13. August 2012, 12:53 Uhr

Blues im Park: Über den Highway 61 direkt nach Staden

Florstadt-Staden . Im Park von Staden steht neben hohen Kastanien eine mächtige Robinie. In der Jugend ist ihre Rinde glatt, im Alter stark gefurcht, verrät ein Schild. Die Robinie stammt aus den Appalachen, einem Gebirgszug im Osten der USA.
13. August 2012, 12:53 Uhr

Hier, in der Gegend nördlich von Atlanta/Georgia, kann man sich den Bluessänger Blind Willie McTell vorstellen, wie er mit seiner Gitarre herumzog und Lieder von einem Land sang, in dem Macht und Gier herrschen und der Ku-Klux-Clan Plantagen in Brand setzt. So wird’s in dem Song »Blind Willie McTell« erzählt, einem der schönsten und traurigsten, den Bob Dylan geschrieben hat. Dylan sieht nach über 50 Jahren im Musikgeschäft auch schon recht zerfurcht aus, fast wie eine alte Robinie. Und er singt auch so ähnlich. Die Devilish Double Dylans aus Frankfurt machten am Samstagabend bei der elften Auflage von »Blues im Park« aus dem Bluessänger Willie McTell den blinden Wilhelm Tell, der durch ein »national befreites Deutschland« reist und desillusioniert feststellen muss, dass niemand außer ihm das Kampfhundegebell der Neonazi-Banden wahrnimmt.

»Blues im Park« stand in diesem Jahr unter dem Motto »Blue(s) statt braun« und wurde gefördert vom Lokalen Aktionsplan LAP. Der stellt in Echzell, Florstadt, Reichelsheim und Wölfersheim Projekte für ein bunteres, tolerantes Leben auf die Beine.

Bunt und tolerant – das gilt für das Open-Air-Konzert im Stadener Park am letzten Wochenende der Sommerferien seit eh und je. Auch diesmal kamen wieder rund 1000 Besucher, über eine Spende darf sich die Palliativ-Station am Bürgerhospital Friedberg freuen (Bericht folgt). Das Wetter war gut, rund um das Löwsche Schloss gab es Flammkuchen mit Speck, Wein, Bier und Würste, und auf der Bühne sorgten zwei Bands für Unterhaltung.

Bluestaxi sind alte Bekannte bei »Blues im Park«. Die vierköpfige Band um Sänger und Bluesharp-Spieler Rolf Ackermann spielte das, was das Publikum hören wollte: alte Klassiker wie »Sweet Home Chicago« oder »Mustang Sally«, aber auch den »Walkin Blues«, bei dem Gitarrist Wolfgang Schindler zeigte, dass Robert Johnson nicht aus Mississippi, sondern aus Nieder-Mockstadt stammen muss oder dort zumindest Verwandtschaft hat. Ein sehr geschmeidiges und virtuoses Gitarrenspiel. Willi Schwerdhöfer an den Drums und Bülent Uzun am Bass sorgten für einen treibenden Groove, der einen glauben ließ, nicht die Autos auf der Bundesstraße, wie einst geplant und dann doch verworfen, sondern eine Dampflock schiebe sich quer durch den Stadener Park.

Auch eigene Stücke spielte die Band, etwa den »Taxidriver Blues« aus der Feder von Taxifahrer Rolf Ackermann, der auf der Harp brillierte und als Sänger fast schon etwas Joe-Cocker-haftes angenommen hat, wild und unberechenbar.

Ganz und gar unberechenbar waren die Devilish Double Dylans für das Publikum. Dylan-Cover bei einem Blues-Festival? Und dann auch noch auf Deutsch? Muss man da am Ende noch zuhören? Mit dem wütend elektrifizierten Song »Maggie’s Farm« hat schon Dylan beim Newport Festival 1965 die Folk-Fans irritiert. Als die Double Dylans daraus »Ich arbeite für den Rettichretter nicht mehr« machten, runzelte so mancher im Publikum, dem eine gewisse Affinität zur Landwirtschaft anzusehen war (Batschkapp, Gummistiefel, Jägermeister), die Stirn. Doch schon bei der Curtis-Mayfield-Adaption »Leute esst Rettich« (»People get ready«) und ein paar Jägermeister später waren alle wieder versöhnt. Matze Schmidt, Robert Noetzelsen und Uli van Klapdor, der Kontrabassist, der mit seinem Hütchen aussieht wie Barney Bär und sich mindestens zweimal während der Show bewegt hat, begeisterten mit einem rockigen »Masters of war« genauso wie mit einem zart dahin schmelzenden »I shall be released«. Für Staden hatte sich das Trio mit dem Schlagzeuger Krishna Meindl und dem Gitarristen Matthias Baumgardt verstärkt. Letzterer wurde von der Zeitung, hinter der kluge Köpfe stecken, als der »wahrscheinlich beste Rock- und Blues-Gitarrist« weit und breit bezeichnet, was eine starke Untertreibung ist. Die wahnwitzigen, mal filigran dahingetupften, mal wütend aufschreienden Soli waren purer Hörgenuss. Und da bei »Blues im Park« »Puri« Puritscher an der Bluesharp nicht fehlen darf, konnten die Fans eine laue Sommernacht lang im Gefühl schwelgen, der legendäre »Highway 61«, müsse auf seinem Weg vom Blues-Geburtsort New Orleans bis nach Duluth/Minnesota, Geburtsort von Bob Dylan, einen kleinen Schlenker über Staden in der Wetterau machen. Jürgen Wagner

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