29. April 2016, 19:13 Uhr

Abgeordnete zum Knuddeln

Friedberg (jw). Das Stadtparlament von Friedberg hat erstmals getagt, Hendrik Hollender (CDU) wurde zum Vorsitzenden gewählt. Und sonst? Gab es Getuschel über Koalitionen, einen Parteichef, der »stolz wie Bolle« ist, einen ironischen Alterspräsidenten, eine irritierende Modenschau und fast ein Knöllchen.
29. April 2016, 19:13 Uhr
Eine lebendige Streitkultur wünscht sich Stadtverordnetenvorsteher Hollender. (jw) (Foto: Jürgen Wagner)

Die Friedberger Parlamentarier lassen sich Zeit. »Wir sind noch nicht so weit«, hörte man am Donnerstag in der Stadthalle immer wieder. Die Sondierungsgespräche werden fortgesetzt, ob es eine Koalition geben wird, ist mehr als fraglich. Es dürfte auf eine lockere Kooperation herauslaufen, doch bevor die Parlamentarier mit nebulösen Erklärungen an die Öffentlichkeit treten, wollen sie erst einmal Fakten schaffen.

Weitgehend einig waren sich die Fraktionen bei der Wahl zum Stadtverordnetenvorsteher. Hendrik Hollender (CDU), seit April 2001 im Amt, wurde mit großer Mehrheit bestätigt. Nur die Linke stimmte mit Nein. Hollender wurde seinem Ruf gerecht und verteilte Schokoladenherzen, farblich auf die Fraktionen abgestimmt. Er wünschte sich eine lebendige Streitkultur, die bei den Bürgern Lust auf Politik mache. »Wir dürfen nicht die Bodenhaftung verlieren«, warnte er und erinnerte daran, dass Parlamentarier, die während der Sitzung mit Handy oder Laptop spielen, keine Aushängeschilder seien. Ist alles schon vorgekommen.

Vorher hatte Bürgermeister Michael Keller eine Busfahrt durch Friedberg angekündigt. Damit die neuen Parlamentarier die Brennpunkte der Politik (Wohnungsbau, Kaserne, Kaiserstraße, Flüchtlinge) kennenlernen.

Dann war Winfried Ertl (UWG) an der Reihe. »Mit 72 Jahren Alterspräsident? Das hört sich an wie jenseits von Gut und Böse«, sinnierte er und verriet, er habe Zuhause seine Rede gestoppt, die dauere zwei Stunden und 18 Minuten. Das war Ironie, und so ging es auch weiter. Ertl sprach von »Altersstarrsinn und Altersmilde« und versprach, zumindest Letzteres werde es mit ihm nicht geben. Heinz Riesenhuber, zweimal Alterspräsident im Deutschen Bundestag, habe einmal die an die Wähler gerichtete Frage gestellt: »Wann haben Sie Ihren Abgeordneten das letzte Mal geknuddelt?« Ertl wünschte sich mehr Verständnis der Bürger für die Arbeit der ehrenamtlichen Kommunalpolitiker, und er schloss mit dem »ein bisschen pathetischen« Wunsch, im Stadtparlament sollten Tatkraft und Gestaltungsfreude walten. Für die nicht alltägliche Rede gab es viel Applaus.

Eine peinliche Situation

Ansonsten wurden Hauptamtsleiterin Cornelia Becker und Stadtrat Dirk Antkowiak als Vertreter der Stadt in die Verbandsversammlung des IT-Dienstleisters ekom 21 gewählt. Die nächste wirklich wichtige Nachricht kam per elektronischem Buschfunk: Achim Güssgen zeigte sich »stolz wie Bolle« über die FDP-Präsenz im Parlament: Vier Abgeordnete, zwei mehr als beim letzten Mal! Das sind fast so viele wie die UWG.

Einen Sitz weniger als die Liberalen haben die Linken, bei denen sich eine neue Parlamentarierin möglicherweise als Trendsetterin betätigte: Sie erschien in roten, flatterhaften Beinkleidern, die man sonst nur von Faschingsveranstaltungen kennt. Der krönende Abschluss des Abends war der Besuch von zwei Ordnungspolizisten: Vor der Stadthalle hatte ein Abgeordneter sein Auto auf dem Gehweg abgestellt und dies mit völlig undurchsichtigen Argumenten zu rechtfertigen versucht. Unter Androhung von körperlicher Gewalt musste der WZ-Reporter versprechen, diese peinliche Situation auf gar keinen Fall im »Friedberger Guckkasten« zu erwähnen. Wir haben Wort gehalten.

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