11. November 2015, 19:13 Uhr

Gefängnisstrafe nach Glühwein-Attacke

Friedberg (lk). Tatort Weihnachtsmarkt: Ein Rentner aus flippt im Dezember 2014 auf dem Elvis-Presley-Platz aus, schüttet einem 17-Jährigen heißen Glühwein über den Kopf, zertrümmert die leere Tasse dann im Gesicht des Schülers. Der junge Mann kommt auf die Intensivstation. Der Rentner wandert jetzt ins Gefängnis – mal wieder.
11. November 2015, 19:13 Uhr
(Foto: DPA Deutsche Presseagentur)

Die Bevölkerung hat ein Anrecht darauf, vor solchen Menschen geschützt zu werden«, sagte Dr. Gerlinde Kimpel am Dienstag. Mit »solchen Menschen« meinte die Richterin Menschen wie den 70-jährigen Angeklagten, der im Dezember 2014 einen Schüler erst verbrüht und dann brutal geschlagen hatte. Das Friedberger Schöffengericht verurteilte den Rentner zu einer 18-monatigen Gefängnisstrafe.

Der Angeklagte Dietmar G. (Name geändert) gestand während der Verhandlung die Tat. Dort traf er zufällig eine Bekannte und deren damals 17-jährigen Sohn. G. gab dem bereits angetrunkenen Schüler 50 Euro, der junge Mann sollte Glühweinnachschub an einer der Buden holen. Als der Schüler mit zwei Tassen zurückkam und Dietmar G. nicht sofort das Wechselgeld gab, rastete der Rentner aus. Er schüttete dem jungen Mann den heißen Glühwein über den Kopf und schlug ihm im Anschluss die Keramiktasse ins Gesicht. Das Gefäß zerbrach. Mehrere Schnittwunden klafften im Antlitz des Friedbergers, eine Arterie an der Augenbraue war durchtrennt, Blut lief über das Gesicht des 17-Jährigen, der später am Abend vom Bürgerhospital auf die Intensivstation der Frankfurter Uni-Klinik verlegt wurde.

Mit 1,38 Promille zugeschlagen

Axel Weber, Verteidiger des Rentners, berichtete, sein Mandant sei an jenem Abend alkoholisiert gewesen, ein Test habe 1,38 Promille ergeben. Freilich entschuldige das nichts. »Mein Mandant bereut das Geschehene. « Dietmar G., ein stämmiger Mann, der älter wirkt als er ist, sagte: »Ich kann nicht erklären, warum das passiert ist.« Der Schüler, heute 18 Jahre alt, sei ein anständiger Junge. Er kenne ihn. Drei Tage nach dem Vorfall habe er sich entschuldigt.

Das Opfer der Glühwein-Attacke berichtete im Zeugenstand, sich an den Vorfall nicht erinnern zu können, wohl aber daran, blutend vor der Apotheke auf der Kaiserstraße gesessen zu haben und wenig später ins Krankenhaus gebracht worden zu sein. Da die Arterie an seiner Augenbraue durchtrennt war und sich die Blutung nicht stillen ließ, wurde er in die Uni-Klinik verlegt. Nach der dortigen Behandlung habe er einige Male Nasenbluten gehabt, habe erneut in die Klinik gemusst, berichtete der Friedberger, in dessen Gesicht noch jetzt große Narben zu sehen sind. Richterin Kimpel fragte den 18-Jährigen, wie er mit diesen zurechtkomme. »Ich denke, es gibt Wichtigeres als das Aussehen, ich fühle mich nicht entstellt«, antwortete der junge Mann, der als Nebenkläger im Verfahren auftrat.

Mehrere Besucher des Weihnachtsmarkts, die Zeugen der Attacke geworden waren, sagten aus. Eine 27-Jährige berichtete, der Schüler sei während des Vorfalls »fast teilnahmslos« gewesen, G. habe keinerlei Unrechtsbewusstsein gezeigt und immer wieder betont, er wolle sein Wechselgeld haben. Ein 47-Jähriger bestätigte die Aussage der Frau. Er sagte: »Der Ältere kam mir so vor, als würde er so etwas jeden Tag machen.« Ein 48-Jähriger erzählte, der Schüler sei sturzbetrunken und nicht Herr seiner Sinne gewesen. »Er kramte nach dem Wechselgeld und dann tat es einen Schlag. Das Blut ist geströmt.« Eine 24-Jährige, die in der Nähe von Dietmar G. gestanden hatte, berichtete, selbst Splitter des Bechers abbekommen zu haben. Ein 68-Jähriger sagte aus, er habe Dietmar G. nach der Aktion gefragt, ob dieser für 30 Euro auch jemanden umbringen würde. G. habe das bejaht.

Richterin Kimpel verlas das Vorstrafenregister des Rentners, der seine kriminelle Karriere 1977 begonnen hat. Mehrfach saß er im Gefängnis, 14-mal stand er vor Gericht. Zuletzt 2008, damals hatte der Kraftfahrer mal wieder eine gefährliche Körperverletzung begangen.

Oberamtsanwalt Lars Streiberger forderte eine Freiheitsstrafe von 20 Monaten. Diese solle nicht zur Bewährung ausgesetzt werden. Denn der Angeklagte »hat in seinen 70 Lebensjahren nichts gelernt«. Der Schüler habe Dietmar G. nicht provoziert. Der Angeklagte habe nach dem Vorfall keinerlei Reue oder Mitgefühl gezeigt.

Rechtsanwalt Dr. Michael Lowin, der den 18-Jährigen vertrat, sprach von einer »brutalen Tat«. Sollte das Gericht eine Bewährungsstrafe ausurteilen, »dann bitte mit einer Auflage zugunsten des Geschädigten«.

Verteidiger Weber sprach sich für eine Bewährungsstrafe aus. Natürlich könne man seinen Mandanten als »alten Knacki« bezeichnen, der nichts aus seinen Alkohol- und Gewaltproblemen gelernt habe. »Aber Therapien in diese Richtung waren 1977 neumodischer Kram.« G. sei an jenem Abend vom Alkohol enthemmt gewesen. Seine jüngsten Bewährungsstrafen habe er gut durchgestanden, er könne dem Geschädigten zudem 3000 Euro als Schmerzensgeld zahlen.

Richterin: Moralische Mängel

Das Gericht verurteilte D. zu einer 18-monatigen Gefängnisstrafe. Die Richterin sagte: »Solche Verletzungen wegen einer Nichtigkeit – so eine Brutalität sieht man selten.« Die Tat sei nur über »charakterliche Defizite und moralische Mängel« des Angeklagten erklärbar. Eine positive Prognose, die für eine Bewährungsstrafe nötig ist, sehe man nicht. Für das Gericht stelle sich nicht die Frage, welche Folgen der Gefängnisaufenthalt für den 70-Jährigen habe. »Dieser ist Folge seines Handelns«, sagte die Richterin. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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