22. September 2011, 17:35 Uhr

Anna Cosima Linss berichtet von Praktikum in Kirgistan

Echzell (dab). Anna-Cosima Linss ist in Kirgistan angekommen, wo sie ein Jahr als Praktikantin in einer Behinderteneinrichtung arbeiten will (die WZ berichtete).
22. September 2011, 17:35 Uhr
Die 22-Jährige aus Echzell an ihrer neuen Arbeitsstelle in Kirgistan.

Zu verarbeiten hat die 22-Jährige nach den ersten Tagen vor allem die fremde Kultur und den ganz anderen Umgang mit Behinderten als in Deutschland, schreibt die Echzellerin der WZ in einer ersten E-Mail. »Ich freue mich auf die nächste Zeit und die nächsten Eindrücke. Ich habe die Hoffnung, hier etwas Gutes zu tun, zu helfen.«
»Mein erster Eindruck ist überwältigend! Das Land, die Hauptstadt Bischkek, die Menschen – eine gegensätzlicheres Land habe ich noch nicht kennengelernt.« Während die Menschen auf dem Land ärmlich seien und ganz »primitiv« lebten, gehe es bei den Menschen in der Stadt immer »westlicher« und – aus unserer Sicht – moderner zu.

Umso schockierender sei es für sie, wie Menschen mit Behinderung in dem zentralasiatischen Land behandelt und untergebracht würden. »Die Menschen haben keine Ahnung von den Behinderungen, Krankheiten oder ›Handicaps», keine Ausbildung und leider auch wenig Verständnis. « Sie habe zwar gewusst, auf was sie sich einlasse und was auf sie zukomme, »doch es jetzt direkt zu erleben und mittendrin zu sein, ist erst einmal schockierend.«

Staatliche Unterstützung für Behinderte und deren Familien gebe es in Kirgistan nicht. An Therapiemöglichkeiten sei nicht zu denken. Vielmehr gelte das Motto, die Menschen satt, sauber und ruhig zu halten statt sie zu integrieren, zu fördern und ihnen ein eigenständiges Leben zu ermöglichen.

In der Einrichtung namens »Hoffnung«, für die Anna-Cosima Linss sich entschieden hat, ist das anders. Hier geht es darum, jungen Behinderten Entfaltungsmöglichkeiten zu geben. Das Zentrum für vermeintlich bildungsunfähige Kinder und Jugendliche nahe der Hauptstadt Bischkek hat eine Deutsche aufgebaut. Es umfasst eine Wohngruppe, einen Kindergarten, eine Schule und Werkstätten. Weil es kein Geld vom Staat gibt, sind die Betreiber nicht nur auf Spenden, sondern auch auf Freiwillige angewiesen.

Keine Fachkräfte vor Ort

Wie Anna-Cosima Linss und vier weitere junge Frauen aus Deutschland, die zeitgleich mit ihr dort angekommen sind. Doch selbst in dieser Einrichtung sei der Unterschied zu Deutschland gravierend. »Ihr dürft nicht schockiert sein und Euch nicht erschrecken«, seien sie an ihrem ersten Arbeitstag begrüßt worden. Der Hintergrund: »Fachkräfte arbeiten in der Einrichtung nicht, keine Menschen, die sich mit den Bedürfnissen der Kinder auskennen«, bedauert die 22-Jährige, die gerade eine anthroposophische Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin abgeschlossen hat. Doch dort sei es immer noch besser als in den staatlichen Einrichtungen, wo die Kinder nicht älter als 15 Jahre alt würden.

In der Einrichtung arbeiteten überwiegend Mütter und Frauen, die aus ihrer Ehe geflohen seien. Ab und zu gebe es eine geschulte Lehrkraft, die sich allerdings genauso wenig mit Behinderungen auskenne. Um das zu ändern, biete die Einrichtung Seminare an, um die »Lehrer« wenigstens ein bisschen aufzuklären. Dazu würden freiwillige Fachkräfte und Praktikanten zum Beispiel aus Deutschland eingeladen.

»Den Kindern geht es gut«

Karla-Maria Schälicke, die Gründerin des Kinderheims, sei eine äußerst bemerkenswerte, starke, bewundernswerte Frau, die trotz vieler Rückschläge etwas Tolles aufgebaut habe, lobt Anna-Cosima Linss. Sie habe ihr erzählt: Die Ärzte in dem Land seien schlecht bezahlt und sehr überlastet (ebenso wie die Krankenhäuser). Das führe dazu, dass Frauen, wenn ihre Schwangerschaft »zu lange« dauere, auf den Bauch geschlagen bekämen, bis das Kind »endlich« draußen sei. Dadurch komme es bei den Kindern zu Behinderungen und Spastiken. Ein Kaiserschnitt koste 200 Euro, was sich so gut wie keiner leisten könne.

»Trotz all meiner ersten Eindrücke kann ich davon ausgehen, dass es den Kindern gut geht«, betont die 22-Jährige. »Sie lachen, haben Spaß, kichern und albern herum. Ihre Förderung ist natürlich, vor allem durch die finanzielle Einschränkung, nicht mit Deutschland zu vergleichen.«

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