31. Juli 2016, 18:23 Uhr

Teuerste Kartoffel der Welt wächst auch in Dorheim

Friedberg-Dorheim (jw). Die teuerste Kartoffel der Welt kostet bis zu 500 Euro das Kilo und kommt aus Frankreich. La Bonnotte wächst auf einer Atlantikinsel – und in Dorheim. Steffen Bernhard baut sie an. Mit 2 Euro pro Kilo ist La Bonnotte zwar teurer als Annabelle, Gala oder Gunda, aber deutlich günstiger als das Original, das immerhin in Erde wächst, die mit Algen gedüngt wird. Das gibt die Wetterau nicht her. Aber der Lößboden lässt noch mehr seltene Sorten wachsen.
31. Juli 2016, 18:23 Uhr
Am Ortsrand von Dorheim wachsen besondere Kartoffelsorten: Der Agrar-Ingenieur Steffen Bernhard mit frisch geernteten La Bonnotte. (Fotos: Wagner)

La Bonnotte hat einen leicht salzigen Geschmack. Die bretonischen Bauern der Atlantikinsel Noirmoutier düngen die Kartoffeln mit Seetang und tränken den Boden mit Meerwasser. Laut dem TV-Journalisten und Frankreich-Kenner Ulrich Wickert schwärmen Feinschmecker »vom süßlichen Geschmack der Knolle, die aus festem Fleisch besteht und doch auf der Zunge zerschmilzt«. In den Feinschmeckerrestaurants von Paris wird La Bonnotte grammweise genossen, mit Kaviar oder als Dessert mit Erdbeeren oder Schokolade.

Steffen und Kerstin Bernhard haben ihr eigenes Lieblingsrezept, das sie auf ihrer Internetseite verraten: Die Kartoffeln werden in Meersalz-Wasser gekocht, beim Abtrocknen bildet sich eine weiße Salzkruste auf der Schale. Dazu gibt’s kanarische Mojo-Sauce, fertig sind die »Papas Arrugadas«. »Seetang haben wir keinen«, sagt Bernhard. Aber der sei auf dem guten Wetterauer Boden auch nicht nötig. 40 Pflanzkartoffeln der La Bonnotte hat er vor Jahren »über Umwege« bekommen. »Eigentlich sind die unbezahlbar.«

Auf 20 Hektar baut das Ehepaar Bernhard zusammen mit Sohn Timm und Schwiegertochter Julia am Ortsrand von Dorheim jährlich zwischen 600 und 800 Tonnen Speise- und Pflanzkartoffeln an; dazu kommen rund 100 Hektar mit Zuckerrüben, Raps und Weizen. Die Pflanzkartoffeln, deren Zucht strengen Vorschriften unterliegt, werden in ganz Europa verkauft, selbst nach Sri Lanka hat Bernhard schon geliefert. Die Speisekartoffeln werden auf Bauernmärkten, im Selbstbedienungsladen auf dem Hof oder in Supermärkten verkauft. Mehr als 20 Sorten sind im Angebot, von der festkochenden Annabelle über die vorwiegend festkochende Madeira bis zur mehligen Pirol, die sich für Pommes frites und Kartoffelpüree eignet.

Rosarote Gnocchi

Die Kartoffel genießt bei Verbrauchern keinen besonders guten Ruf. Dabei ist die Erdknolle mehr als nur ein Soßenschwamm. »Wir wollen der Kartoffel einen höheren Stellenwert verschaffen«, sagt Steffen Bernhard. Deshalb setzt er auf Vielfalt, hat neben dem handelsüblichen Sortiment auch besondere Sorten im Angebot. Die cremig, feinwürzige Valerie etwa, die eine rote Schale, aber tiefgelbes Fleisch hat. Smiley ist ebenfalls rotschalig, hat aber um die Augen herum gelbe Ringe, die wie lächelnde Gesichter aussehen. Die Rote Emmalie hat ein intensiv-rotes Fleisch. Es entsteht durch den Pflanzenfarbstoff Anthocyan, der freie Radikale im Körper einfängt und gut für die Gesundheit ist. »Die eignen sich für Kartoffelsalat und rosa-rote Gnocchi«, sagt Kerstin Bernhard. Seit zehn Jahren betreut die Hauswirtschaftsmeisterin im Rahmen des Projekts »Bauernhof als Klassenzimmer« Schulklassen der Brüder-Grimm-Schule. Die Kinder betreuen ihren eigenen Kartoffelacker und erfahren, dass Lebensmittel nicht im Supermarkt wachsen.

Was für Kerstin Bernhard die Arbeit mit Kindern ist, ist für die Akademiker Steffen Bernhard und Sohn Timm die Agrarwissenschaft. Denn der Anbau von Lebensmitteln erfordert viel Expertise. Die Bernhards sind Verfechter der integrierten Landwirtschaft. Bei diesem Anbausystem sollen Ökologie und Ökonomie in Einklang gebracht werden. Beim Einsatz chemischer Mittel gilt das Motto: »So viel wie nötig, so wenig wie möglich. « Als Agrar-Ingenieur weiß Bernhard genau, was die Erde hergibt und was man ihr zufügen muss, damit sie fruchtbar bleibt. Auf viele chemische Substanzen könne man verzichten, wenn man beispielsweise mehr Sorgfalt auf die Sortenwahl lege, weiß er.

Was die Bernhards den Kopf schütteln lässt, ist die Unwissenheit vieler Verbraucher. Die halten grüne Kartoffeln für noch nicht reif (tatsächlich sind sie zu lange Licht ausgesetzt gewesen und giftig) und sehen es als Makel an, wenn die Knollen ungewaschen mit Erdresten angeboten werden. »Polierte Kartoffeln aus dem Supermarkt verkaufen sich besser.« Dass sie aus einer Poliermaschine kommen und ein Desinfektionsbad durchlaufen haben, sieht der Kunde nicht. »Die wollen alle Bio, es darf aber nicht so aussehen.«

Mit den Rezepten und Tipps auf ihrer Internetseite wollen die Bernhards die Verbraucher animieren, eine Kartoffel wie ein gutes Stück Fleisch anzusehen. Für Kartoffelpüree, Pommes frites, Pell- oder Bratkartoffeln muss man die richtige Sorte wählen, damit es schmeckt. »Es gibt tausend Sorten, wie man einen Kartoffelsalat zu- oder auch hinrichten kann«, sagt Steffen Bernhard mit einem Schmunzeln.

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