04. März 2015, 09:23 Uhr

Vielleicht der letzte große Wunsch

Friedberg-Bruchenbrücken (chh). Ein Jahr. Mehr Zeit geben die Ärzte dem kleinen Philip nicht, der gerade mit schweren körperlichen und geistigen Behinderungen auf die Welt gekommen ist. Das war 1999. Vor einigen Tagen hat Philip Geburtstag gefeiert, es war sein 16. Der Bruchenbrückener hat die Mediziner Lügen gestraft.
04. März 2015, 09:23 Uhr
Katharina Ferdyan, Tochter Sophie und Sohn Philip sind Nicol Nikolaus (r.) unendlich dankbar. Die ehrenamtliche Helferin des Kinder- und Jugendhospizdienstes verschafft der Mama Freiraum, bespaßt die Tochter und kümmert sich liebevoll um den Sohn.

Trotzdem weiß seine Mutter Katharina Ferdyan, dass jeder Geburtstag sein letzter sein könnte. Daher will sie ihrem Sohn noch einen großen Wunsch erfüllen.

Winter 2001, irgendwo über dem Atlantischen Ozean: Ein Ferienflieger steuert das sonnige Florida an, die Passagiere freuen sich auf sorgenfreie Wochen an palmengesäumten Stränden. An Bord ist auch Katharina Ferdyan. Im Gegensatz zu ihren Sitznachbarn ist ihr Kopf jedoch voller Sorgen. Wird Philip laufen lernen? Sprechen? Die 24-Jährige fliegt nicht in den Urlaub, sondern in ein Delfin-Therapie-Zentrum. Zwei Wochen lang wird ihr zweijähriger Sohn jeden Tag mit den Tieren schwimmen, sie streicheln, mit ihnen spielen. Als die kleine Familie wieder in den Flieger steigt, kann Philip immer noch nicht laufen. Oder sprechen. Doch die Delfine haben etwas anderen geschafft: Philip hat gelernt zu lachen.

Heute, gut 14 Jahre später, sitzt Philip Ferdyan im Rollstuhl. Er kann nicht laufen, nicht selbstständig sitzen, nicht essen oder trinken. Im Grunde kann Philip nicht viel – zumindest wirkt es für den Außenstehenden so. Doch dann kommt seine kleine Schwester Sophie angesaust, streichelt ihrem Bruder über die Hand, und ein Lächeln huscht über sein Gesicht. »Philip ist ein bisschen müde, außerdem hat er eine Erkältung. Aber er bekommt mit, was in seiner Umgebung passiert«, sagt seine Mutter und putzt ihm behutsam die Nase. Dann setzt sich die 38-Jährige an den Wohnzimmertisch der Bruchenbrückener Erdgeschosswohnung und beginnt zu erzählen.

Katharina Ferdyan ist 22, als sie mit ihrem Mann ihre oberschlesische Heimat verlässt und nach Deutschland zieht. Und Katharina ist schwanger. In Rosbach findet das Ehepaar ein neues Zuhause, das Bad Nauheimer Hochwaldkrankenhaus wählen sie für die Entbindung aus. Dann, am 10. Februar 1999, ist es soweit. Die Wehen setzen ein, das junge Paar eilt in die Klinik, Katharina bringt einen Jungen auf die Welt. Doch irgendetwas stimmt nicht. Die Ärzte teilen der frischgebackenen Mutter mit, dass ihr Baby nicht gesund ist. Nach eingehenden Untersuchungen steht fest: Philip ist körperlich und geistig schwer behindert. Schuld ist ein genetischer Defekt. Für Katharina und ihren Mann bricht eine Welt zusammen. »Das war eine schwere Zeit. Vor der Geburt malt man sich die Zukunft aus, überlegt, was aus dem Kind mal wird – und dann passiert etwas, das man sich nicht gewünscht hat.« Katharina Ferdyan war damals noch sehr jung, kannte niemanden und konnte kaum Deutsch. Doch sie gab nicht auf, die Prognose der Ärzte interessierte sie nicht. »Ich habe von Anfang an gekämpft, für Philip Gymnastik und Ergotherapien organisiert.« Auf die Delfintherapie stieß sie durch einen Fernsehbericht. Mit viel Glück ergatterte sie einen der begehrten Plätze, durch den Umgang mit den Meeressäugern blühte Philip förmlich auf.

Schon nach der ersten Therapie berichtete die WZ über Philips »Magisches Erlebnis« mit den Delfinen. Damals sagte Katharina Ferdyan: »Philip ist noch klein, er kann noch viel lernen.« Doch die erhofften Fortschritte blieben aus. Philip muss heute rund um die Uhr umsorgt werden. Unter der Woche wird der 16-Jährige im Internat der Friedberger Blindenschule betreut, am Wochenende, in den Ferien und an Feiertagen kümmert sich die Mutter um den Jungen. Füttern, Baden, Wickeln, Füße massieren: Auszeiten kann sich die 38-Jährige, mittlerweile ist sie alleinerziehend, nicht erlauben, sie muss den Jungen ständig im Auge haben. Grund ist seine Epilepsie. »Vor einem Jahr waren die Anfälle besonders schlimm, Philip musste in der Gießener Klinik behandelt werden«, erzählt Katharina Ferdyan. Ihr Sohn lebt schon 15 Jahre länger, als es die Ärzte bei seiner Geburt prognostiziert hatten; seiner Mutter war klar, dass es nicht für immer so weiter gehen würde. »Philip hat eine lebensverkürzende Krankheit. Die Gießener Ärzte haben mir gesagt, dass der Tag irgendwann kommen wird.« Das war die Zeit, in der Katharina Ferdyan Hilfe in Anspruch nahm.

Während die 38-Jährige erzählt und erzählt, davon, wie sie ihren Sohn so viel wie möglich am Leben teilhaben lässt, ihn auf Ferienfreizeiten schickt, ihn Kutsche fahren lässt oder mit zu Grillfesten nimmt, kümmert sich Nicol Nikolaus um Philip und versucht gleichzeitig, die aufgedrehte Sophie im Zaum zu halten. Nicol Nikolaus arbeitet ehrenamtlich für den ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst in Gießen, seit einem Jahr unterstützt sie die kleine Familie. Denn obwohl die Versorgung eines kleinen und eines behinderten Kindes ein Fulltime-Job ist, arbeitet Katharina Ferdyan noch als Physiotherapeutin. »Nicol ist unglaublich wichtig für mich, sie sorgt dafür, dass ich auch mal Zeit für mich habe. Während sie auf die Kinder aufpasst, kann ich mich um Dinge kümmern, die sonst liegen bleiben«, sagt die 38-Jährige. »Und mir gibt es unglaublich viel, hier helfen zu können«, wirft Nicol Nikolaus ein, »man lernt, die wichtigen Dinge zu schätzen. Die Arbeit bringt mir Frieden, Dankbarkeit.« Und offensichtlich Spaß.

Katharina, Nicol und Sophie lachen sehr viel, auch Philip lässt sich von der herzlichen Stimmung anstecken. Er gibt freudige Laute von sich, in der Hand hat er einen Plastikdinosaurier, mit dem er herumwedelt. Philips Körper und Geist mögen eingeschränkt sein, abwesend ist er jedoch nicht. Seine Behinderung lässt sich zwar nicht weglachen, aber sie liegt auch nicht wie eine dunkle Wolke über der Familie. Einen großen Anteil daran hat die kleine Sophie.

Als Katharina Ferdyan vor zwei Jahren zum zweiten Mal schwanger wurde, befürchtete sie das Schlimmste. »Ich hatte große Angst, dass mein zweites Kind auch behindert auf die Welt kommt.« Es folgten neun Monate Ungewissheit. Neun Monate voller Sorgen, Ängste, Hoffnung. Am 8. März 2013 lag Katharina Ferdyan zum zweiten Mal in ihrem Leben im Kreißsaal, zum zweiten Mal brachte sie ein Kind zur Welt. Doch dieses Mal war es gesund. Und wie. Während sich andere Kinder hinter Mamas Bein verstecken, stürmt die kleine Sophie sofort auf die Besucher zu. Während Mama am Esstisch sitzt und über das Leben ihres Sohnes spricht, wuselt die Tochter kreuz und quer durch die Wohnung, lacht, dreht die Musikanlage auf, spielt mit ihrem Spielzeug. Und immer wieder macht sie einen Abstecher zu ihrem Bruder, der in seinem Rollstuhl neben dem Esstisch steht. »Sie passt auf ihn auf, kümmert sich sehr um ihn«, sagt die Mutter. »Sie bringt ihm zum Beispiel immer etwas zu trinken und setzt ihm Spielzeuge auf den Schoss. Wenn ich ihn anziehen will, holt sie mir seine Schuhe. Außerdem ist sie sein Bodyguard. Im Krankenhaus hat sie niemanden in die Nähe seines Rollis gelassen.«

Sophie sei ein Geschenk, sagt Katharina Ferdyan, sowohl für Philip als auch für sie. Ihre beiden Kinder zusammen zu sehen, lässt sie aber auch nachdenklich werden. »Ich hoffe, dass Philip noch so lange da ist, dass Sophie ihren Bruder kennenlernen kann. Sie soll ihn nicht vergessen, nicht nur aus Erzählungen der Mama kennen.«

An den vergangenen Herbst wird sich Sophie in einigen Jahren bestimmt nicht mehr erinnern, dafür war sie schlichtweg zu jung. Philip musste einen schweren Eingriff über sich ergehen lassen. »Beide Hüften mussten operiert werden. Da Philip nicht laufen kann, haben sie sich nicht richtig entwickelt«, erzählt Katharina Ferdyan. Drei Monate lang musste ihr Sohn im Krankenhaus bleiben, erst in Göttingen, dann in der Kinderneurologie in Schömberg. Mutter und Schwester rückten nicht von seiner Seite, sie quartierten sich für die gesamte Zeit in eine nahe gelegenen Pension ein. Für die drei Ferdyans war es eine schwere Zeit, Philip hatte große Schmerzen. Die 38-Jährige entdeckte eine Seite an ihren Sohn, die sie noch nicht kannte. »Er hat furchtbar gelitten und geweint. Das habe ich in den vergangenen 15 Jahren noch nicht erlebt.«

Während der drei Monate, in denen sie jeden Tag an seinem Krankenbett ausharrte, reifte in der 38-Jährigen ein Entschluss. Sie weiß nicht, wie lange ihr Sohn noch bei ihr ist, sie will ihm aber noch einen Wunsch erfüllen: Philip soll noch einmal mit den Delfinen schwimmen. Sie weiß, dass die Tiere seine Behinderung nicht heilen werden, sie werden sein Leben auch nicht verlängern. Aber das ist auch nicht ihr Anspruch. Sie will einfach nur, dass Philip noch einmal glücklich ist. So wie damals, als ihm die Delfine das Lachen gelehrt haben.

Hilfe der WZ-Leser

Um Philip seinen vielleicht letzten großen Wunsch erfüllen zu können, ist Katharina Ferdyan auf die Hilfe der WZ-Leser angewiesen. Die Delfintherapie ist teuer, zusammen mit Flug und Unterkunft kostet sie mehrere Tausend Euro. Geld, das die Alleinerziehende nicht alleine aufbringen kann. Katharina, Philip und die kleine Sophie freuen sich daher übe jede Spende.

Konto: Sparkasse Herford, Schattenkinder e.V.
Verwendungszweck: »Delfintherapie Philip Ferdyan«
IBAN: DE18494501200221372121
BIC: WLAHDE44XXX

X Firmen, Vereine oder Privatleute, die der Familie unter die Arme greifen wollen, können sich bei Katharina Ferdyan melden (Telefon 01 77/2 67 40 51).



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