08. Mai 2015, 13:23 Uhr

Kinderleben zerstört: Sechs Jahre Haft für 19-Jährigen

Friedberg/Gießen (sha). Der Täter wird 25 Jahre alt sein, wenn er nach sechs Jahren und drei Monaten seine Haft verbüßt hat. Ob sein Opfer dieses Alter je erreichen wird, ist nicht absehbar.
08. Mai 2015, 13:23 Uhr
Mit »an menschlicher Armseligkeit nicht zu unterbieten« bewertet der Richter einen Brief, den der Angeklagte (hier beim Prozessauftakt) seiner Familie geschrieben hat. (Foto: Steffen Hanak)

Selbst wenn – die dann junge Frau wird nie Genugtuung oder Zorn empfinden können. Tatsächlich wird sie praktisch gar nichts tun können, noch nicht einmal sitzen. Sie wird wegen massivster Hirnverletzungen auf dem Stand eines neugeborenen Säuglings bleiben.

Eindrücklich schilderte Vorsitzender Richter Peter Neidel am Donnerstag, welche »verheerenden Folgen« die brutale Misshandlung eines dreiwöchigen Säuglings haben wird. Still und ohne erkennbare Regung hörte der 19-jährige Angeklagte den Urteilsspruch der Ersten Großen Strafkammer des Gießener Landgerichts. Er musste sich wegen versuchten Totschlags sowie gefährlicher und schwerer Körperverletzung verantworten, weil er am 24. September vergangenen Jahres das Baby seiner Freundin in deren Friedberger Wohnung fast zu Tode geschüttelt hat.

Was genau in den zehn bis 15 Minuten geschah, während die Mutter des Kindes kurz zum Einkaufen gegangen war, »können wir nicht feststellen«, sagte Neidel an die Adresse des Angeklagten gerichtet. Der habe »schon mit der Lügerei angefangen, als die Kindsmutter in die Wohnung zurückkehrte«. Der 30-Jährigen gegenüber hatte er behauptet, der Säugling habe nur eine von einem Windstoß aufgedrückte Tür gegen den Kopf bekommen. Immer wieder habe der Angeklagte im Laufe des Prozesses – angepasst an Zeugenberichte und Ergebnisse gerichtsmedizinischer Gutachten – »neue Versionen« angeboten.

Unter anderem erzählte der Täter einmal, der Säugling habe sich selbst vom Sofa gerollt und durch den Sturz verletzt. Dabei habe der Angeklagte wohl nicht bedacht, dass ein erst wenige Wochen altes Baby sich noch gar nicht selbstständig zur Seite rollen könne, vermutete Neidel. »Ich weiß nicht, ob Sie das hier als Spiel angesehen haben, in dem man verschiedene Varianten ausprobieren kann«, sagte der Richter.

Immerhin: Die »letzte Version« erscheine plausibel, weil sie zu dem Verletzungsbild des kleinen Mädchens passte. Danach hatte der Angeklagte eingeräumt, das Baby so heftig geschüttelt zu haben, dass dessen Kopf mehrfach gegen einen Türrahmen schlug, bis der Schädel brach. Der Grund für diesen Gewaltexzess? Nach Angaben des 19-Jährigen war ihm das Kind aus dem Arm gefallen, als er über den Hund seiner Freundin gestolpert sei. Danach habe das kleine Mädchen unentwegt geschrien und sich nicht beruhigen lassen. In dieser Situation sei bei ihm »ein Stecker gezogen« worden, und er habe das Baby geschüttelt.

Dem jungen Mann habe klar sein müssen, dass sein Handeln für den Säugling tödlich enden könnte, unterstrich der Vorsitzende. Völlig unverständlich sei deshalb, dass er seiner Freundin später auszureden versucht habe, in die Klinik zu fahren. »An menschlicher Armseligkeit nicht zu unterbieten« sei zudem ein Brief, den der Angeklagte am Montag aus der Untersuchungshaft an seine Familie geschrieben hatte. Darin hatte er der Kindsmutter unterstellt, sie habe ihrem Baby die Verletzungen selbst zugefügt.

»Sie haben das Leben eines Kindes zerstört«, hielt der Richter dem Mittelhessen vor. Der muss nach dem Urteil auch 500 000 Euro Schmerzensgeld an die Mutter des kleinen Mädchens zahlen. (Foto: sha)

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