25. Februar 2008, 14:42 Uhr

Präsidentensuche mit hohen Handicaps

Friedberg (jw). Liest man die Internetseiten des Golfsclubs (GC) Friedberg, kann man den Eindruck erhalten, alles sei eitel Sonnenschein. »Die Geschichte des GC Friedberg«, schreibt der Präsident Dr. Volker Kirch, »ist eigentlich eine echte Erfolgsstory, die, wenn man sie nun rückblickend erzählt, immer schöner und immer verklärter wird.
25. Februar 2008, 14:42 Uhr
Im Golfclub am Löwenhof in Ockstadt fliegen derzeit nicht nur die Bälle, sondern – salopp gesagt – auch die Fetzen. Zwei Teams stehen für den neuen Vorstand bereit, beide werden vereinsintern als »Marionetten« bezeichnet, die entweder von Noch-Präsident Dr. Volker Kirch oder vom Golfplatz-Investor Erwin Sommerfeld »gesteuert« werden sollen. (Foto: nic)

Das Unangenehme verdrängen wir, an das Schöne denken wir gerne immer wieder.« Wenn sich am Mittwochabend die Mitglieder zur Jahreshauptversammlung in der Stadthalle treffen und einen neuen Präsidenten wählen, dürfte sich das »Unangenehme« wohl kaum verdrängen lassen. Denn – und auch dies ist den Internetseiten, aber auch anonymen Schreiben zu entnehmen – es gibt Streit im Club. Von »schmutzigem Wahlkampf« ist die Rede, von Vorstandskandidaten, die von der Gegenseite als »Marionetten« tituliert werden. Hintergrund des Konflikts: Präsident Kirch und Golfplatz-Betreiber Erwin Sommerfeld liegen über Kreuz.

Dr. Volker Kirch wird am Mittwoch nicht wieder für das Präsidentenamt des Golfsclubs kandidieren. Vizepräsident Bijan Yazdani hat sein Amt bereits niedergelegt, Vizepräsident Peter A. Müller tritt ebenfalls ab. Zwei Teams wollen den Vorstand übernehmen: die »Oppositionsgruppe« um Ingo Mielke (als Präsident), Bernd Messerschmidt und Hans-Werner Müller, die als »Gefolgsleute« von Sommerfeld bezeichnet werden, und die Gruppe um Manfred Kunath (Präsident), Rainer Kulb, Schatzmeister Norbert Nüchter, Spielführerin Margaretha Schirmer und Jugendwart Volkert Kraeft, denen die Gegenseite nachsagt, Kirch würde sie nach der Wahl »steuern wie Marionetten«. Die letztgenannte Gruppe hat eine vierfarbige Wahlbroschüre an alle Mitglieder verschickt, die für Unruhe sorgt. »Jetzt wird's unsportlich oder auch schmutzig«, heißt es in einem anonymen Schreiben: Die Opposition habe sich ebenfalls bei den Mitgliedern vorstellen wollen, ihr seien aber die Adressen verweigert worden. Und es wird die Frage gestellt, wer Heft und Porto bezahlt habe: »Doch nicht etwa der Club?« – »Nein«, sagt Rainer Kulb, Magistratsmitglied und von Kirch mit dem Einzug der Mitgliedsbeiträge betraut. »Das Porto habe ich bezahlt, die Druckkosten hat sich das Team geteilt.« Die Adressen der Mitglieder hätte der Vorstand sicher an die »Oppositionsgruppe« weitergegeben, »aber die haben uns nicht gefragt«.

Ärger gibt es auch um Punkt 7 der ursprünglichen Tagesordnung. Laut Satzung wird der Gründungspräsident – Rechtsanwalt und Notar Dr. Kirch – zum Ehrenpräsidenten ernannt. Die Gründungsversammlung hatte diesen Passus 1996 einstimmig beschlossen. »Dafür könnte ich mir heute noch in den Hintern treten«, sagt eines der Gründungsmitglieder, das nicht genannt werden will. Kirchs Ernennung wie auch die Ehrung des scheidenden Vizepräsidenten Müller sollte Stadtverordnetenvorsteher Hendrik Hollender vornehmen. Der davon aber nichts wusste, wie er sagt. Von einer Ehrung habe er erst erfahren, als er die Tagesordnung gesehen habe. Der Stadtverordnetenvorsteher hat sein Kommen abgesagt. Er will nicht in den Streit hineingezogen werden. Die Ehrung fällt aus.

Selbst die Kritiker bescheinigen Kirch, dass er sich größte Verdienste bei der Gründung des Golfclubs und dem Bau des Golfplatzes (mit Betreiber Sommerfeld) erworben habe. Sein Agieren in der Nachfolgefrage wird aber heftig kritisiert. Kirch wird »Gutsherrenart« und »Selbstherrlichkeit« vorgeworfen. Wer Kritik übe, werde sofort als Gegner diffamiert. Viele Mitglieder hätten schon die Seite gewechselt, seien verärgert über den Stil des Präsidenten. Auch Sommerfeld spricht in einem Brief an die Mitglieder von »fast täglich gemachten und wiederkehrenden persönlichen Beleidigungen, geschäftlichen Diffamierungen und Verleumdungen, die zum Teil unter die Gürtellinie gehen«.

Kirchs Antwort kam prompt, nachzulesen auf den Internet-Seiten des Golfclubs: »Herr Sommerfeld beginnt mit einem Rundschreiben einen Wahlkampf für eine Vorstandsmannschaft, die er im Griff hat. Deshalb beschimpft er mich in völlig inakzeptabler Weise.« Und weiter: »Sorgen Sie dafür, dass kein Marionetten-Vorstand gewählt wird.« Auf den nur Mitgliedern zugänglichen Internet-Seiten kann man zudem Kirchs »Orwell-Story über versteckte Kameras im Innenbereich« nachlesen. In Gastraum, Flur sowie Proshop des Clubhauses hängen Überwachungskameras. »Alle Kameras gehen auf einen Server, der Tag und Nacht 24 Stunden in die Firma nach Friedrichsfehn (der Firmensitz von Sommerfeld-Golf, d. Red.) sendet. Orwell: Big Brother is watching you«, schreibt Kirch, stellt die Frage in den Raum, ob dies »eine Straftat nach § 201 und 201 a« darstellt, fühlt sich an eine »Nervenheilanstalt« erinnert, wo ähnliche Kameras hingen, und will wissen: »Sind wir etwa auch verwanzt?«

»Herr Kirch leidet unter Verfolgungswahn«, so ein Kritiker. Die Kameras hingen schon lange dort, seien nach Einbruchsversuchen montiert worden, würden nur nachts angeschaltet. Das, heißt es von der Gegenseite, stimme nicht. Ebenfalls auf den internen Internetseiten nachzulesen ist die »Heuschrecken«-Geschichte. Demnach hat Sommerfeld »einen Private Equity (PE) Manager als alleinigen Geschäftsführer für Finanzcontrolling mit einzelzeichnungsberechtiger Bankvollmacht« in sein Unternehmen aufgenommen. Der ist laut Kirch Mitgesellschafter der Innofonds Nord, deren Rendite-Erwartungen bei 35 Prozent pro Jahr liegen. »PE heißt auf neudeutsch: Heuschrecke«, schreibt Kirch warnend.
»Lächerlich« nennen seine Kritiker die damit angedeutete Vorstellung, der Golfplatz solle als Spielball für Finanzjongleure dienen. Kirch sieht diese Gefahr, und er warnt die Mitglieder davor, jene Gruppe aus »Nörglern und Dauerkritikern« zu wählen, »die sich als Freunde des Betreibers Sommerfeld verstehen«. »Der Club im Griff des Betreibers? Das wäre ein Horrorszenario«, so Kirch gegenüber der WZ. Sommerfeld, der am Wochenende nicht für eine Stellungnahme erreichbar war, will sich am Mittwoch in der Versammlung zu den Vorgängen äußern.

Das Zerwürfnis zwischen Kirch und Sommerfeld ist offenkundig. »Das Verhältnis ist eskaliert«, so ein Mitglied. Kirch erklärt gegenüber der WZ, er würde zum Schutze des Golfclubs am liebsten »ganz über die derzeitigen Interna schweigen«. Die Debatte werde dem Club aber von außen »durch gezielte Indiskretion aufgezwungen«, und dies könne er nicht unwidersprochen lassen. Sommerfeld unterstütze die »Oppositionsgruppe«, leugne dies aber. »Da der Betreiber dem bisherigen Vorstand durch viele und schwere Verstöße gegen die vereinbarten Verträge die Arbeit sehr erschwert hat, steht zu befürchten, dass er, im Falle eines Wahlerfolgs dieser Freunde, den Club de facto übernimmt und rechtlos macht.« Die Liste der angesprochenen Vertragsverstöße ist laut Kirch lang. So habe Sommerfeld die versprochene Pflasterung des Golfclub-Parkplatzes lange hinausgezögert.
Laut Unterlagen, die der WZ zugespielt wurden, soll es außerdem Probleme mit der Bepflanzung, dem Wegebau, mit Abrechnungen, Arbeitsgerichtsprozessen oder etwa den Rechten der Erstmitglieder gegeben haben; immer wieder soll Sommerfeld Vereinbarungen nicht gehalten haben, zum Schaden des Golfclubs. Den Schaden, erwidern die Kirch-Kritiker, habe der Präsident zu verschulden. Von diesem, so ein Mitglied, seien die Beleidigungen ausgegangen: »Wir schätzen seine Verdienste, aber wir lehnen seine Art ab.« Kirch sei es gewesen, der Sommerfeld verärgert habe, woraufhin der sein Engagement in Ockstadt habe schleifen lassen. Kirch widerspricht. »Herr Sommerfeld ist für mich der schwierigste Vertragspartner, den ich in 40 Jahren als Anwalt und Notar kennengelernt habe.« Den Vorwurf der »Selbstherrlichkeit« nimmt der künftige Ehrenpräsident mit Gelassenheit hin: »Das bin ich wohl«, sagt er und fügt hinzu, dies sei aber nur die negative Umschreibung: »Ich bin geradeaus, habe den Golfclub zwölf Jahre lang mit sicherer Hand geführt. Ohne mich wäre da oben nur ein Acker.«

 

Die beiden Präsidenten-Kandidaten Manfred Kunath und Ingo Mielke betonen gegenüber der WZ, sie seien nicht an einem Streit interessiert. »Das ist eine Privatfehde weniger Leute. Aber wenige Leute können viel Lärm machen«, so Kunath, der sich als neutraler Kandidat sieht, keinesfalls als »Kirch-Marionette«. Auch Mielke betont, er sei kein »Sommerfeld-Gefolgsmann«, pflege ein normales Verhältnis zu dem Golfplatz-Betreiber. »Ich habe mit äußerstem Bedauern festgestellt, dass sich der Präsident, der sich größte Verdienste um den Golfclub erworben hat, in den letzten Wochen in den Wahlkampf einschaltet. Kirch hat durch seine Äußerungen für einen Aufruhr gesorgt, der weder seiner Person noch dem Golfclub würdig ist.« Anonyme Schreiben, so Mielke, gehörten in den Mülleimer. Mielke und Kunath pflegen nach eigenen Angaben ein freundschaftliches Verhältnis. Beide Teams sehen sich als »neutral«, wollen für ein vernünftiges Miteinander im Club sorgen.

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