12. November 2008, 20:06 Uhr

Als Friedberger Schüler die Mikwe retteten

Friedberg (jw). Am 10. November 1938 wütete der Nazi-Mob in Friedberg. Fensterscheiben klirrten, Wohnungen wurden demoliert und die jüdischen Bewohner in Angst und Schrecken versetzt. Am Abend zuvor hatte die örtliche NSDAP auch das Judenbad als Objekt des organisierten »Volkszorns« auserkoren. Die 1260 erbaute Mikwe sollte zerstört werden. Doch es kam anders. Als die SA-Männer singend in die Judengasse einmarschierten, trafen sie vor dem Judenbad auf eine Gruppe von Schülern des Aufbaugymnasiums, die ihnen den Zugang verweigerten. »Dieses ist ein historisches Bad, es ist bedeutend und darf nicht zerstört werden! Wir haben den Befehl von Prof. Dr. Schmied-Kowarzik«, sollen sie den SA-Männern zugerufen haben. Schmied-Kowarzik war der Geschichtslehrer der 15-Jährigen. Als NSDAP-Mitglied hatte er von den Zerstörungsplänen erfahren und die Aktion der Schüler angeordnet. Der Plan ging auf: Die SA-Männer zogen weiter, das Judenbad wurde verschont und die Schüler wurden von ihrem Lehrer mit einer ideellen Goldmedaille belobigt.
12. November 2008, 20:06 Uhr

Friedberg (jw). Am 10. November 1938 wütete der Nazi-Mob in Friedberg. Fensterscheiben klirrten, Wohnungen wurden demoliert und die jüdischen Bewohner in Angst und Schrecken versetzt. Am Abend zuvor hatte die örtliche NSDAP auch das Judenbad als Objekt des organisierten »Volkszorns« auserkoren. Die 1260 erbaute Mikwe sollte zerstört werden. Doch es kam anders. Als die SA-Männer singend in die Judengasse einmarschierten, trafen sie vor dem Judenbad auf eine Gruppe von Schülern des Aufbaugymnasiums, die ihnen den Zugang verweigerten. »Dieses ist ein historisches Bad, es ist bedeutend und darf nicht zerstört werden! Wir haben den Befehl von Prof. Dr. Schmied-Kowarzik«, sollen sie den SA-Männern zugerufen haben. Schmied-Kowarzik war der Geschichtslehrer der 15-Jährigen. Als NSDAP-Mitglied hatte er von den Zerstörungsplänen erfahren und die Aktion der Schüler angeordnet. Der Plan ging auf: Die SA-Männer zogen weiter, das Judenbad wurde verschont und die Schüler wurden von ihrem Lehrer mit einer ideellen Goldmedaille belobigt.

Es gibt eine weitere, bislang unbekannte Episode in der Geschichte des Judenbads, die mit der Bewahrung dieses bedeutenden Bauwerks zu tun hat, und erstaunlicherweise spielt darin der Reichsführer SS Heinrich Himmler eine wichtige Rolle. Die Historikerin Monika Kingreen, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt, berichtet davon in ihrem Aufsatz »Das Judenbad in Friedberg«, der zusammen mit dem Bericht »Die Judengasse in Friedberg« den Schwerpunkt von Band 56 der Wetterauer Geschichtsblätter bildet; beide Arbeiten sind zudem in einem Sonderdruck zusammengefasst. Gestern stellten der kommissarische Leiter des Stadtarchivs Lutz Schneider, der Vorsitzende des Geschichtsvereins Hans Wolf und einige der Autoren die Bände im Wetterau-Museum vor. Ein passender Ort, wie Museumsleiter Johannes Kögler mit Blick auf die Ausstellung »Fragmente jüdischer Geschichte in Friedberg« sagte. Zumal sich zwei weitere Beiträge in dem Band mit der NS-Zeit beschäftigen.

Heinrich Himmlers okkultes Interesse

Doch zurück zu Heinrich Himmler. Der Organisator der Ermordung von sechs Millionen Juden war für sein okkultes und esoterisches Interesse bekannt. 1941 beauftragte er den Direktor des Hygienischen Instituts der Uni Marburg, Prof. Wilhelm Pfannenstiel, das Judenbad zu besichtigen. Der fand dort zwar kein Heilwasser. Pfannenstiel sprach sich aber für den Erhalt dieses »wertvollen deutschen Kunstwerks« aus, was in der damaligen Diskussion um Zerstörung oder Bewahrung keine geringe Rolle spielte. Das Judenbad, fasst Kingreen diese kontrovers geführte Diskussion zusammen, konnte »auch aufgrund nationalsozialistischer Konkurrenzen und Profilierungsversuchen als Bauwerk ohne materielle Beschädigungen erhalten werden«.

Es ist dies nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was Kingreen über Judenbad und Judengasse zusammengetragen hat und allgemeinverständlich einer breiten Öffentlichkeit präsentiert. Das jüdische Leben in Friedberg wird zudem durch 160 Abbildungen anschaulich gemacht. Den Auftakt zur Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Gemeinde Friedberg bildete der Boykott gegen jüdische Geschäfte. Hans-Helmut Hoos beschreibt in seinem Beitrag, wie die Stimmung gegen die Juden innerhalb weniger Monate der Jahre 1932/33 umkippte, wie die Politik der NSDAP in der »Neuen Tageszeitung« und dem »Oberhessischen Anzeiger« transportiert wurden. Ein akribisch dokumentierter Bericht über die Ideologisierung der Presse.

Werner Wagner, langjähriger Vorsitzender des Geschichtsvereins für Butzbach und Umgebung, der Anfang Oktober im Alter von 65 Jahren verstarb, zeigt in seinem Aufsatz über Dr. August Roeschen die ideologischen Verstrickungen eines Lehrers im Nationalsozialismus. Roeschen wurde später als Mitläufer eingestuft und konnte seine Schulkarriere in Laubach unbehelligt fortsetzen. Kein Einzelfall in jenen Jahren.

Beiträge von Ernst Götz und Hans Wolf

Von Ernst Götz, dem besten Kenner der Friedberger Kirchengeschichte, stammt der Beitrag »Die katholische Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt«, eine überarbeitete Fassung eines Aufsatzes zum 125-jährigen Bestehen im Jahre 2007. Spuren in der Stadtgeschichtsschreibung hat auch Michael Keller hinterlassen. 20 Jahre lang wirkte der Bürgermeister als Schriftleiter der Geschichtsblätter. Hans Wolf würdigt diese Tätigkeit in einem Beitrag, in dem er die Hoffnung zum Ausdruck bringt, Keller werde »vielleicht in späteren Jahren nach dem Ende der politischen Karriere doch noch den dritten Band der Stadtgeschichte vorlegen«.

Eine Art Abschiedsvorstellung gibt Katja Augustin, die langjährige Leiterin des Stadtarchivs Friedberg, die im Juni auf eigenen Wunsch aus dieser Position ausschied. In ihrem lesenswerten Bericht »Die Zukunft im Sinn und die Vergangenheit in den Akten - 100 Jahre Stadtarchiv Friedberg« resümiert sie die Geschichte dieser in der Region wohl einzigartigen Institution, wirft aber zugleich die Frage auf, ob im digitalen Zeitalter in 100 Jahren eine Erforschung der Geschichte überhaupt noch möglich ist. »Die Stadt kann es sich nicht leisten, die Zukunft aus dem Blick zu verlieren«, sagte sie. Ein Appell an die Politik, die Position der Stadtarchivsleitung nach Ablauf der Stellenbesetzungssperre im Dezember erneut zu besetzen. Wie Bürgermeister Keller gegenüber der WZ sagte, soll dies auch geschehen. »Die Arbeit des Stadtarchivs ist ein fortlaufender Prozess, der organisiert werden muss. Dazu braucht es Personal«, so Keller.

Der 365 Seiten umfassende Band 56 der Wetterauer Geschichtsblätter kann von den Mitgliedern des Friedberger Geschichtsvereins ab Montag in der Geschäftsstelle im Alten Rathaus abgeholt werden; er ist im Buchhandel für 29,80 Euro erhältlich. Der Sonderdruck »Das Judenbad und die Judengasse in Friedberg« umfasst 208 Seiten, kostet 14,80 Euro und ist im Buchhandel sowie im Wetterau-Museum, im Stadtarchiv und im Judenbad erhältlich.

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