10. Mai 2009, 17:28 Uhr

Auf der Suche nach der rasenden, stehengebliebenen Zeit

Friedberg. Als der Bad Nauheimer Schriftsteller Andreas Maier im Oktober von der »Zeit« gefragt wurde, wer den Literaturnobelpreis verdient hätte, antwortete er: »Natürlich Peter Kurzeck«, weil der das »Jahrhundertgenie deutscher Sprache« sei, der »Einzige auf Marcel-Proust-Niveau«.
10. Mai 2009, 17:28 Uhr
Beeindruckende Sprachmelodien (v. l.): Leandra Dirlam, Moderator Manfred Merz, Peter Kurzeck, Lisa Leinkos und Jan Habermehl während der Lesung im Plenarsaal des Kreishauses. (Foto: nic)

Friedberg. Als der Bad Nauheimer Schriftsteller Andreas Maier im Oktober von der »Zeit« gefragt wurde, wer den Literaturnobelpreis verdient hätte, antwortete er: »Natürlich Peter Kurzeck«, weil der das »Jahrhundertgenie deutscher Sprache« sei, der »Einzige auf Marcel-Proust-Niveau«. Kurzeck wurde 1946 als Dreijähriger mit seiner Familie aus Tschechien vertrieben. In seinen Romanen schildert er die Zeit danach, das Leben in der oberhessischen Provinz und in Frankfurt und konserviert so die stehengebliebene Zeit, die doch zugleich eine rasende ist. Kritiker und Kollegen loben den eigentümlichen Tonfall, die irritierende sprachliche Verknappung. Kurzecks Romane sind keine einfache Lektüre: Sätze ohne Verben, ohne Punkt und Komma, Bruchstücke radikaler Vergegenwärtigung, ein »Ton zarter Verwunderung« (Maier).

In den 1990er-Jahren war Kurzeck der erste (und bislang auch einzige) »Wetterauer Landschreiber«. Das war in Echzell, und Kurzeck betonte damals wie heute diesen Namen im Gegensatz zu den Einheimischen (die »Echzll« sagen) auf der letzten Silbe. »Der Busfahrer ist richtig zusammengezuckt«, erzählte er am Freitag im Friedberger Kreishaus. Die Augustinerschule hatte den Schriftsteller im Rahmen des hessischen »Tags für die Literatur« mit Unterstützung von Stadt, Wetteraukreis und Ovag für eine Lesung eingeladen. Der Deutschleistungskurs von Edith Fabinyi hat sich mit seinen Romanen beschäftigt, und da Kurzeck oft auf der B 3 zwischen Gießen und Frankfurt unterwegs ist, lautete der Veranstaltungstitel »On the road again«.

Kurzeck las aus seinem Roman »Keiner stirbt«, der im Herbst 1959 spielt. Während eine Kamera Bilder von der Kaiserstraße, der B 3, auf eine Leinwand im Plenarsaal übertrug und dort Autos und Lastwagen lautlos vorbeihuschten, imaginierte der Dichter Bilder von knarrenden Dielen und Holz hackenden Dorfbewohnern, von beständig kommenden und gehenden Schubkarren, von Hecken, Feldern, streunenden Hunden und den Straßen, auf denen sich das Leben abspielt. »Sind die Bauern hierorts schon beim Rübeneinfahren, die Dickwurz, die Futterrüben also, die Roiben, oder ist der Matsch und der Dreck auf den Straßen allseits noch von der Kartoffelernte? Hierorts ja nicht, doch nur ein Stückchen weiter nach Süden hin, in der Wetterau also, so heißt hier der Süden, da hat es auch Zuckerrüben in Mengen.«

Ein suggestiver Märchenton

Wenn Kurzeck zu erzählen beginnt, hört er nicht mehr so bald auf. Und so schreibt er auch. Liest er vor, dann in einem zarten Ton, vorsichtig die Wörter und die dahinter stehenden Menschen und Dinge abtastend, ein Märchenton, dessen suggestive Kraft zum guten Teil von einer verstörend schönen Melodielinie herrührt. Am Ende jedes Satzes, meist auf der vorletzten Silbe, hebt sich die Stimme, und der Zuhörer weiß: Es geht weiter, immer weiter, eben »on the road again«.

Den Roman »Keiner stirbt« habe er dreimal geschrieben, erzählte Kurzeck im Gespräch mit dem Moderator Manfred Merz, Feuilletonchef von Gießener Allgemeine und Wetterauer Zeitung. Erstmals im Herbst 1963 auf hellgrünem Papier, mit einer gemieteten Schreibmaschine. Dann wurde der Roman, der damals noch »Regentage« hieß, zweimal umgearbeitet, bis er den eigenen Ansprüchen genügte. Kurzeck: »Literatur muss der Selbstprüfung standhalten.«

Merz fasste Kurzecks Biografie in geraffter Form zusammen: Mit 14 die Schule verlassen, und nach 15 Jahren als Leiter der Personalverwaltung bei der US-Army vom einen auf den anderen Tag den Job hingeschmissen, weil er keine Lust mehr hatte und lieber Schriftsteller werden wollte. Das, kommentierte Merz schmunzelnd und mit Blick in die Reihen der aufmerksam lauschenden Augustinerschüler, sei eine »fragwürdige Perspektive«. Drei Augustinerschüler machten sich auf Kurzecks Spuren. Lisa Leinkos, Leandra Dirlam und Jan Habermehl lasen eigene Texte vor, über Straßen, die sich als triste Betonspuren durch die Landschaft ziehen und als Fluchtweg vor der Langeweile dienen, über Dableiber, Wegwoller, Hindernisse und die Frage, was am Ende der Straße kommt. Stilübungen, die hier und dort die Kurzeck-Lektüre verrieten, aber auch eigene Wege einschlugen. Habermehl sang zur Gitarrenbegleitung ein selbst komponiertes Lied, ausdrucksstark und mit dylanesker Schlagtechnik, und nun war es der Dichter, der schmunzeln durfte: »On the road like Peter Kurzeck, on the road like Jack Kerouac.« Eine gelungene Hommage an einen großen Dichter und einfühlsamen Erzähler. Jürgen Wagner



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