19. Juli 2010, 17:12 Uhr

Erstes Konzert im Theater Altes Hallenbad

Friedberg (rod). Das Duo Mignarda, bestehend aus Sabine Dreier und Johannes Vogt eröffnete mit ihrem Benefizkonzert für das »Theater Altes Hallenbad« als erstes Konzert im Foyer eine Reihe von hoffentlich vielen Veranstaltungen in besonderer, einzigartiger Atmosphäre.
19. Juli 2010, 17:12 Uhr
Sabine Dreier und Johannes Vogt bringen alte und neue Klänge in das Foyer des Alten Hallenbades. (Foto: rod)

Wer hätte gedacht, wie gut die spätmittelalterlichen Klänge in das ehrwürdige alte Haus passen, durch das noch das Flair vergangener, glänzenderer Zeiten weht. Das Duo Mignarda, bestehend aus Sabine Dreier mit Querflöten aus verschiedenen Jahrhunderten und Johannes Vogt mit der Laute, erfüllte die kleine Vorhalle des Alten Hallenbades mit ihrer fragilen Musik, und es schien, als wäre der kleine Raum mit der hohen Kassettendecke und dem stilvollen Jugendstil-Treppenaufgang wie gemacht für die entspannten sommerlichen Klänge. Natürlich sieht man ihm an, dass noch viel Renovierungsarbeit vor dem Verein für die Erneuerung des Alten Hallenbades liegt, aber man fühlt sich zeitlich zurückversetzt, und beim Lauschen kann man erahnen, wie schön der Raum irgendwann als Veranstaltungsort sein wird.

Die Verbindung von alt und modern hatten die beiden Musiker geschaffen, indem sie mittelalterliche, Renaissance- und Barock-Werke - vom 13. bis zum 18. Jahrhundert - kombinierten mit jazzigen Harmonien, Musical-Klassikern und Improvisation. Sie wählten die Stücke so aus, dass ein gleichberechtigter Dialog zwischen Flöte und Laute entstand, und die Flöte die Melodie auch des Öfteren abgab an das vermeintliche Begleitinstrument. Sabine Dreier und Johannes Vogt erwiesen sich als hervorragend aufeinander eingespieltes und miteinander kommunizierendes Duo, dem man anmerkte, dass es schon seit mehreren Jahren miteinander musiziert. Entsprechend der Entstehungszeit der Werke griff Dreier zur historischen Renaissance-Flöte oder zur modernen Querflöte, was dem Klang eine hohe Authentizität verlieh. So etwa den galizischen »Liedern über die Jungfrau Maria« des kastilischen Königs Alfonso »Dem Weisen« aus dem 13. Jahrhundert, die - wie das »Lamento di Tristano« - mit melancholisch anmutenden, endlos langen Melodiebögen voller Verzierungen typisch für ihre Zeit waren. Geradezu unbemerkt schlich sich die Flöte manchmal mit ihrem weichen, warmen Holzklang in die Melodien, Dreier und Vogt spielten mit dynamischen Feinheiten in der intimen Atmosphäre des Raumes.

Wie schnell und fingerfertig beide sind, bewiesen sie bei der »Recercada primera« von Diego Ortiz, die über die Recercada segunda übergeleitet wurde in »Springwind in Australia«, einer ganz modernen Komposition mit einer simplen, sphärischen Melodie, die sanften Wind über eine australische Steppe wehen ließ und durch ihre fremdartigen Klänge weit weg entführte. Viel Atem brauchte Sabine Dreier hier, ebenso wie bei François Couperins »Le rossignol en amour«, also der »Verliebten Nachtigall«. Eine eigentlich einfache Melodie, mit Trillern und Umspielungen verziert, sodass man die Nachtigall fast vor sich sehen konnte - eine ganz typische Kompositionsweise für die Barockmusik, die gern mit naturalistischen Motiven spielt. Sabine Dreier ließ die Nachtigall zwitschern auf ihrer schwarzen Barock-Querflöte, die um einiges kräftiger klingt als die Renaissance-Flöte. Als moderne Ergänzung hatten sich Dreier und Vogt eine »Nachtigall im Mondschein« ausgedacht, die in französischer Chanson-Manier fast ein wenig jazzig sang. Auch Antonio Vivaldis Sonata No. 5 bekam einen neuen Anstrich im Mittelteil, »Vivaldi im Sommer«, eine Bearbeitung von George Gershwins »Summertime« in Vivaldi’scher Manier. Als erfrischend und erheiternd erwiesen sich diese »Abstecher« und Stilbrüche mit teils überraschender Harmonik, die Dreier und Vogt unternahmen. Als schönstes Experiment des Abends zeigten sich aber die »Echos« des französischen Hofkomponisten Jacques Martin Hotteterre, für das Dreier auf die Galerie hinaufwandelte und von irgendwo im Gebäude eine Melodie mit Echo kam, die extremes dynamisches Feingefühl verlangte. Dann fiel der Lautenspieler ein, und Dreier und Vogt kamen sich - räumlich - wieder näher beim Stück mit dem bezeichnenden Titel »I hear you«. Viel Applaus ernteten sie aus den voll besetzten und dicht gedrängten Reihen für ihr sommerliches Programm und boten, was der Titel des Abends versprach: »Erfrischungen aus dem Jugendstilbad«. Das braucht nun noch viele Spender, wie der stellvertretende Vorsitzende Bernd Pollack vor dem Konzert eindringlich betonte, um in den kommenden Jahren in einen besonderen Theatersaal verwandelt zu werden.

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