09. August 2010, 17:38 Uhr

»Jauchzet dem Herrn alle Welt!«

Friedberg-Ockstadt (gk). Nachdem die Glocken von St. Jakobus das dreitägige Pfarrfest zum 100-jährigen Geburtstag des »Ockstädter Doms« eingeläutet hatten, beeindruckte die 18-köpfige Erwachsenenschola (der auch Sänger der Rosbacher Nachbargemeinde St. Michael angehören) die Zuhörer mit einem gut einstündigen Chorkonzert, in dem Werke von zehn Komponisten aus mehreren Jahrhunderten erklangen.
09. August 2010, 17:38 Uhr
Die Erwachsenenschola mit Rainer Bingel. (Foto: gk)

Die elf Damen und sieben Herren unter Leitung von Domorganist Rainer Bingel feiern in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen und gaben aus diesem Anlass ihr erstes Konzert, wie Pfarrer Bernd Weckwerth in seiner Begrüßung hervorhob.

Die traditionelle Aufgabe einer Choralschola besteht, im Unterschied zum Kirchenchor, seit dem frühen Mittelalter vornehmlich in der musikalischen Ausgestaltung der Liturgie - vor allem an hohen Festtagen. Nach einem kurzen Orgelvorspiel erklang Hugo Distlers Bearbeitung des Chorals »Lobe den Herrn«. Bereits nach wenigen Minuten schufen die Sänger eine intensive Atmosphäre innerer Einkehr und Besinnung, die den Alltagstrubel für kurze Zeit vergessen ließ. Mit sparsamen, sich aufs Wesentliche konzentrierenden Erläuterungen stellte Rainer Bingel die einzelnen Komponisten vor.

Hugo Distler setzte seinem Leben als 34-Jähriger in der Nacht des Reformationstages 1942 freiwillig ein Ende, nachdem er als Komponist und Leiter des Berliner Domchors jahrelangen Schikanen und Demütigungen als »entarteter« Künstler durch die braunen Machthaber ausgesetzt war - und weil er sich seiner Einberufung in einen verbrecherischen Angriffskrieg entziehen wollte. Dank dieser Informationen erschloss sich dem Zuhörer die existenzielle Bedeutung von Distlers Vertonung des Psalms 43 (»Wie der Hirsch schreiet«) - ein hochdramatisches, spannungsgeladenes Werk, das eine kleine Ahnung vom Ausmaß der Verzweiflung dieses tiefgläubigen Mannes vermittelte.

Welcher Kontrast zu Maurice Duruflé, der ebenfalls zweimal vertreten war! Trotz seines schmalen Oeuvres darf der 1986 in Paris Verstorbene zu den angesehensten französischen Organisten und Komponisten geistlicher Musik im letzten Jahrhundert gerechnet werden. »Notre père« (Vater unser), »Ubi caritas« (Wo die Liebe wohnt): Beide Werke sind von wunderbarem harmonischem Reiz - Fülle des Wohlklangs, die von tiefem Gottvertrauen zeugt.

Auch der Wechselgesang mit der Gemeinde gehört zu den überkommenen Aufgaben einer Choralschola. Im hellerleuchteten Kirchenraum war es Matthias Claudius’ »Der Mond ist aufgegangen« (in der Vertonung seines Zeitgenossen Johann Peter Schulz), dessen fünf Strophen im Wechsel mit den Zuhörern erklangen.

Nach Darbietungen von Purcell, Walton, Rutter, Reger endete das mit viel Beifall für ein intensives Musikerlebnis belohnte Konzert mit Felix Mendelssohns triumphalem »Jauchzet dem Herrn alle Welt!« In einer Zugabe (J. S. Bachs »Ach bleib’ bei mir, Herr Jesu Christ!«) konnte die Schola unter Rainer Bingel ein letztes Mal an diesem Abend Zeugnis ablegen von ihrem großen Können, sowohl was Stimmführung, Sicherheit in der Beherrschung ganz verschiedener Stile als auch harmonischen Zusammenklang betrifft.

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