13. Juli 2016, 18:43 Uhr

Wetterkapriolen: Wenn die Kartoffeln verfaulen

Wetteraukreis (mi). »Wenn der Bauer mit der Spritze kommt, halten sich viele am Wegesrand demonstrativ die Nase zu. Schon das ist gefühlte Kritik«, sagt Kreislandwirt Michael Schneller aus Niddatal.
13. Juli 2016, 18:43 Uhr
Gute Miene zum bösen Spiel: Landwirte wie der Dorheimer Kartoffelanbauer Steffen Bernhard (l.) und Bio-Landwirt Christoph Förster sprechen wegen des vielen Regens von großen Einbußen bei der Ernte. (Foto: mi)

Er ist davon überzeugt, dass über Pflanzenschutzmittel oft nicht auf fachlicher Ebene und mit viel Unkenntnis diskutiert wird. Auch deshalb hatte der Regionalbauernverband auf den landwirtschaftlichen Betrieb Bernhard nach Dorheim geladen, um Maßnahmen zu erläutern, die nach den jüngsten Wetterkapriolen die Ernte sichern sollen.

»Das ist jetzt das zweite Ausnahmejahr hintereinander. 2015 hatten wir eine extreme Trockenheit, diesmal gab viel zu viele Niederschläge. Beides ist schwer zu verdauen«, klagte Gastgeber Steffen Bernhard, der einen erheblichen Ernteausfall befürchtet. »Bis vor drei Wochen haben wir uns gefreut, wie gut alles wächst. In den letzten 14 Tagen kam es dann zum Pilzbefall«, erläuterte Kreislandwirt Schneller. Denn innerhalb der letzten sechs Monate sei hierzulande mehr Regen gefallen als im gesamten Vorjahr. Die verhängnisvolle Folge: der Pilz, der die Kraut- und Knollenfäule verursacht, die gesunde Kartoffeln abrupt absterben lässt. Bernhard: »Milliarden von Pilzspuren werden über den Wind verbreitet. Innerhalb einer Woche kann es passieren, dass ein grüner Bestand verfault und an der Knolle nichts mehr wächst. Manche verlieren innerhalb von wenigen Tagen einen kompletten Kartoffelacker.«

Während Bio-Bauern wie Christoph Förster (Naturlandverband) die Kartoffelbestände mit kupferhaltigen Fungiziden behandeln, verwenden die konventionellen Betriebe chemische Mittel, bei denen mittlerweile immer strengere Zulassungskriterien erlassen werden. Sie dürften nur verwendet werden, wenn schädliche Auswirkungen auf Mensch, Tier und Grundwasser ausgeschlossen sind, betonten die Verantwortlichen. »Entscheidend ist immer die Dosierung. Zudem sind die meisten Mittel heute so harmlos, dass nichts mehr passieren kann«, meinte Schneller. Derweil verwies Geschäftsführer Florian Dangel vom Regionalbauernverband darauf, dass diese Mittel auch eine Menge Geld kosten und alleine deshalb nicht wahllos von Landwirten verpulvert würden. So agierten moderne Ackerbauern wie Bernhard heute nach dem sogenannten Schadschwellenprinzip, nach dem Mittel erst dann zum Einsatz kommen, wenn die Schaderreger einen Grenzwert überschritten haben. Aufgrund der unterschiedlichen Gegenmaßnahmen schätzen die Landwirte aktuell in dieser Region einen Ernteausfall im Bio-Bereich von 30 bis 40 Prozent und im konventionellen Bereich von 10 bis 15 Prozent.

Um die angespannte Lage bildlich zu belegen, standen auf dem Tisch bei Bernhard gesunde und verfaulte Kartoffelpflanzen, während Georg Dierschke, Geschäftsführer der hessischen Erzeugerorganisation für Raps, einen abgestorbenen Rapsstrauch vorführte und die gleichen Probleme beklagte. Auch beim Raps seien die Ertragserwartungen wegen der nass-kühlen Witterungsbedingungen eher unterdurchschnittlich. »Die fehlende Sonne hat die Abreife der Wintergerste deutlich verzögert, während der Starkregen Getreidehalme großflächig umknicken ließ.« Trotz aller Probleme bekam Bernhard am Ende des Treffens großes Lob bei der Verköstigung der ersten Wetterauer Frühkartoffeln.

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