27. März 2015, 19:23 Uhr

»Die Zeitarbeit hat sich verändert«

Wetteraukreis (mgw). Klein ist der Raum im Friedberger Jobcenter, in dem sich 15 Zuhörer versammelt haben. Manche wirken gespannt, andere sitzen etwas gelangweilt auf ihren Stühlen und schauen sich ein kurzes animiertes Video an. Sie warten auf »Offene Worte«, so der Titel des Vortrags von Arbeitsvermittlerin Anja Sopp.
27. März 2015, 19:23 Uhr
Nicht alle, die an den zwei Tagen ins Jobcenter gekommen sind, mögen Zeitarbeit. (Foto: Mareike Geringswald)

Viele stünden der Zeitarbeit noch immer skeptisch gegenüber, sagt sie. Dabei habe sie sich gewandelt.

Der Vortrag war Teil des Programms der Personaldienstleistungsmesse des Jobcenters und der Agentur für Arbeit. Unterm Motto »Probier’s mal mit Zeitarbeit« waren an zwei Tagen rund 850 Arbeitssuchende »eingeladen« worden. Tatsächlich war es eine Pflichtveranstaltung, die Anwesenheit sei jedoch nicht kontrolliert worden, sagte Marita Ache, Teamleiterin im Jobcenters. Allerdings wirkten nicht alle Besucher so, als ob ihnen das klar gewesen wäre. Im Mittelpunkt standen am Mittwoch Industrie und Handwerk, einen Tag zuvor der kaufmännische Bereich.

»Man hat in der Vergangenheit nicht viel Positives über Zeitarbeit gehört, aber es hat sich wohl geändert«, sagte Felix B. (alle Namen geändert) , während er vor dem Stand eines Personaldienstleisters wartete. »Ich bin kritisch, aber offen.«

Die Zeitarbeit sei umstritten, gab auch Sopp zu. Der Trend zeige aber, dass sowohl kleine Handwerksbetriebe als auch große Industrieunternehmen das Modell immer mehr nutzen. Sie sprach vom sogenannten Klebeeffekt – also die Übernahme des Zeitarbeiters durch das Unternehmen, das ihn angefordert hat. Der Durchschnittswert liege bei über 30 Prozent.

Wie wichtig das Thema Bezahlung ist, zeigte sich im Vortrag. Bei 8,80 Euro liege ab April der Mindestlohn im Helferbereich laut Tarifvertrag. Parallel gebe es höhere Mindestlöhne in bestimmten Berufszweigen. Durch Branchenzuschläge solle der Lohn zudem an das Gehalt in den anfordernden Firmen angepasst werden. In den ersten neun Monaten werde der Stundenlohn stufenweise erhöht. Wie viele Zeitarbeiter überhaupt eine Anstellung bis zu neun oder mehr Monaten bekommen, wollte eine zweifelnde Zuhörerin wissen. Das sei je nach Betrieb unterschiedlich. Saisonale Arbeit sowie Auftragsspitzen müssten berücksichtigt werden, lautete die Antwort der Referentin. Kritisch bemerkten einige auch, dass die Zuschläge nur für die Metall- und Elektroindustrie, die Holz- und Kunststoff verarbeitende Industrie sowie die Chemie gelten.

»Alles Lug und Trug«

Natürlich gebe es auch schwarze Schafe, räumte Sopp ein. Viele dieser unseriösen Firmen seien aber wegen einiger Vorgaben und der Tarifbindung verschwunden. Ziel des Jobcenter sei eine möglichst langfristige Einstellung zum bestmöglichen Lohn, betonte sie. Die Zeitarbeit habe sich verändert, in den Köpfen sei das aber noch nicht angekommen, meinte Sopp nach dem Vortrag.

Von ihren Zuhörern gab es sowohl zustimmende als auch kritische Töne zu hören. Laura M. fand vor allem die Tabellen mit den Branchenzuschlägen und dem Mindestlohn interessant. »Viele sagen, dass die Jobs nur ein halbes Jahr gehen, aber ich sehe es als Möglichkeit«, meinte die zweifache Mutter.

Begeistert vom Vortrag war Alexander S.: »Es gab viele wichtige Infos. Ich habe mir auch Notizen gemacht. Ich war lange Zeit Student. Dann kam die Erkenntnis, dass ich etwas machen muss.« Die Messe verbuchte er als Erfolg. Nach einigen Gesprächen gehe er stark davon aus, dass er hier Arbeit findet.

Kritischer sieht Lutz S. die Zeitarbeit. »Ich habe schon für Zeitarbeitsfirmen gearbeitet. Was gesagt wurde, ist für mich Lug und Trug. Das Ziel ist an sich in Ordnung, dann müssten aber motivierte Mitarbeiter hier sitzen«, so der 55-Jährige. Als Zeitarbeiter sollte er nach einem Jahr von einem Kundenunternehmen übernommen werden, erzählte er. Aber daraus wurde nichts. Keiner habe sich darum gekümmert, dass es weitergeht. Seit einem halben Jahr sucht S. nun eine neue Stelle. »Ich bin bei verschiedenen Zeitarbeitsfirmen, aber es kam nie ein Angebot.«

Über 150 Bewerbungen hat die 57-jährige Brigitte L. bereits geschrieben. Zeitarbeit und eine Stelle für ein Jahr sei für sie erst einmal in Ordnung. Dass man danach vielleicht weitersuchen müsse, sei aber nicht schön. »Ich habe jahrelang im Verkauf gearbeitet, es ginge aber auch im Lager oder in der Warenannahme. Hauptsache Arbeit.«

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