26. Mai 2011, 18:55 Uhr

Kunst des Lernens: Von der Befehls- zur Vereinbarungskultur

Friedberg (pm). Der Erziehungswissenschaftler Prof. Jörg Schlömerkemper von der Goethe-Universität Frankfurt referierte in der Burgkirche über die Notwendigkeit eines Wandels der Strukturen des Lernens. Er plädiert dafür, sich von den vorherrschenden Modellen der Kompetenz-Prüfraster zu verabschieden und individuelle Kompetenz-Entwicklungsmodelle einzuführen.
26. Mai 2011, 18:55 Uhr
Prof. Jörg Schlömerkemper bei seinem Vortrag in der Burgkirche, rechts Bürgermeister Michael Keller. (Foto: pv)

Gastgeber des Vortrags war die Stadt Friedberg in Kooperation mit dem Bildungsforum und der Montessori-Sekundarschule.

»Weg von der Befehlskultur hin zur Vereinbarungskultur« lautete die Forderung von Jörg Schlömerkemper, der in seinem Vortrag das vorherrschende Schulsystem vor allem der weiterführenden Schulen kritisch beleuchtete und gleichzeitig Wege aus der derzeitigen Bildungskrise aufzeigte. Als langjähriges Vorstandsmitglied der Gesellschaft zur Förderung pädagogischer Forschung vergleicht Schlömerkemper seit vielen Jahren die verschiedenen Schulsysteme weltweit und hat darauf aufbauend das Modell der kompetenzorientierten Lernorganisation (KoLo) entwickelt.

Im Mittelpunkt des Modells steht ein individueller Bildungsplan, den die Pädagogen gemeinsam mit einzelnen Schülern zu Beginn eines Schuljahrs erarbeiten. Um kompetenzorientiertes Lernen zu ermöglichen, müssten die Schulen sich strukturell umstellen. 45-minütige Frontalunterrichtseinheiten und einheitliche Bildungsstandards sind nach Meinung von Schlömerkemper »Überbleibsel des preußischen Systems, die sich eine moderne Gesellschaft nicht mehr leisten sollte, vor allem dann nicht, wenn sie öffentlich für Bildungsgerechtigkeit plädiert.«

Als ungerecht empfindet der Bildungsexperte unser System nicht erst seit PISA. »Die Startchancen sind nicht für alle gleich. Deshalb sollten wir das Lernen der Schülerinnen und Schüler stärker in den Mittelpunkt stellen, anstatt einheitliche Leistungskontrollen als Maßstab für Lernerfolg zu nehmen.« Während die Schüler weitgehend selbstbestimmt ihre Lernpläne im Unterricht bearbeiten, haben die Lehrer in dem Modell vor allem die Aufgabe, die Schüler anzuleiten, ihnen Orientierung zu geben und bei Schwierigkeiten und Fehlern zu helfen.

Da kompetenzorientiertes Lernen in einem sozialen Raum stattfindet, berücksichtigt das Modell des individuellen und kooperativen Lernens auch die prozessorientierte Lernorganisation (PoLo). »Unser Gehirn lernt immer, auch in der sozialen Interaktion mit anderen«, betonte der Professor. »Pädagogen sollten im Schulalltag auch die offenen sozialen Prozesse bei der Gestaltung ihres Unterrichts berücksichtigen und nutzen.«

Für viele Schulen ist das in der Burgkirche vorgestellte Modell nur eine Vision, das sich mit dem vorherrschenden System nicht vereinbaren lasse und häufig von den Verantwortlichen gar nicht angestrebt wird. Dies kam auch in der anschließenden Diskussion heraus, in der unter anderem ein Vater gerade die Disziplin und sichere, einheitliche Bildungsgrundlagen als Voraussetzung für den beruflichen Einstieg forderte.

30 Pädagogen anwesend

Vorbehalte und Skepsis bekommt Schlömerkemper häufig zu hören. Zu extrem wäre der Wandel, die Umstellung zu kompliziert, der Aufwand zu groß. »Die Bereitschaft und die Fähigkeit vor allem der weiterführenden Schulen, einschneidende Veränderung vorzunehmen, ist noch nicht sehr ausgeprägt. Viel zu wenig Schulen wagen entsprechende Schritte«, klagt Schlömerkemper, der sich sicherlich gewünscht hätte, dass die insgesamt 3430 Lehrkräften in der Wetterau zahlreicher zu seinem Vortrag erschienen wären. Unter den etwa 80 Zuhörern waren nur knapp 30 Pädagogen vertreten. Nichts desto trotz, wird Friedberg als Bildungsstadt weiter dran bleiben: In seiner Begrüßungsrede verwies Bürgermeister Michael Keller auf die Erfolge des vergangenen Jahres und versprach, sich auch weiterhin für die Bildungsstadt Friedberg einzusetzen, für Kindergärten, Schulen und die Technische Hochschule Mittelhessen.



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