24. Februar 2016, 19:23 Uhr

Mut, Kraft und Herzrasen: Eine besondere Auszeichnung

Florstadt (lk). Gänsehaut und Tränen – wohl nie war eine Auszeichnung im Landratsamt so emotional. Geehrt wurden am Dienstag die vier Frauen und Männer, die im November den 18 Jahre alten Younes Fernouchi aus seinem brennenden Auto gezogen und dabei ihr eigenes Leben riskiert hatten.
24. Februar 2016, 19:23 Uhr
Claudia Fernouchi kommen die Tränen. Sie schließt ihren Sohn Younes in die Arme. Er hat einen schweren Unfall überlebt. Vier engagierte Ersthelfer zogen ihn aus dem brennenden Auto. Die beiden Frauen und Männer sind nun für ihr Engagement ausgezeichnet worden. (Foto: Laura Kaufmann)

Eigentlich wollte Younis Fernouchi Arzt werden. »Das kann ich wohl vergessen, dafür muss die Hand komplett gut sein. Aber: Es gibt Schlimmeres«, sagte der Nieder-Mockstädter am Dienstag. Der 18-Jährige trägt noch immer einen Kompressionshandschuh. Wegen der Transplantation. Die Haut seiner rechten Hand verbrannte im November bei einem Unfall. Fernouchi war im Auto eingeklemmt. Die Flammen kamen immer näher. Dass er noch lebt, verdankt der Abiturient Jürgen Hausner, Lisa Fritzel, Sonja Beets und Sorin Onetiu. Sie zogen ihn in letzter Sekunde aus dem Wagen.

Landrat Joachim Arnold, Wolfgang Heil von der Verkehrswacht und Ulrich Römer, Leiter der Polizeistation Friedberg, hatten für Dienstagabend ins Landratsamt eingeladen, um die Ersthelfer zu ehren. Und um ihnen zu danken – für ihren besonderen Einsatz und dafür, dass sie ihre Gesundheit riskiert haben, um ein Leben zu retten.

»Einschneidendes Erlebnis«

Das größte Geschenk neben Medaillen und Urkunden war für die vier Helfer, dass es Younis Fernouchi gut geht. Die Beinbrüche sind verheilt, äußerlich erinnert nur noch der Kompressionshandschuh an den schlimmen Unfall. »Ohne euch würde ich heute hier nicht sitzen«, sagte der 18-Jährige. Seine Mutter Claudia Fernouchi brachte unter Tränen hervor: »Ich kann Euch nur von Herzen danken, Ihr habt mir meinen Sohn wiedergeschenkt, es gibt nichts Schöneres.«

Auch die Ersthelfer kamen zu Wort. Jürgen Hausner erinnerte sich an die Situation nach dem Unfall: »Es war chaotisch.« Benzin sei aus dem Auto gelaufen, er habe Angst gehabt, dass es explodiere. »So, wie das immer im Fernsehen zu sehen ist«, sagte der 54-Jährige. Er habe nicht gewusst, dass explodierende Autos in der Realität im Grunde so gut wie nicht vorkommen. Gemeinsam habe man Fernouchi aus dem Auto gezogen. »Ich habe erst am Tag danach erfahren, dass mein Sohn und er zusammen in einer Klasse waren«, sagte der Ortenberger, der sich noch immer unwohl fühlt, wenn er die Unfallstelle passiert. »Vor einigen Wochen bin ich alleine dort vorbeigekommen. Ich bin extra so langsam gefahren, dass mich ein Auto von hinten überholt hat. Ich war froh, dass ich nicht alleine dort vorbeifahren muss. Es war für mich ein einschneidendes Erlebnis.«

Der 30-jährige Sorin Onetiu schilderte: »Uns war schnell klar, dass es die Feuerwehr nicht mehr rechtzeitig schaffen wird.« Er berichtete von den vielen erfolglosen Versuchen, den 18-Jährigen aus dem Auto zu befreien. Er sei froh, Younis Fernouchi inzwischen kennengelernt zu haben. »Er ist ein klasse Typ, seine Mutter ist eine klasse Frau.«

Die 26-jährige Lisa Fritzel aus Florstadt sagte: »Ich bin sehr glücklich, heute hier mit Younis zu sitzen.« Sonja Beets, die an jenem Tag auf den Weg in den Urlaub war, erinnerte daran, wie sie zunächst versuchte, mit einer Decke die Flammen zu ersticken. »Ich hatte Herzrasen.« Sie rannte zu anderen Autofahrern, fragte nach Feuerlöschern. »Viele sind einfach im Auto sitzengeblieben, es hat sich eigenartig angefühlt. Ich möchte nie wieder in eine solche Situation kommen.«

Die Ehrung solle zeigen, dass die Leistung der Ersthelfer mehr als anerkannt werde, sagte Landrat Arnold. Andere Menschen sollten dadurch sehen, dass es sich lohne, selbst zu helfen. Was Hausner, Fritzel, Beets und Onetiu gemacht hätten, erfordere Mut und Kraft, sei schlichtweg großartig gewesen, sagte Heil. Römer sprach von »einem besonderen Fall von Zivilcourage«. Polizeipressesprecher Erich Müller sagte, das Verhalten der Helfer sei »Champions League« gewesen.

Der Unfall

Younes Fernouchi sitzt am 7. November 2015 hinterm Steuer seines Opel Corsa. Er war beim Fußball, ist auf dem Weg nach Hause. Nasses Laub liegt auf der Fahrbahn, der Nieder-Mockstädter ist schnell unterwegs. Auf der Landstraße zwischen Bönstadt und Altenstadt gerät der 18-Jährige in einer Kurve auf die Gegenfahrbahn, prallt in einen Passat. Darin sitzt ein Ehepaar, das leicht verletzt aussteigen kann. Fernouchis Corsa fängt Feuer, der Abiturient ist mit gebrochenen Beinen im Wagen eingeklemmt. Sonja Beets, die als erste an der Unfallstelle vorbeifährt, hält an und versucht vergeblich, die Flammen mit einer Decke zu löschen. Lisa Fritzel und Sorin Onetiu kommen hinzu, versuchen, Fernouchi zu befreien. Dann eilt Jürgen Hausner zur Hilfe. Die Flammen haben inzwischen auf das Amaturenbrett übergegriffen. Mit viel Kraft gelingt es den Helfern, Younes Fernouchi durch das zerbrochene Fenster ins Freie zu ziehen. Er wird schwerverletzt in die Klinik eingeliefert. Inzwischen befindet er sich in Reha.

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