieren und die Schafe pflegen.

Erst der Kollaps der internationalen Finanzmärkte ermöglichte es der 25-Jährigen, ihren Traum wahr werden zu lassen. »Ich habe vergangenes Jahr in einer Werbeagentur in Frankfurt gearbeitet. Wegen der Finanzkrise wurde die halbe Belegschaft gefeuert. Da ich als letztes eingestellt worden war, war ich auch die erste, die gehen musste«, erzählt die gelernte Mediengestalterin. Jetzt oder nie, dachte sich die junge Frau, suchte im Internet – und wurde fündig: Nicht in Texas, dafür aber in Australien. »Mir war wichtig, nicht einfach als Backpacker durch das Land zu ziehen und mein Geld als Obstpflücker zu verdienen. Ich wollte auf eine Ranch.«

Im Juli war es soweit: An ihrem Geburtstag feierte sie Abschied, knapp zwei Wochen später stand sie auf einer Vorbereitungsfarm in die Nähe von Brisbane. In einem einwöchigen Crashkurs sollte sie das Cowboy-Handwerk lernen, auf dem Stundenplan standen Reiten, Rinder und Schafe hüten, Motorradfahren, Zäune reparieren und Arbeiten mit der Kettensäge. Reiten war für die Pferdenärrin kein Problem, Motorradfahren hingegen schon. Am zweiten Tag stürzte sie und brach sich das Schlüsselbein.

So idyllisch das Outback auch ist, so tückisch kann es im Ernstfall sein: Erst nach einer knappen Stunde erreichte der Krankenwagen die Farm, zwei Stunden dauerte die Fahrt ins Krankenhaus. Mit ihrer Verletzung war an Reiten oder Zäune reparieren nicht zu denken. So blieb sie anstatt einer Woche knapp zwei Monate. Sie lernte das Farmleben kennen, kümmerte sich um die Tiere und die gut acht Hektar große Ranch. Abends gab’s zwar keine Bohnen aus der Pfanne, dafür aber zünftige Barbecues. »Kängurufleisch. Sehr lecker, es darf aber nur kurz angebraten werden.«

Miriam Goll war nicht die einzige Frau auf der Farm: »Zwei Drittel unserer Gruppe waren Mädels. Eigentlich komisch, Motorradfahren und Motorsägen sind ja eigentlich typische Jungs-Sachen.«

Nach sieben Wochen fühlte sich die 25-Jährige gerüstet, um ihren eigentlich Job anzunehmen. Nach einer 16-stündigen Busfahrt erreichte sie die Farm bei Sydney, die für die nächsten drei Monate ihr Zuhause werden sollte.

Ihr Job: Rinder und Schafe auf die Weide bringen, den Zuchtkühen Bullen zuweisen und Ohrringe verpassen. Auch um die »Working-Dogs« kümmerte sich die 25-Jährige. »Die Hunde haben die Schafe gehütet«, erzählt die Friedbergerin. Und die Vierbeiner wussten sich gegen sture Böcke durchzusetzen: »Wenn ein Schaf am vorderen Ende der Herde stehen blieb, blieben auch alle anderen stehen. Der Hund sprang dann auf eines der Tiere und lief über die Rücken der anderen hinweg, bis er den Stau-Verursacher aufgespürt hatte.«

Die Lämmer hatten es Miriam Goll besonders angetan, vor allem eines: Henry. »Als wir eines Tages Schafe auf die Koppel brachten, fanden wir ein Lamm. Es hatte im hohen Gras seine Mutter verloren«, erinnert sich die 25-Jährige. Sie nahm das Tier mit auf die Farm und zog es mit der Flasche auf. Wieso der Name Henry? »In Anlehnung an Henry Maske. Wir mussten dem Lamm Grassamen aus den Augen pulen. Zur Desinfektion gab’s Spray drauf. Danach sah Henry aus, als hätte er ein blaues Auge. Wie ein Boxer eben.« Sprichwörtlich an den Hörnern packen musste sie die Schafe beim Scheren: »Das ist total schwierig, mir ist fast der Arm weggeflogen.« Eine Aufgabe, um die sie die männlichen Farmer nicht beneidet.

»Ich habe für meinen Chef auch Pferde eingeritten«, erzählt die Friedbergerin. Der Farmer war Polo-Spieler, an den Wochenenden ging es zu Turnieren. Waren die Anreisen länger, übernachtete Miriam Goll im Truck. Oder im Schlafsack unter freiem Himmel. »Durch die Turniere habe ich viele Einheimische kennengelernt. Die Australier sind alle sehr nett. Zumindest, wenn man nett zu ihnen ist.«

Bevor Miriam Goll nach Deutschland zurückkehrte, packte sie doch noch die Backpacker-Lust. Also hängte sie den Cowboy-Hut an den Nagel, streifte sich den Rucksack über und machte es wie tausende andere Backpacker auch: Sonnenaufgang am Ayers Rock, Fallschirmspringen am Great Barrier Reef, ein Trip nach Neuseeland.

An Weihnachten kehrte sie noch einmal auf die Farm zurück. »Es ist merkwürdig, Weihnachten bei 30 Grad zu feiern. Aber wenigstens gab es einen Baum – wenn auch aus Plastik.« Wie in England wird auch in Australien kein Heilig Abend gefeiert. Für die Friedbergerin machten die Aussies jedoch eine Ausnahme. »Ich habe mich am 24. Dezember mit Freunden an einer Tankstelle auf ein Weihnachtsbierchen getroffen«, lacht die 25-Jährige.

Ein besonderes Geschenk gab’s auch: »Kurz nach Weihnachten wurde ein Fohlen geboren. Eigentlich wollten wir nur kontrollieren, ob auf der Koppel alle Zäune intakt sind, als wir ein Pferd im Gras lagen sahen. Als wir näher kamen, konnten wir schon die Nüstern des Fohlens erkennen. Die Stute brachte ein gesundes Hengstfohlen zur Welt. Ein verspätetes Weihnachtsgeschenk sozusagen.«

Infos über die Arbeit auf einer Farm gibt es im Internet auf farmingaustralia.wordpress.com.

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