06. März 2014, 20:13 Uhr

Genossenschaft gibt Kaufpläne für Hessnatur auf

Butzbach (lk). Die hnGeno, die von Hessnatur-Kunden und -Beschäftigen getragene Genossenschaft, steht vor dem Aus: Ein weiteres Angebot zum Kauf des Naturmodeversands wird nicht abgegeben werden. Das bestätigte Walter Strasheim-Weitz, ehemaliger Hessnatur-Betriebsratschef und Vorstand der hnGeno, auf WZ-Anfrage.
06. März 2014, 20:13 Uhr
W. Strasheim-Weitz (Foto: Red)

Zuvor war ein weiterer Versuch, Hessnatur zu kaufen, gescheitert. Der aktuelle Eigentümer, der Schweizer Finanzinvestor Capvis, hatte laut Strasheim-Weitz nicht auf ein Kaufersuchen geantwortet, das im Dezember gestellt worden war. (die WZ berichtete). Auch die hnGeno hatte damals ein Gebot – 28 Millionen Euro – abgegeben. Seither beäugt die Genossenschaft die Entwicklung von Hessnatur kritisch, befürchtet, ein Unternehmen wie Capvis könne »aufgrund übertriebener Gewinnziele die sozialen Aspekte« von Hessnatur nicht einhalten. Strasheim-Weitz: »Die Finanz-Geschichte auf der einen Seite, und die Bio-Fair-Geschichte auf der anderen – das passt nicht zusammen.«

»Sind die Wächter über Hessnatur«

Die hnGeno war Ende vergangenen Jahres davon ausgegangen, dass Capvis seine Meinung bezüglich des Verkaufs aufgrund der für die Genossenschaft ersichtlichen »rückläufigen Geschäftsentwicklung« geändert haben könnte, war mit dieser Annahme aber wohl auf dem Holzweg. Weitere Kaufversuche sollen nicht mehr unternommen werden. Der Grund: »Das Unternehmen, das spätestens in vier Jahren von Capvis verkauft wird, ist bzw. wird auf eine Weise verändert, dass es für eine Genossenschaft mit den Zielen der hnGeno keinen Wert mehr darstellt«, schreibt Strasheim-Weitz in einem offen Brief, in dem sich der hnGeno-Vorstand von Treugebern und Freunden verabschiedet. »Die Treugeber bekommen ihr Geld am Monatsende zurück«, sagt er im Gespräch mit der WZ.

Strasheim-Weitz geht davon aus, dass Capvis das Öko-Label 2018 verkaufen wird, denn nur bis dahin sei der Fonds aufgelegt, zu dem Hessnatur gehöre.

Wie es mit der hnGeno weitergeht, entscheidet sich bei einer Hauptversammlung im April oder Mai. »Es gibt derzeit unterschiedliche Strömungen in der Genossenschaft. Die einen sagen ›Jetzt ist Schluss, wir hören auf», die anderen sagen ›Wir sind die Wächter über Hessnatur, solange wir da sind, wird nichts Schlimmeres passieren.» Ich persönlich bin hin- und hergerissen.« Seine große Befürchtung: »Wenn die hnGeno nicht mehr existiert, dann greifen die üblichen Mechanismen des Spekulationsgeschäfts.« Ganz scheint er den Traum, in dem die hnGeno Hessnatur kauft, jedoch noch nicht ausgeträumt zu haben. »Wenn Hessnatur in die Insolvenz gehen würde, kann es sein, dass wir das Geld für die Weiterführung schnell zusammenbekommen. Viele von den Treugebern würden dann wieder dabei sein. Die gemeinsame Klammer für ein genossenschaftlich geführtes Hessnatur existiert noch.«

»Transparenter als je zuvor«

Hessnatur-Geschäftsführer Marc Sommer möchte die aktuelle Entwicklung der hnGeno nicht weiter kommentieren. Denn: »Aus Hessnatur-Sicht ist die Sache seit Sommer 2012 erledigt. Ich bin eher überrascht, dass sich die Genossenschaft jetzt erst auflöst.« Auch in puncto »rückläufige Geschäftsentwicklung« kontert er. »Die Entwicklung ist für uns zufriedenstellen.« Im Herbst/Winter des vergangenen Jahres sei man um drei Prozent gewachsen, in den drei Hessnatur-Läden sogar um 20 Prozent. »Außerdem hatten wir 15 Prozent mehr Neukunden und seit Anfang des Jahres sogar über 30 Prozent«, sagt Sommer auf WZ-Anfrage.

Strasheim-Weitz’ Annahme, der Finanzinvestor wolle Hessnatur spätestens 2018 verkaufen, dementiert Sommer ebenfalls. »Es gibt keinen festen Zeitpunkt, wann Capvis sein Unternehmen verkaufen will. Wir werden zumindest mittelfristig mit Capvis unterwegs sein. « Der Eigentümer sei überdies ein »sehr guter Gesellschafter, der bereit ist, in das Unternehmen zu investieren«. Man habe in diesem Jahr die Investitionen in Hessnatur verfünffacht, baue neue Läden auf, setze auf neue Technologien, etwa den Internethandel. »Wir holen die fehlenden Investitionen aus den letzten Jahren jetzt nach.« Zudem habe man die Lieferfähigkeit von 60 auf 95 Prozent erhöhen können.

Auch die Befürchtung der Genossenschaft, Hessnatur könnten die Kunden weglaufen, da die ökologischen und sozialen Standards, die das Unternehmen groß gemacht haben, nicht eingehalten werden könnten, weist Sommer von sich. »Wir haben einen Kundenrat geschaffen, haben den Nachhaltigkeitsbericht veröffentlicht. So viel Transparenz wie jetzt hatten die Kunden noch nie.« Mit den 86 Lieferanten werde auf einer fairen und nachhaltigen Basis gearbeitet. Die Behauptung eines Wirtschaftsmagazins, die Lieferanten würden in ihren Einkaufsbedingungen gedrückt, sei schlichtweg aus der Luft gegriffen. Capvis selbst war für eine Stellungnahme am Donnerstag nicht zu erreichen.

Strasheim-Weiz teilt mit, dass aus dem Wunsch vieler Treugeber, ein Konkurrenzunternehmen zu Hessnatur aufzubauen, wohl vorerst nichts werde. Man habe festgestellt, »dass insbesondere juristische Hürden eine direkte Konkurrenz wenig erfolgversprechend erscheinen lassen«. Die hnGeno selbst betrachte er nicht als gescheitert, sondern sei stolz auf das gemeinsam Geleistete. Nach möglichen Fehlern im Vorgehen der Genossenschaft gefragt, sagt er: »Wir hätten viel aggressiver vorgehen müssen.« Und: »Vielleicht hätte ich letztes Jahr loslassen sollen, aber Hessnatur, das war wie mein Kind.«

Wie es für Strasheim-Weitz persönlich weitergeht, ist unklar. Er hatte das Öko-Label im März 2013 nach über 20 Jahren verlassen. Er sei bei verschiedenen Projekten in Sachen ökologische Kleidung ehrenamtlich engagiert. »Und ansonsten bin ich Bilanzbuchhalter und suche einen Job.«

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