21. September 2010, 17:54 Uhr

Eine kleine klangvolle Rarität

Echzell-Gettenau (pm). Das 525-jährige Bestehen der Gettenauer Kirche wurde mit einem Konzert an der historischen Förster-Orgel aus dem Jahr 1844 besonders gefeiert. Dr. Ralf Schäfer spielte Orgelwerke des 19. bis 21. Jahrhunderts, die Kirchenvorstandsvorsitzende Helga Walther führte mit ausgewählten Texten in die Werke und ihre Komponisten ein, und Orgelbaumeister Rainer Bingel von der Erbauerfirma Förster und Nicolaus aus Lich gab interessante Erläuterungen zum Instrument.
21. September 2010, 17:54 Uhr
Die historische Förster-Orgel. (Foto: pv)

Die Gettenauer Orgel war um 1840 bei Johann Georg Bürgy aus Gießen in Auftrag gegeben worden. Noch vor ihrer Fertigstellung verstarb Bürgy im Jahr 1841. Sein Geselle Johann Georg Förster führte dann die Arbeiten zu Ende, und so konnte die Gettenauer Orgel im Jahr 1844 eingeweiht werden. Das Gettenauer Instrument ist darüber hinaus im Wesentlichen in seiner originalen Substanz aus der Mitte des 19. Jahrhunderts erhalten und auch heute noch gut spielbar. Es darf daher als Denkmalorgel bezeichnet werden. Das 12-registrige Instrument enthält dabei ein ganz besonders Juwel, nämlich eine Physharmonika. Es handelt sich dabei um ein erst Anfang des 19. Jahrhunderts entwickeltes Zungenregister, das man heute kaum noch in einer Orgel findet. Sein Klang erinnert an ein Akkordeon, und man fühlt sich an Kirmes- oder Jahrmarktsmusik erinnert.

Schon bald nach seiner Entwicklung war die Physharmonika aber als unanständig und einer strengen evangelischen Kirchenmusik unwürdig verpönt, und so verschwand sie auch aus dem Gettenauer Instrument. Glücklicherweise hat man sie rekonstruiert und 1994 in Gettenau wieder eingebaut.

In seinen Orgelstücken zeigte Schäfer immer wieder die schönen Klangeffekte der Physharmonika. Im Konzert erklangen dann zunächst Werke aus der Entstehungszeit der Orgel. Hier reichte das vorgestellte Spektrum von der Übertragung einer Klaviersonate Mozarts für die Orgel durch den Italiener Niccolo Moretti bis hin zu kleinen Kompositionen des 1. hessischen Seminarmusiklehrers und späteren Stadener Pfarrers Johann Peter Müller (1791 bis 1877) und des elsässischen Komponisten Martin Vogt (1781 bis 1854) aus einer Sammlung für angehende Lehrerorganisten.

Zur maximalen Klangentfaltung des Gettenauer Instruments kam es dann erstmals bei der mondänen opernhaften Komposition des italienischen Komponisten Giuseppe Galimberti, die durchaus für den Auszug bei einem Gottesdienst gedacht war. Virtuose Läufe wechselten bei dieser Orgelsonate mit kräftigen Akkorden ab. Danach erklang der von einer schönen Melodie getragene »Norwegische Tanz« von Edvard Grieg in A-Dur in einer Übertragung für die Orgel sowie eine ebenfalls effektvolle Toccata in G-Dur von Pierre Bandini, die mit vollem Werk gespielt wurde und mithilfe der Physharmonika die Zuhörer regelrecht auf den Jahrmarkt versetzte.

Im zweiten Teil des Konzerts wurde mit zeitgenössischen gefälligen und abwechslungsreichen kleinen Kompositionen eindrucksvoll demonstriert, dass die Gettenauer Orgel bis heute ihre Bedeutung für die musikalische Gestaltung des Gottesdienstes, aber auch für andere Anlässe behalten hat. Die durch Schäfer gespielte Palette reichte dabei von einem »Habanera-Tango« des Kölner Komponisten Norbert Linke über das Kirchenlied »Der Tag bricht an und zeiget sich« über den leierhaften »Orgeldrehwurm« des Kirchenmusikers Thomas Riegler aus Halle an der Saale bis hin zur Spielstunde der Pinguine, »Penguins’ Playtime«, einer Ragtime-artigen Komposition des Engländers Nigel Ogden aus dem Jahr 1989.

Von Bjarne Slogedal erklangen Variationen über einen norwegischen Choral, die im Kirchenraum in die Atmosphäre einer Fjordlandschaft entführten. Zum Abschluss des Konzerts spielte Schäfer eine Auswahl seiner Lieblingsstücke, nämlich volkstümliche Orgelmusik Schweizer Komponisten. Die junge Organistin Maja Bösch (geb. 1978) aus St. Gallen hat im Jahr 2006 zwölf eigene Orgeltänze herausgegeben und diese im vergangenen Jahr auch bei einem Konzert an der historischen Heuchelheimer Bernhard-Orgel vorgestellt. Schäfer spielte daraus den »Spatzentanz« und »Besuch aus der Fremde«. Bereits 2002 hat Stephan Thomas (geb. 1962) aus Chur eine Suite Helvétique komponiert. Nach dem besinnlichen »Lueget vo Bärge und Tal« folgte beschwingt »Helvetias Fest«. Hannes Meyer (geb. 1939) ist der Nestor der jungen Schweizer Orgelmusik. Er durfte bei diesem Konzert nicht fehlen, und nach einem kurzen Walzer mit Jodelanklängen »Beim Pipa« war die berühmte »Schanfigger Bauernhochzeit« ein fröhlicher Konzertabschluss. Über 60 Besucher waren von der gelungenen Konzertveranstaltung mehr als angetan und spendeten reichlichen Applaus.

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