09. März 2016, 18:53 Uhr

Knochenjob und Kreuz-Probleme

Friedberg (pm/bf). Die Wochen vor dem Wahltag sind vom Buhlen um die Wählergunst geprägt. Danach kommen mit der Zahlenflut erste Interpretationen, Trauer, Freude, Koalitionsgespräche. Doch was passiert beim Wählen? Volkmar Heitmann war als Wahlhelfer eingeteilt – und er hat einiges erlebt.
09. März 2016, 18:53 Uhr
Welche Möglichkeiten hat man, den Wahlzettel auszufüllen? Als Wahlhelfer hat Volkmar Heitmann festgestellt, dass sich diese Frage oftmals stellt. (Foto: lod)

Um 13 Uhr begann mein Dienst in der Adolf-Reichwein-Schule, Saal 312. Mein Job: Die drei Wahlzettel aus den Kartons holen, entfalten und im Dreierpack den Wählenden reichen – so sie denn an meinen beiden links von mir sitzenden »Kollegen« vorbeigekommen sind. Deren Aufgabe wiederum war sozusagen die des Türstehers und des Statistikers. Ein vierter »Kollege« bewachte die Wahlurne. Der »Türsteher« hatte das Wählerverzeichnis vor sich liegen, sammelte die Wahlbenachrichtigungen ein und ließ sich den Personalausweis zeigen, kontrollierte also, ob man überhaupt wahlberechtigt war und sich im richtigen Wahlsaal befand. Der »Statistiker« beziehungsweise in meiner Dienstzeit die »Statistikerin«, führte eine Strichliste, getrennt nach Kreis-, Stadt- und Ortsteil-Wahl. Es gab nämlich Wähler, die nur die Kreiswahl mitmachen durften, beispielsweise, weil sie gerade verzogen bzw. zugezogen waren.

Was passiert bei 82 Kreuzen?

Das Entfalten der Wahlzettel entpuppte sich als echter »Knochenjob« – Fließbandarbeit wie in Charlie Chaplins Film »Moderne Zeiten«. Gleichzeitig war ich ständig als Nachhilfelehrer in Sachen Kumulieren und Panaschieren gefragt, denn kaum ein Wähler hatte das Wahlsystem komplett verstanden. Besonders ältere Mitbürger hatten große Probleme.

Wie werden die Parteilisten mit Stimmen aufgefüllt? Erste Spalte, zweite Spalte, dritte Spalte? Oder im Zickzack: erster Name mit drei Kreuzen, zweiter Name mit drei Kreuzen…? Was ist, wenn man eine Liste ankreuzt, die weniger Stimmen »verschlingt« als man vergeben darf? Ist es dann erlaubt, noch eine zweite Liste anzukreuzen, um die restlichen Stimmen vergeben zu können? Oder darf man nur eine Liste ankreuzen und muss die restlichen Stimmen mit Einzelkreuzen vergeben? Wird mein Stimmzettel ungültig, wenn ich mich verzählt und aus Versehen 82 Kreuze gemacht habe? Werden zuerst die Listenkreuze oder die Namenskreuze berücksichtigt? Wird mein Stimmzettel ungültig, wenn ich Namen in einer Liste durchgestrichen habe, die ich nicht angekreuzt habe? Eine ganze Reihe von Wählern hatte Probleme mit den eng- und kleinbedruckten Wahlzetteln. Sie hatten schlichtweg ihre Brille vergessen.

Wir als Wahlhelfer bekamen irgendwann Probleme mit knurrenden Mägen und Koffeinmangel: Fünf Stunden strammes Arbeiten, plus fast drei Stunden fürs anschließende Sortieren und Auszählen. Und das für gerade mal 40 Euro Aufwandspauschale.

Endlich 18 Uhr! Vorher gab es noch einen kräftigen Endspurt: Die höchste Wahlbeteiligung war in der Stunde vor Toresschluss zu verzeichnen. Jetzt aber alle Türen zu, Tische zusammenschieben und die Wahlurnen darauf auskippen. Es stellte sich als Fehler heraus, keine nach Wahlschein getrennten Urnen aufgestellt zu haben. So mussten erst einmal alle drei Wahlscheinarten voneinander getrennt werden. Viele Wähler hatten die drei Wahlscheine ineinander gefaltet. Das erschwerte die Trennung deutlich. Für jeden der drei Wahlscheine wurden vier Haufen gebildet: Reine Listenwahl, kumulierte und panaschierte Wahlzettel, ungültige und Zweifelsfälle. Die Wahlzettel mit reiner Listenwahl zählten wir vor Ort; die Ergebnisse wurden sofort an die Wahlleitung gemeldet und bildeten die Trendergebnisse. Die Anzahl der Wahlzettel stimmte nicht mit den Statistikzahlen überein. Folglich musste noch mehrfach nachgezählt werden.

Reichlich ungültige Zettel

Der Haufen der ungültigen Wahlzettel erreichte eine beträchtliche Höhe: Viele Parteien hätten diese (verschenkte) Menge an Stimmen gern. Wir diskutierten, wie es dazu kommen konnte. Wenn man die Anzahl der offensichtlichen Protest-Ungültigen (komplett alles durchgestrichen) mal abzog, blieb eine riesige Zahl an Wählern, die ganz offensichtlich Probleme mit dem Wahlverfahren hatte. Wenn man dann noch bedenkt, welche Arbeit auf die Stadtverwaltung zugekommen ist, die Wahlzettel mit kumulierten und panaschierten Stimmen auszuwerten, stellte sich automatisch die Frage, warum die Wahl nicht per berührungsempfindlichem Computerbildschirm über die Bühne ging. Der Einwand, damit kämen die älteren Leute nicht zurecht, ist nicht stichhaltig: Die kommen auch mit den riesigen Papierbögen nicht zurecht. Selbst die Auswertung durch die Stadtverwaltung findet nur mit minimaler Computerhilfe statt: Die Verwaltungsangestellten müssen jedes Kreuzchen auf einem Wahlzettel per Mausklick in eine Maske auf dem Bildschirm eintragen, die wie der Wahlzettel aussieht. Jedes Kreuzchen einzeln, Kreuzchen für Kreuzchen – zigtausendfach! Die Sehnenscheidenentzündungen sind programmiert.

In Bad Nauheim liegt der Anteil der ungültigen Stimmen bei 4,4 Prozent und damit recht hoch. Nach Angaben von Fachbereichsleiter Klaus Kreß hat das aber in erster Linie mit dem komplizierten Wahlsystem zu tun. Manche Wähler haben protestiert, indem sie einen unausgefüllten Zettel abgegeben oder alle Parteien durchgestrichen haben. Zwei Protestwähler waren bei den Gemeindewahlen »kreativ«: Sie haben den Wahlzettel selbst um den Listenvorschlag AfD ergänzt und dort ein Kreuzchen gemacht. Schriftliche Beschimpfungen der Politiker gab es wohl nicht. Ein Blick in zwei andere Kommunen: In Echzell und Florstadt wurden offenbar nicht auffallend mehr ungültige Stimmzettel als in den Vorjahren verzeichnet. Beschimpfungen oder Ähnliches fanden sich ebenfalls nicht darauf.

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