06. April 2008, 18:52 Uhr

»Das System zwingt mich dazu«

Friedberg/Bad Nauheim (hed). Die Uni Köln hat herausgefunden: Kassenpatienten müssen meist länger auf einen Termin warten als Privatversicherte. Wirklich schocken konnte diese Nachricht, die in den letzten Tagen durch den Blätterwald rauschte, niemanden mehr. Dass das deutsche Gesundheitssystem mit voller Fahrt auf eine Zwei-Klassen-Medizin zusteuert, vermuten viele Patienten schon seit geraumer Zeit.
06. April 2008, 18:52 Uhr
Laut einer Studie der Uni Köln müssen Kassenpatienten bis zu dreimal so lange auf einen Termin warten als Privatversicherte. Die Ärzte schieben der Politik den schwarzen Peter zu. (Foto: hed)

Während die Politik die Gleichbehandlung beider Parteien einfordert, schieben die Ärzte den schwarzen Peter zurück und kritisieren die mangelnde Finanzierung für die Behandlung der Kassenpatienten. Und die Betroffenen fragen sich, wo die Entwicklung enden wird. Die Wetterauer Zeitung hat sich bei Medizinern und Patientenvertretern in der Umgebung umgehört und versucht in Erfahrung zu bringen, was sie von der Debatte halten.

Grund für die Neuauflage der Diskussion ist eine Studie des Instituts für Gesundheitsökonomie der Universität Köln. Die Wissenschaftler hatten im Frühjahr 2006 insgesamt 189 niedergelassene Ärzte im Raum Köln, Bonn und Leverkusen kontaktiert und um einen Termin für eine nicht akute Untersuchung gebeten. Dabei gaben sich die Institutsmitarbeiter einmal als Privat- und einmal als Kassenpatient aus. Das Ergebnis: Gesetzlich Versicherte müssen bis zu dreimal solange auf einen Termin warten als Privatpatienten. Die Anfragen bezogen sich auf Untersuchungen wie Magenspiegelungen, Allergie- oder Hörtests.

»Wenn ich beim Orthopäden anrufe, bekomme ich in zwei Wochen einen Termin. Mein Mann ist privatversichert und darf nach zwei Tagen in die Praxis«, berichtet uns eine Bad Nauheimerin. Ähnliche Erfahrungen haben viele Patienten, mit denen die WZ gesprochen hat, auch gemacht: »Die Studie trifft voll und ganz zu«, meint Pfarrer Mathias Fritsch, 2. Kreisvorsitzender des Deutschen Diabetikerbundes in der Wetterau. Er, selbst privat versichert, habe schon oft das Gefühl gehabt, bei Terminvergaben bevorzugt zu werden. Einmal habe sich ein Arzt persönlich bei ihm entschuldigt, als Fritsch irrtümlich als Kassenpatient »verwechselt« wurde. »Dabei war in diesem Fall eine Entschuldigung völlig unnötig«, so Fritsch. Er wisse von vielen gesetzlich versicherten Diabetikern, die lange auf einen Termin warten müssten. Zudem müsse man immer mehr darum kämpfen, damit bestimmte Behandlungen von den Kassen überhaupt übernommen werden. »Die Behandlungsqualität ist aber bei allen gleich – egal ob Kassenpatient oder privat versichert«, unterstreicht Fritsch.

»Viele Patienten beschweren sich bei uns, dass sie in den Praxen nicht mehr drankommen«, erklärt Jürgen Einig, Patientenberater bei der Deutschen Rheuma-Liga. »Manchmal muss man ein Dreivierteljahr warten, um einen Termin in der Rheumaklinik zu bekommen«, so der Selbsthilfegruppensprecher. Schuld sei vor allem die Kassenärztliche Vereinigung (KV), die viel zu wenige Behandlungen genehmige – auch wenn die Klinik laut Einig zu mehr bereit wäre. »Stellen sie sich vor, sie haben einen akuten Rheumaschub und müssen dann zwei Wochen auf einen Termin warten. Das ist ein untragbarer Zustand«, sagt Einig. Eine schnelle Behandlung bekomme man nicht selten nur durch gute Beziehungen. »Viele unserer Mitglieder lassen sich mittlerweile privat versichern, um schneller behandelt zu werden«, meint er. Generell sei es für chronisch Kranke heutzutage immer schwerer, überhaupt eine Arztpraxis zu finden, die sie als Stammpatienten aufnimmt.
Stüwe: »Die Politik ist da unehrlich«
Aus Kostengründen dürfe kein Arzt den ein oder anderen Patienten bevorzugen, erklärte Gesundheitsministerin Ulla Schmidt dieser Tage in einem Zeitungsinterview. Ganz so einfach ist es nach Meinung der Ärzteschaft nicht: Die vorgegebenen Budgets für die Behandlung von Kassenpatienten seien eng bemessen und daher schnell ausgeschöpft, erklärt Dr. Ursula Stüwe, Präsidentin der Landesärztekammer (LAK) Hessen. Sie räumt ein, dass es bei einigen Fällen zu längeren Wartezeiten kommen kann. Bei nicht akuten Fällen würden manche Mediziner ihre Patienten ins nächste Quartal verschieben, um nicht umsonst arbeiten zu müssen. Das Problem: »Die Politik fordert eine optimale Patientenversorgung ein, gibt aber gleichzeitig nicht das Geld dafür«, erklärt sie. Im sozialen Gesetzbuch, das für die Normalversicherten in der gesetzlichen Krankenkasse zuständig ist, sei aber lediglich von einer »ausreichenden und wirtschaftlichen Versorgung« die Rede. »Ich finde es unehrlich, wenn die Politik den Leuten so etwas verspricht, und es dann den Ärzten, die es umsetzen sollen, auf's Auge drückt«, so Stüwes Einschätzung. Qualitative Unterschiede gebe es bei der Behandlung beider Patientengruppen jedoch nicht, betont die Landesärztekammer-Präsidentin.

Dass sich Ärzte immer mehr an ökonomischen Maßstäben orientierten müssen, zeigen die folgenden Beispiele: »Viele Patienten rufen bei uns an und betonen während des Gesprächs, dass die privatversichert seien«, berichtet Dr. Stefan Hoffmann-Biehl, Bad Nauheimer Facharzt für Mund, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Für ihn mache es jedoch keinen Unterschied, wie ein Patient versichert ist. »Auch, weil wir unser Budget nicht voll ausschöpfen, können wir alle gleich behandeln«. Er hingegen habe gar keine andere Wahl, als privat Versicherte zu bevorzugen, meint ein Friedberger Mediziner, der nicht genannt werden möchte. »Das System zwingt mich dazu«, erklärt er und nennt ein Beispiel: »Ich bekomme für eine Standardbehandlung, bei der der Patient bis zu fünfmal in die Praxis kommen muss, im Schnitt gerade mal 17 Euro. Das ist weniger als ein Putzfrauengehalt – und das für eine hoch qualifizierte Arbeit«, so der verärgerte Arzt. »Es ist zum Kotzen. Ich musste schon Personal entlassen, um über die Runden zu kommen. Wenn ich könnte, würde ich am liebsten aufhören.«

Immer mehr Gesundheitspolitiker fordern nun, einheitliche Gebühren für die Behandlung von Kassen- und Privatpatienten einzuführen. Eine Honorarreform soll ab 2009 das komplizierte Bezahlungssystem ändern und den Ärzte Honorare nach Euro und Cent geben. Unterdessen wollen einige Krankenkassen ihren Mitgliedern künftig Telefonhotlines anbieten, bei denen sie sich über lange Wartezeiten beschweren können. Das Grundproblem wird dadurch nicht zu lösen sein.

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