13. Dezember 2010, 19:12 Uhr

Auch 2011 gibt’s keine »Sommersprossen«

Friedberg (jw). Der Begriff Kultur leitet sich von dem lateinischen Wort cultura ab und bedeutet soviel wie Pflege. Im engeren Wortsinn meint Kultur die Pflege von Kunst und Geisteskultur, im weiteren Sinne wird der Begriff auf nahezu alle menschlichen Tätigkeiten angewandt, etwa auf die Unternehmenskultur, die Esskultur oder die Streitkultur. Letztere ist in Friedberg besonders dann ausgeprägt, wenn über Kultur im engeren Wortsinne diskutiert wird, so geschehen am Donnerstagabend in der Stadtverordnetenversammlung.
13. Dezember 2010, 19:12 Uhr

Ergebnis: Eine Neuauflage der Kleinkunstreihe »Sommersprossen« wird es 2011 nicht geben, städtische Zuschüsse fließen an die Musikschule und die Volksbühne, besonders im letzten Fall aber mit Vorbehalten. Friedberg ist eine Stadt der Bildung, und dazu gehöre auch ein anspruchsvolles Theater, sagte Reinhard Huth (SPD). Die Volksbühne werde vom Publikum angenommen, große Schauspieler wie Liesl Christ, Götz George oder Martin Semmelrogge hätte schon in der Stadthalle gespielt. Damit die Volksbühne für die nächsten Spielzeiten planen könne, sei der städtische Zuschuss wichtig. 20 542 Euro erhält die Volksbühne pro Jahr, der neue Gewährsvertrag sollte ursprünglich für die kommenden drei Jahre abgeschlossen werden, das Stadtparlament beschloss nun zunächst einen Zuschuss für 2011.

Die Argumentation von Huth stieß bei allen Fraktionen auf offenen Ohren, allerdings wurde bemängelt, dass die Volksbühne - trotz Aufforderung - keine detaillierten Angaben über Einnahmen und Ausgaben geliefert habe. »Die Volksbühne verweigert sich«, sagte Andrej Seuss (Grüne), sein Fraktionskollege Horst Weitzel rügte, die Angaben des Vereins seien »lax hingeschrieben«. Auch Dr. Olaf Osten (CDU) und Winfried Ertl (UWG, »Die Vorlage ist ein Witz«) forderten einen ausführlichen Rechenschaftsbericht, Dirk Antkowiak (CDU) sprach von einer »Missachtung des Parlaments«. Der Vorschlag von Achim Güssgen (FDP), Geld für zwei Jahre bereitzustellen und den Rechenschaftsbericht zum 1. Februar 2011 zu verlangen, fand keine Mehrheit.

Die Musikschule Friedberg erhält für die kommenden drei Jahre rund 63 500 Euro. Dies wurde einstimmig beschlossen, allerdings war auch hier in den Ausschussberatungen kritisiert worden, dass die Zahlen relativ spät vorgelegen hätten. Eine Erhöhung des Zuschusses um rund 4700 Euro wurde abgelehnt, lediglich Sven Weiberg (Linke) stimmte dafür. Andrej Seuss (Grüne) begründete die Ablehnung der Erhöhung mit dem Sparzwang der Stadt. Und: Bei über 1400 Schülern sei ja eine Erhöhung der Beiträge von 5 Euro pro Jahr durchaus vertretbar.

Geld für das Elvis-Presley-Festival

Wie bei Volksbühne und Musikschule sah der Kulturausschussvorsitzende Seuss auch beim Programm für den Kreisstadtsommer eine »Strategie« der Verwaltung, sprich von Kulturdezernent und Bürgermeister Michael Keller (SPD). Der hatte dem Ausschuss Zahlen für ein Kulturprogramm vorgelegt, die bei vielen Parlamentariern Verwunderung hervorriefen. Für drei Events im August (Hessischer Comedyabend, Absolventen der staatlichen Artistenschule Berlin und Neue Philharmonie Frankfurt im Zirkuszelt) sind Ausgaben von 32 600 Euro vorgesehen, die Stadt rechnet mit Einnahmen von 17 300 Euro. Geld fließt auch für den Kinosommer (1800 Euro), den Mittelhessischen Kultursommer (20 000 Euro) und das Elvis-Presley-Festival (10 000 Euro), wobei mit Einnahmen von etwa der Hälfte der Summe gerechnet wird. Diese Beträge waren unstrittig und wurden später einstimmig beschlossen. Streit gab es um den Posten »Kleinkunstveranstaltung (z. B. im Burggarten)«. Neben dieser nicht unbedingt detaillierten Angabe standen 40 000 Euro an Ausgaben und 20 000 Euro an erwarteten Einnahmen zu Buche. Seuss vermisste ein Konzept, warf Keller »lustlose Kulturarbeit« vor und schlussfolgerte: »Und für diese Angaben hatte der Bürgermeister ein halbes Jahr Zeit.« Der konterte, es gehe um eine kulturpolitische Aussage, es gehe um die Frage, ob man die »Sommersprossen« wolle oder nicht, und Seuss wolle sie offenbar nicht: »Das wäre eine Chance für den Burggarten gewesen. Aber der, der das fordert, kämpft nicht darum.«

Im Gegenteil, antwortete Seuss, es sei der Bürgermeister, der nicht für seine Kulturveranstaltungen kämpfe, weil er kein Konzept vorlege, sondern nur dünne Zahlen. Keller hatte die 40 000 Euro in den Ausschussberatungen kurzerhand zurückgezogen, nachdem bereits dort nach Details gefragt worden war. Dirk Antkowiak (CDU) wiederum zeigte sich verwundert über die Anmerkung von Keller, dass der Vertrag zur Anmietung des Zirkuszeltes bereits abgeschlossen sei - vor der Zustimmung durch das Parlament. Antkowiak: »Das stimmt mich traurig« - übrigens ein Zitat der Hip-Hop-Gruppe Absolute Beginner und somit ein passendes Fazit dieser streitkulturpolitischen Debatte.

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