27. Mai 2015, 18:03 Uhr

Inklusives Theaterprojekt: Konzentriert auf den Augenblick

Friedberg (ema). »Anders sein ist unser Treffpunkt« – unter dieses Motto stellt die Schauspielerin Lilli Schwethelm kreative Inklusionsprojekte, die für sie einen erweiterten Sinn ihrer Theaterarbeit darstellen.
27. Mai 2015, 18:03 Uhr
Der Schirm geht auf, die Gruppe kommt aus der Bewegung heraus zum Clown – eine Achtsamkeitsübung. (Foto: Elfriede Maresch)

Sie ist Gründungsmitglied des Theaters Mimikri, gestaltet neben den Bühnenproduktionen auch szenische Literaturlesungen. Eines ihrer inklusiven Projekte ist die Theaterwerkstatt, die sie im Auftrag des Diakonischen Werkes Wetterau (DWW) jeweils drei Stunden pro Woche im Zentrum West der evangelischen Kirchengemeinde Friedberg leitet.

Die zehn Teilnehmerinnen des Theaterprojektes sind Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen, Tagesbesucher des Psychosozialen Zentrums (PSZ) der Diakonie in Friedberg. Bewusst wird die Theaterwerkstatt außerhalb der Tagesstätte angeboten, PSZ-Mitarbeiterin Hannah Bender begleitet sie, nimmt selbst teil. »Wie fühlt Ihr euch heute?« Unverzichtbar ist das Eröffnungsgespräch, ehe die Theaterwerkstatt beginnt. »Ich bin kribbelig, hab so schlecht geschlafen« oder »Bitte wieder Musik wie das letzte Mal, ich könnte gleich lostanzen« – die Teilnehmer müssen spüren, dass ihr seelisches Befinden akzeptiert wird: Ängste, Niedergeschlagenheit, Blockaden, aber auch Euphorie, Hektik und Nervosität. Meistens lösen sich innere Spannungen während der Werkstattarbeit.

Im Mittelpunkt der Arbeit steht ein kreatives, mit Körperarbeit verbundenes Achtsamkeitstraining. In der Begegnung von Menschen mit und ohne Handicaps wächst Wir-Gefühl, bauen sich Szenen, kurze Spielhandlungen auf, konzentriert auf den Augenblick, ohne den Druck einer perfekten Aufführung. Das schließt eine öffentliche Theaterpräsentation nicht aus, wenn die Gruppe dies wünscht. Eingeladene Zuschauer wie Tagesstättenleiter Mathias Koch und seine Stellvertreterin Alice Harnack werden als Gäste verstanden, die einen Einblick in den Entwicklungsprozess bekommen.

Begleitet wird die Werkstatt von dem Musiker Georg Crostewitz, der ein mobiles Tonstudio aufbaut, während die Gruppe sich mit Bewegung und Sprechtraining aufwärmt. In Absprache mit den Teilnehmerinnen wählt er akustische Signale und Melodien aus. Lilli Schwethelm: »Eigene Texte, mit Geräuschen, Musik und Bewegung ausgestaltet, werden zur intensiven Selbsterfahrung.«

Mathias Koch und sein Team konnten die »Aktion Mensch« von dem Konzept überzeugen. Aus dem Fördertopf »noch viel mehr vor« werden regionale Projekte zur Inklusion unterstützt. Die finanzielle Zuwendung ist auch eine Basis zur Nachhaltigkeit der Theaterwerkstatt. In der abschließenden Gesprächsrunde geben die Teilnehmerinnen Rückmeldung: »Ich dachte, ich müsste Texte auswendig lernen und wollte nicht so recht – aber die Bewegung und die Musik tun mir gut.« Ihre Nachbarin, verschmitzt: »Die Lilli bringt uns ganz schön ins Schwitzen.« Eine andere sagt offen: »Ich bin sehr ichbezogen, will hier lernen, wie man auf andere zugeht.« Auch eine andere Teilnehmerin, die anfangs skeptisch war, hat an der Gruppe Gefallen gefunden: »Weil hier jeder, jede geachtet wird, kann man sich selber entdecken.«



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