02. Dezember 2015, 17:33 Uhr

Flüchtlinge im Bürgerhaus: Ockstadt rückt zusammen

Friedberg-Ockstadt (jw). »Wir sind bereit zu helfen«, sagt Ortsvorsteher Günther Weil stolz. Ockstadt geht die Flüchtlingsbetreuung pragmatisch an: Wird das Bürgerhaus belegt, helfen sich die Vereine gegenseitig. Ehrenamtliche helfen bei der Betreuung. Bei der Bürgerversammlung am Dienstag werden aber auch Sorgen laut.
02. Dezember 2015, 17:33 Uhr
Was kommt da auf uns zu? Bürgermeister Keller (r. mit Mikro) erläutert, wie viele Flüchtlinge der Kreisstadt zugewiesen wurden und noch werden. (Foto: Nicole Merz)

Der Saal platzt aus allen Nähten. Erst werden vorne noch Stühle gestellt, Politiker und Bürger rücken näher aneinander, sitzen ja ohnehin im selben Boot und Bürgerhaus. Später wird die Trennwand zum Kolleg geöffnet. Über 200 Ockstädter sind zur Ortsbeiratssitzung gekommen. Das Interesse ist groß, die Hilfsbereitschaft offenbar auch. Schönreden will sich am Ende niemand die Veranstaltung. Die Flüchtlinge kommen, die Ockstädter vollführen keine Freudentänze. Aber es gibt gar keine andere Möglichkeit, als die vorübergehenden Gäste herzlich aufzunehmen.

Die Fakten erläutern Bürgermeister Michael Keller (SPD) und Erster Stadtrat Peter Ziebarth (CDU). Die Unterbringung ist für die Stadt eine Pflichtaufgabe, die Zuweisungsquoten steigen weiter. Keller zeigt an eine Karte, auf der die Standorte der Flüchtlingsunterkünfte 2016 eingezeichnet sind. Ockstadt und Bauernheim sind nicht dabei. »Das sind temporäre, provisorische Unterkünfte. Wenn es ginge, würden wir gar keine Bürgerhäuser belegen.«

Rund 30 Personen sollen im Bürgerhaus untergebracht werden, das Kolleg wird zum Speiseraum. Die Gaststätte bleibt in Betrieb, der Pächterfamilie wurde angeboten, die Versorgung der Flüchtlinge zu organisieren. Ziebarth: »Wir haben noch keine Antwort.« Schlagen die Pächter das aus, gibt’s Catering. Der Haupteingang des Bürgerhauses bleibt der Gaststätte vorbehalten. Die Flüchtlinge gelangen über die beiden Notausgänge in den Saal. Auf dem Parkplatz in der Schlossstraße sollen zwei Sanitär-Container aufgestellt werden.

Ziebarth hat in den letzten Tagen zusammen mit Karl-Günther König, dem Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Ockstädter Vereine, über Ausweichquartiere beraten. Dabei wurde auch verabredet, dass die Vereine ihre Faschingsveranstaltungen noch im Bürgerhaus feiern können. In der Woche drauf, am 15. Februar, sollen im Bürgerhaus die Betten aufgebaut werden.

Nun sind die Bürger an der Reihe. Ortsvorsteher Günther Weil (CDU) gibt die Regeln vor und bittet um eine sachliche Diskussion, bei der er mit dem Mikrofon in der Hand durch den Saal geht und jeden persönlich anspricht. »Der sollte die diplomatische Ehrennadel bekommen«, meint später die SPD-Stadtverordnete Evelyn Weiß anerkennend. Dass nach den Erfahrungen in Bauernheim, wo es mitunter etwas turbulent und ungeordnet zuging, auch zwei Ordnungspolizisten im Saal sind, fällt nicht weiter auf.

Nicht dauerhaft Vereine blockieren

Als Pfarrer Bernd Weckwerth verkündet, die Kirche gebe den Vereinen im Jugendheim Asyl, erntet er Applaus. Weckwerth berichtet, dass sich zwölf Ockstädter bei der Caritas zu Flüchtlingshelfern ausbilden lassen, kostenlos, in acht Doppelstunden. Günther Weil ist dabei, Pfarrer i. R. Dr. Horst Gebhard auch. »Es gibt noch freie Plätze. « Auch Mirko Ewald vom SV Germania, wo sechs Jugendliche aus einer Fauerbacher Flüchtlingsunterkunft Fußball spielen, bietet Räume an, im Vereinsheim könnten Jahreshauptversammlungen stattfinden. Eine junge Dame im freiwilligen sozialen Jahr könne bei der Flüchtlingsbetreuung helfen. Ewald lobt Landrat Arnold, der beim Kampf um die Kaserne bewiesen habe, das er »einen Bobbes in der Hose hat«. Andere Vereinsvertreter machen deutlich, dass man eine Zeit lang auf das Bürgerhaus verzichten könne. Auf Dauer aber dürfe die Vereinsarbeit nicht blockiert werden.

Sorgen machen sich die Nachbarn. »Wir gucken dann täglich aus dem Wohnzimmerfenster auf die Scheißhäuser«, sagt einer. Ein anderer zweifelt, ob das mit der Hygiene klappt. »In Fauerbach leben auch 30 Flüchtlinge, dort klappt das«, sagt Keller. Er bietet den Nachbarn einen Ortstermin an. Pfarrerin Sylvia Grohmann stellt sich als Kontaktperson für ehrenamtliche Helfer zur Verfügung, dafür gibt es Applaus. Jürgen Kessler vom Geschichtsverein macht sich Sorgen um die Sicherheit. Es wird still im Saal, doch schnell wird klar: Angst vor Flüchtlingen hat er keine. Er meint »die Gefährdung durch rechtsradikale Irre«. Ordnungsamtsleiter Jürgen Schlerf verweist auf den Security-Dienst und den besonderen Objektschutz der Polizei. Die habe das Bürgerhaus im Auge.



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