17. August 2016, 18:13 Uhr

Keller zum Wohnungsbau: Sozial, aber kein Brennpunkt

Friedberg (vpf). Günstige Mietwohnungen werden immer mehr gesucht. Gerade Menschen mit mittlerem Einkommen hätten es schwer, sagt Michael Keller. Im WZ-Gespräch erklärt der Friedberger Bürgermeister, warum es einem mit mehr Gehalt schlechter gehen kann und wie die Stadt bei der Wohn-Problematik gegensteuert.
17. August 2016, 18:13 Uhr
Bürgermeister Keller kritisiert im WZ-Interview, dass sich Menschen mit mittlerem Einkommen kein eigenes Haus leisten können, aber beim sozialen Wohnungsbau nicht berücksichtigt werden. Für diese Menschen soll in Friedberg etwas getan werden. (Fotos: nic)

Herr Keller, in der letzten Woche wurde in der Tepler Straße, Ecke Königsberger Straße Richtfest für zwei Wohnhäuser gefeiert. Die 16 Wohnungen entstehen im Zuge des Programms zur Förderung von preisgünstigem Wohnraum. Für wen sind diese Wohnungen vorgesehen?

Michael Keller: Die Wohnungen werden im Frühjahr 2017 an Menschen mit niedrigem und mittlerem Einkommen vermietet. Durch unsere Initiative, die Einkommensgrenzen des ersten Förderweges um bis zu 20 Prozent höher zu setzen, kommen auch Interessenten zum Zuge, die bisher durch die, aus meiner Sicht, zu niedrig angesetzten Einkommensgrenzen nicht zum Zuge kamen. Konkret liegt die Einkommensgrenze bei unserem Programm bei 1536 Euro netto, im Gegensatz zu den 1280 Euro netto im Förderprogramm des Landes.

Besteht die Gefahr, dass ein sozialer Brennpunkt entsteht, weil ein bestimmtes Klientel dort konzentriert wird?

Keller: Nein. Der wohnungspolitische Skandal heute ist doch, dass derjenige, der arbeitet und nicht genug verdient, im sozialen Wohnungsbau nicht berücksichtigt wird. Eine Eigentumsmaßnahme kann er sich nicht leisten und vom sozialen Wohnungsbau wird er ausgeschlossen. Das ändern wir. In die 16 Wohnungen werden die Krankenschwester, der Polizist, große und kleine Familien und die Rentnerin ihren Platz finden. Eine bescheidene Rente hat nichts mit sozialem Brennpunkt zu tun.

Ist es also gerade für die Mittelschicht schwierig, günstigen Wohnraum zu finden?

Keller: Ja, da liegt das Hauptproblem. Wenn man nur etwas über der Lohnobergrenze der Förderrichtlinien des Landes liegt, hat man es schwer. Im Gegensatz zu der einseitigen Wohnungsbaupolitik des Landes wollen wir in Friedberg günstigen Wohnraum auch für diejenigen schaffen, die nicht als sozial schwach gelten, sich hohe Mieten aber dennoch nicht leisten können.

Was bedeutet denn günstiger Wohnraum konkret? Wie viel kosten die Wohnungen?

Keller: Die Miete für diese Wohnungen wird den Preis von 7,50 Euro pro Quadratmeter nicht überschreiten. Bei einer Wohnungsgröße von 80 Quadratmetern wäre das zum Beispiel eine Kaltmiete von 600 Euro. Dadurch, dass die Objekte in Passivbauweise gebaut werden, spart man sich allerdings zusätzlich einen Großteil der Heizkosten. Das bedeutet, dass in den 7,50 Euro pro Quadratmeter neben der klassischen Kaltmiete auch schon ein Teil der Heizkosten enthalten ist.

Wie rechnet sich das für die Stadt?

Keller: Zunächst einmal ist wichtig zu wissen, dass der Vermieter, die Friedberger Wohnungsbaugesellschaft, eine 100-prozentige Tochter der Stadt ist. Und es ist die Aufgabe der Mutter, die Tochter in die Lage zu versetzen, politische Ziele zu erreichen. Also muss man etwas anbieten, was es so auf dem Markt noch nicht gibt. Im Klartext bedeutet das: Natürlich muss die Stadt Geld in die Hand nehmen, konkret sind das 15 000 Euro Investitionszuschuss pro Wohneinheit. Wenn man mit dieser Investition aber etwas schafft, was von der Bevölkerung dringend gebraucht wird, kann das für die Stadt langfristig nur ein Gewinn sein.

Wäre es für die Stadt nicht deutlich lohnenswerter gewesen, wenn man den Grund für Einfamilienhäuser verkauft hätte?

Keller: Klar, hier eine Einfamilienhaussiedlung zu bauen, wäre das einfachste gewesen. Ehrlich gesagt waren die Reihenhausanbieter sogar schockiert, als wir mitgeteilt haben, dass hier keine Reihenhäuser, sondern Objekte mit Mietwohnungen geplant sind. Aber den einfachsten Weg zu gehen, bei dem ein Großteil der Bevölkerung außen vor bleibt, ist nicht Aufgabe der Stadt. Genau gegen dieses einseitige Angebot wollen wir ja gegensteuern. In dem Gebiet der ehemaligen Housing soll Vielfalt herrschen, wie wir es jetzt mit dieser Mischung aus Studenten, Familien und Geringverdienern erreichen.

Wie sollen die Wohnungen denn aussehen? Für wen sind sie geeignet?

Keller: Es wird Wohnungen mit zwei bis zu fünf Zimmern geben. Wichtig war uns, dass es auch Wohnungen mit halben Zimmern gibt, diese werden gerade von Eltern mit geteiltem Sorgerecht, bei denen das Kind nur am Wochenende zu Besuch kommt, gewünscht. Einen Balkon oder eine Terrasse haben alle Wohnungen. Großen Wert haben wir auch auf Helligkeit gelegt, so dass es in den Wohnräumen bodentiefe Fenster geben wird. Küche und Badezimmer sollen modern eingerichtet sein.

Auch am Kühlen Grund und an den 24 Hallen soll preisgünstiger Wohnraum entstehen. Wie ist dort der aktuelle Stand?

Keller: Die Objekte am Kühlen Grund auf dem Gelände, auf dem ehemals die Autowerkstatt stand, werden im Sommer 2017 fertig sein. An den 24 Hallen neben der Kita Farbklecks sollen ebenfalls neue Wohnungen entstehen, dort werden zurzeit das Baurecht und die Finanzierung vorbereitet.

Gehören die dort geplanten Wohnungen auch zu dem Förderprogramm für preisgünstigen Wohnraum?

Keller: Am Kühlen Grund wird es beides geben: Frei finanzierten und geförderten Wohnraum. Der Mietpreis wird mit 9,50 Euro pro Quadratmeter bei den frei finanzierten Wohnungen etwas höher liegen, dafür gelten hier auch nicht die Lohnobergrenzen. Die geförderten Wohnungen werden nach den gleichen Richtlinien vergeben wie in der Tepler Straße. Wie sich das auf dem Grundstück unterhalb der 24 Hallen gestalten wird, steht noch nicht fest.

Wenn alles fertiggestellt ist, wird es in Friedberg also mehr als 60 neue Wohnungen zu günstigen Mietpreisen geben. Wie dringend ist dies gerade zu Zeiten der Flüchtlingskrise notwendig?

Keller: Die Flüchtlingskrise hat der Gesellschaft noch einmal gezeigt, wie dringend Wohnraum benötigt wird. Weder hier noch am Kühlen Grund bauen wir aber explizit für Flüchtlinge. Anerkannte Flüchtlinge sind für uns normale Wohnungsbewerber. Bezahlbarer Wohnraum war aufgrund des großen Zuzugs in das Rhein-Main-Gebiet schon vor der Flüchtlingskrise knapp.

Durch den Brexit rechnen viele mit einem großen Bevölkerungszuwachs im Rhein-Main-Gebiet. Wird im Zuge dessen in den kommenden Jahren auch in Friedberg noch dringender Wohnraum benötigt?

Keller: Das zeigen uns die Zahlen unseres Bürgerbüros täglich. Der Zuzug aus krisengeschüttelten EU-Ländern, insbesondere von jungen Menschen, die bei uns eine Chance suchen, ist hoch und stetig.

Hat die Stadt Frankfurt diesbezüglich Bedarf angemeldet?

Keller: Das Interesse der AGB Holding an einem weiteren Investment, konkret in der früheren Kaserne, ist groß. Auch dass Oberbürgermeister Peter Feldmann als Aufsichtsratsvorsitzender beim Spatenstich für die ABG-Bauten vor kurzem in Friedberg war, war nicht ohne Grund. Herr Feldmann macht da vieles richtig: Er hat nicht nur das Gebiet der kleinen Großstadt Frankfurt, sondern immer auch die ganze Region im Blick, und das zu recht. Wenn man in der Kaserne steht, hat man die Skyline von Frankfurt direkt vor Augen.

Können Sie sich für die Zukunft weitere Bauvorhaben dieser Art vorstellen?

Keller: Es ist unser politischer Wunsch, im Gebiet der ehemaligen Kaserne neben Gewerbe, Gründerzentrum und Erweiterung der THM auch zwischen 20 und 25 Prozent geförderten Wohnraum zu schaffen. Um das realisieren zu können, wollen wir als Stadt die Kaserne mit ihren 74 Hektar von der BIMA kaufen. Bei dieser Größenordnung werden das weder die Stadt Friedberg noch die städtischen Wohnungsbau alleine schaffen. Da müssen wir Mitstreiter ins Boot holen. Daran arbeite ich.



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