Friedberg

Mit vorgehaltener Spritze Medikamente erpresst

Friedberg/Bad Nauheim/Gießen (kan). Zu drei Jahren und elf Monaten Haft ist ein 25-jähriger Friedberger wegen schwerer räuberischer Erpressung verurteilt worden. Die Siebte Große Strafkammer des Gießener Landgerichts ordnete am Freitag außerdem die Unterbringung des drogenabhängigen jungen Mannes in einer Entzugsklinik an.
08. April 2011, 20:35 Uhr
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Mit einer Spritze hat der Mann die Ausgabe von Medikamenten verlangt. (Foto: dpa)

Die Überfälle liefen immer gleich ab: Der Angeklagte wickelte sich einen schwarzen Schal bis über die Nase, zog seine Kapuze tief in die Stirn und holte eine mit seinem eigenen Blut gefüllte Spritze aus dem Rucksack. Dann betrat er die Apotheken, bedrohte die Angestellten mit den Worten »Das ist eine HIV-Spritze« und forderte die Herausgabe von Methadon oder Rohypnol. Dann flüchtete er auf seinem orangefarbenen Damenrad.

Innerhalb von einer Woche war er so im November 2010 in zwei Apotheken in Friedberg und Bad Nauheim erfolgreich. In einer blitzte er jedoch ab. Dort ging man nicht auf seine Forderung ein, sondern rief die Polizei. Auf die gleiche Weise erbeutete er in einem Friedberger Sonnenstudio 600 Euro. In diesem Fall sei er durch Friedberg gefahren und habe »geguckt, ob ich irgendwo Geld machen kann«, berichtete der Mann der Kammer.

Grund für alle Überfälle sei der hohe Suchtdruck gewesen, mit dem er jeden Morgen aufgewacht sei. »Es war wirklich nie meine Absicht, anderen etwas anzutun«, beteuerte der Angeklagte. Das Blut sei nicht infiziert gewesen, er habe weder Aids noch Hepatitis. Zu diesem Zeitpunkt konsumierte der Mann täglich Heroin, Crack, Rohypnol, Methadon »und was man halt noch so bekommt«. Bis zu 300 Euro täglich habe er damals nur für die Drogen gebraucht. Das wurde ihm schließlich zum Verhängnis. Als er in einer der Friedberger Apotheken erfolglos blieb, fuhr er gleich im Anschluss nach Bad Nauheim, »weil ich ja nichts bekommen habe, und der Suchtdruck war ja immer noch da.« Dort dauerte es allerdings lange, bis er die gewünschten Medikamente bekam. Als der Apotheker sie ihm gerade in eine Tüte packte, hörte der Drogenabhängige bereits die Polizeisirenen. Der Mann schaffte es noch, zu flüchten, sein Fahrrad abzustellen und sich umzuziehen, dann wurde er geschnappt.

Mit 13 Jahren beginnt Drogenkarriere

In den letzten zehn Jahren war der junge Mann immer wieder straffällig geworden, aber noch nie mit Gewaltdelikten. Schon als Kind wurde er von zwei Schulen verwiesen. »Die Grundschule muss noch 14 Messer von mir haben.« Als er etwa 13 Jahre alt war, begann seine Drogenkarriere, zunächst mit Haschisch. Inzwischen habe er Krankheitseinsicht, sei aber noch »unfähig, das umzusetzen«, sagte der psychiatrische Gutachter, der zur Unterbringung riet. Über den Strafrahmen hatten sich Verteidigung, Staatsanwaltschaft und Gericht vor der Beweisaufnahme verständigt.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedberg/art555,58149

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