02. November 2011, 12:43 Uhr

Mit dem Rad zu den italienischen Partnergemeinden

Friedberg (pm). Was macht man, wenn man wie Friedberg Partnergemeinden in Norditalien mit einer großen radsportlichen Tradition und Gegenwart hat? Frau und Mann schwingen sich gemeinsam mit Bürgermeister Michael Keller und unter der Leitung des Leiters des städtischen Jugendhauses, Lukas Hölzinger, aufs Rennrad.
02. November 2011, 12:43 Uhr
Noch elf Kilometer bis zur Madonna del Ghisallo. An der Uferpromenade von Bellagio versammelt sich Team Friedberg zum letzten Gipfelsturm. (Foto: pv)

So auch dieses Jahr, als sich 20 radsportbegeisterte Jugendliche, Frauen und Männer in den Herbstferien an die großartigen Pässe und Bergankünfte des Giro d’Italia im Gebiet zwischen Etschtal und Comer See, geprägt von den Gebirgsketten der Brenta, des Adamello und der Bergamasker Alpen, wagten.

Es war eine echte Mehrgenerationenfahrt, reicht doch die Altersspanne von 14 bis 69 Jahren, und es gab einen bemerkenswert hohen Frauenanteil: Mit Andrea Cantow, Christl Geiger, Regina Kaurisch, Susanne Keller, Rita Kraus und Cornelia Meisinger gingen sechs Frauen dieses anspruchsvolle Unternehmen an. Für Italien, wo Rennradfahren noch immer eine von Männern dominierte Sportart ist, übrigens alles andere als selbstverständlich.

In sechs Tagen 470 Kilometer und mehr als 10 000 Höhenmeter – das heißt, jeden Tag wurden zwischen 60 und 100 Kilometer mit mindestens 1300, zumeist aber 2000 Höhenmeter und mit Kilometer langen Steigungen von deutlich über 10 Prozent bewältigt. Natürlich freuten sich alle über das gemeinsame Erleben so herausragender Bergankünfte wie Mortirolo (1852 Meter), Passo San Marco (1985 Meter), Croce Domini (1892 Meter), Aprica, Folgaria, Monte Bondone, Culmine San Pietro und Madonna del Ghisallo.

Viele dieser Pässe wie der Passo San Marco sind nur Experten des Giro d’Italia bekannt, wo dieser Name immer wieder einmal im Streckenplan auftaucht. Dabei können sich die knapp 1800 Höhenmeter seiner Nordrampe mit viel berühmteren Anstiegen wie dem Stilfser Joch messen. Heute liegt der Pass, Tor in die Bergamasker Alpen, die meiste Zeit des Jahres recht verlassen. Was für den Passo San Marco zu sagen ist, galt die gesamte Woche: So gut wie kein Autoverkehr, strahlender Sonnenschein, selbst in 2000 Meter Höhe angenehme Temperaturen und herausragende Fernsicht.

Dass es auch anders sein kann, zeigte sich bei der Hinfahrt, als man den Fernpass mit den Bussen im Schneegestöber überquerte oder 2007, als man am Ofenpass in einen Schneesturm geriet und sich die Serpentinen des Malojapasses bei Temperaturen von deutlich unter 0 Grad und geschlossener Schneedecke herunter tastete.

Nichts verkörpert die für deutsche Verhältnisse unbekannte Mischung aus Rennradfahren und Katholizismus so wie die der Madonna del Ghisallo gewidmete Kapelle, die den Scheitelpunkt der von Bellagio am Comer See mit bis zu 15-prozentigen Steigungen nach Friedbergs Partnergemeinden Civenna, Magreglio und Barni ziehenden Straße krönt. An der Patrona del Ciclisti und den zu ihr führenden Serpentinen und Anstiegen versammeln sich beim letzten Radweltcuprennen der Saison, der Lombardei-Rundfahrt, bei Volksfeststimmung Tausende von Radsportfans und warten auf den Moment, wenn die Hubschrauber das Nahen der Fahrer ankündigen und die Spannung mit dem Einsetzen des Glockengeläuts der Kapelle zu ihrem Höhepunkt kommt.

Am Samstagvormittag übergab der diesjährige Gewinner der Tour de France, Cadel Evans, sein Siegertrikot der Kapelle. »Die Kapelle, das inzwischen in ihrer Nähe entstandene große Radsportmuseum und die Passauffahrt sind Anziehungspunkte für Radsportler aus aller Welt geworden«, erläuterte Bürgermeister Keller. In den zurückliegenden Jahren habe er über die Kapelle und das Museum Kontakt zu vielen früheren und jetzigen Radsportstars wie Cadel Evans, Felice Gimondi, Ivan Basso oder Fiorenzo Magni erhalten.

Ebenso außergewöhnlich und unvergleichlich ist auch die künstlerisch gestaltete Muro di Sormano, ein für den Autoverkehr gesperrtes Sträßchen, das es mit seinen 1,7 Kilometer Länge, mit einer Höhendifferenz von 304 Meter, der Spitzensteigung von 25 Prozent und einem Durchschnitt von 18 Prozent in sich hat und gerade deswegen von einem Teil der Friedberger Gruppe am Samstag noch unter die Räder genommen wurde, bevor die Lombardei-Rundfahrt alles Interesse auf sich zog.

Schwer wie die Anstiege, aber ohne das Glücksgefühl, wenn man den Passhöhe erreicht hat, zeigte sich die Partnerschaft mit den Gemeinden Magreglio, Barni, Civenna und Oliveto Lario. Die Euro-Krise mit ihrer Angst um Ersparnisse, um sozialen Zusammenhalt und Italiens Mitgliedschaft im Euro wurde beim Besuch in den Partnergemeinden Realität. Die bereits beschlossenen Sparprogramme der Regierung Berlusconi bedeuten das Aus für die Selbstständigkeit der mit Einwohnerzahlen von weniger als 1000 kaum leistungsfähigen Berggemeinden Civenna, Magreglio und Barni. Die Etats, zumeist Zuweisungen des in der Lombardei ungeliebten römischen Staates, sind auf ein Minimum geschrumpft.

Dass sich die Zeiten geändert haben, lässt sich am besten daran festmachen, dass Einladungen von italienischer Seite aufgrund der Krise nicht mehr möglich sind, so dass diesmal die deutsche Gruppe einlud. Ähnliches hört man auch aus Bishop’s Stortford, der englischen Partnerstadt, die sich aufgrund der Finanznöte und der Europaskepsis der dort politisch dominierenden Konservativen möglicherweise aus der Partnerschaft mit Villiers-sur-Marne und Friedberg zurückziehen will.

Und noch eins war auffällig: Obwohl die meisten Bürgermeister zu den Regierungsparteien in Rom gehören – Berlusconis Forza Italia und Bossis Lega Nord –, verzweifeln sie an ihrer politischer Führung. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Deutschland und Italien ist aus ihrer Sicht nicht alleine, dass in Deutschland die Realwirtschaft brummt. Was nicht nur sie so schmerzlich vermissen, ist dass derzeit in Italien eine personelle und inhaltliche politische Alternative nicht in Sicht sei, auch dies sei in Deutschland anders. »Die Qualität einer Beziehung zeigt sich erst in der Krise«, so das Resumee von Bürgermeister Keller: »Diese Woche war nicht nur ein eindrucksvolles Landschafts-, Sport- und Gemeinschaftserlebnis. Sie hatte eine ganz besondere Qualität, weil sie mitten in ein angezähltes, taumelndes Land führte, dessen Ministerpräsident nicht nur für Europa, sondern inzwischen auch für Italien zum Problem geworden ist.«

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