14. März 2016, 18:33 Uhr

Es muss genussvoll knallen

Friedberg-Dorheim (jw). Whiskey oder Whisky? Pur oder verdünnt? Und wie heißen nochmal diese ungeliebten Nachbarn, denen die Iren beim Trinkspruch die Krätze an den Hals wünschen? Antworten auf diese Fragen gab Julia Nourney beim Whiskey-Tasting der Deutsch-Iren in Dorheim.
14. März 2016, 18:33 Uhr
Die Whiskey-Herstellung ist eine Wissenschaft für sich, das Whiskey-Trinken hingegen ein Genuss, der auch Neulinge wie Harald Bernd begeistert. (Fotos: Wagner)

Julia Nourney hebt das Glas: »Mögen sie gequält werden durch ein dauerhaftes Jucken, ohne die Möglichkeit sich zu kratzen!« Das gilt den Usurpatoren von der Nachbarinsel. Den Namen nimmt kein Ire in den Mund, stattdessen aber den geliebten Whiskey. Knapp 20 Kenner und Neulinge sitzen im Dorheimer Bürgerhaus, alle nehmen den ersten Schluck vom »Quiet Man«, einem 40-prozentigen Traditional Irish Blend, der, wenn man ihn langsam im Gaumen kreisen lässt und dann tief Luft holt, einen ganz schummrig macht. Whiskey-Verkostung? Klar, denke ich mir: Dabei geht’s doch nur darum, sich die Birne vollzudröhnen. Es muss knallen, sonst kann man auch Apfelsaft trinken. Aber da liege ich völlig daneben.

»Beim Whiskey geht es um ein Genusserlebnis«, sagt Nourney und erzählt, sie habe »heute Morgen schon zwölf Grappa und sechs Obstbrände verkostet.« Ihre Augen sind völlig klar, sie nuschelt auch nicht und steht fest auf beiden Beinen. Die Spirituosenfachfrau aus Oberursel ist gewissermaßen professionelle Trinkerin – und spuckt das meiste wieder aus, nachdem sie es verkostet hat. Zum dritten Mal haben die Deutsch-Iren sie am Vorabend des St. Patrick’s Day zum Whiskey-Tasting eingeladen. Man könnte dazu auch Whiskey-Talking sagen. Nourney, seit 24 Jahren im Gewerbe, Buchautorin und auf der Grünen Insel bekannt wie ein bunter Irish Setter, erzählt zwei Stunden lang allerhand Geschichten rund um das »Wasser des Lebens«.

Der Name leitet sich vom lateinischen »Aqua vitae« ab, erfunden haben es Mönche. Die wussten schon immer, was dröhnt, erfreuten sich an vergorenem Brot, brauten erst einen Brottrunk und ließen dann das Brot weg. Aus dem gälischen Wort »uisce beatha« (gesprochen: ischke bea) wurde im Laufe der Zeit Whiskey. Die Schotten und diese anderen Nachbarn, die beim Elfmeterschießen immer verlieren, haben das »e« aus dem Namen eliminiert, und das ist noch das kleinste Übel dieser Warmbier-Trinker.

Wie man Whiskey richtig riecht

Julia Nourney hat ein enormes Fachwissen, ich komme beim Mitschreiben kaum mit. Grain Whiskey, Blended Whiskey, »Pure Pot Still«-Destillation, Malz und Rohgetreide, Torf als Brennmaterial beim Destillieren oder – und da ziehen sich bei den hartgesottenen Whiskey-Fans die Stirnfalten zusammen – Mais als Grundstoff: Whiskey-Herstellung ist eine Wissenschaft für sich, die, wie eine junge Frau verrät, neulich im Fernsehen bei »Frag doch mal die Maus« erklärt wurde. Was sind das für Kinder, die den Fernsehleuten solche Fragen stellen?

Whiskey spricht gleich mehrere Sinne an. Nourney zieht Korken aus Flaschen, mal macht es »Plopp«, mal eher »Plong« oder »Sltsch«. Sie erklärt, dass frisches Destillat weiß wie Wasser aussieht und die Farbe von den Eichenfässern stammt. Will man Whiskey riechen, muss man das kleine, bauchige Glas schräg halten und drehen. Dann bilden sich Nasen. Je älter und öliger der gute Tropfen, desto langsamer laufen die Nasen am Glasrand herab. Während mein Nachbar, offensichtlich ein Kenner, Fachvokabular wie »voluminös«, »süß«, »weich aufgestellt« und »toffy« bemüht, denke ich mir: Riecht wie Whiskey. Ein anderer Fachmann spricht vom »inneren Desinfektionsmittel« und vom »Rohrreiniger«. Er hat schon vor dem Tasting eine rote Nase, also auch er ein Kenner. Vier irische Whiskeys werden probiert, dann folgen zum Vergleich zwei US-amerikanische Produkte. Brrrr! Wo bleibt denn da der Genuss? »Ich brauch Cola«, ruft der Typ mit der roten Nase. Sonst kann man das Zeug kaum runterspülen. Während die Blicke der Tester schläfriger und die Bewegungen fahriger werden, erzählt Nourney von irischen Auswanderern, denen im Wilden Westen statt Roggen oder Weizen nur Mais zur Verfügung stand. Macht aber nichts. »Es ging immer nur darum, dass es knallt.« Sag ich doch! Aber betrunken ist nachher niemand. Bei sechsmal 2 cl ist das auch kaum möglich.

Die Spirituosenfachfrau

Die Spirituosenfachfrau Julia Nourney beschäftigt sich seit 24 Jahren mit Whiskey, Grappa, Obstbrand und anderen Spirituosen, hält Vorträge, lädt zu Verkostungen ein, publiziert in der Fachpresse. 2007 wurde sie vom Gourmet-Magazin »Der Feinschmecker« und der schottischen Brennerei Glenfiddich mit dem Titel »Whisky-Kenner des Jahres« ausgezeichnet. Die Deutsch-Iren haben sie bereits dreimal zu Whiskey-Tastings eingeladen. »Der Termin spricht sich herum, die Plätze sind schnell vergeben«, sagt Julia Blatt von den Deutsch-Iren. Die feiern im nächsten Jahr ihr 40-jähriges Bestehen. »Dann gibt es wieder ein Whiskey-Tasting«, verspricht Blatt.

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