18. Januar 2013, 19:03 Uhr

Getränke-Ring:1,8 Mio. Rechnungsposten aufzuarbeiten

Butzbach (en). Der »Glaspalast« bringt kein Glück – einst ging in dem ebenso modernen wie protzigen und unpraktischen Bürogebäude nahe der Südumgehung Wilhelm Just mit seiner AKJ pleite, nun hat das gleiche Schicksal die Firma ereilt, die dann den »Palast« kaufte: Für den Getränke-Ring läuft seit Oktober das Insolvenzverfahren.
18. Januar 2013, 19:03 Uhr
Noch findet man das Emblem des Getränke-Rings vor dem »Glaspalast«. (Foto: nic)

80 Arbeitsplätze sind gefährdet, 60 schon verloren, auch 20 Tochtergesellschaften betroffen.

Als »eines dieser Unternehmen, die der Verbraucher nicht kennt, die er im Zweifelsfall aber braucht«, hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung kürzlich den Getränke-Ring bezeichnet. Der war 1960 gegründet worden, regionale Getränkefachgroßhändler wollten ihn als Einkaufsgenossenschaft nutzen. Das brachte niedrige Preise und die Befreiung von der Rechnungsführung, dafür zahlten die Mitglieder Beiträge an den Getränke-Ring. Bis Herbst 2012 entwickelte er sich zur mitglieder- und umsatzstärksten wirtschaftlichen Kooperation der Branche. Nahezu jeder dritte der insgesamt rund 3400 Getränkegroßhändler in Deutschland wickelte seine Zahlungen an 1000 Produzenten über Butzbach ab. Die Verrechnungsumsätze lagen der Bilanz 2011 zufolge bei 1,2 Milliarden Euro.

Kein goldener Oktober

Auf der Homepage des Unternehmens ist noch immer eitel Sonnenschein – sie wurde nicht mehr aktualisiert seit Oktober. Denn der war wenig golden für die Genossenschaft: Praktisch über Nacht ging’s in die Insolvenz. »Aufgrund von unvorhergesehenen Schwierigkeiten bei der Refinanzierung musste vorsorglich von der Geschäftsführung aufgrund des eingetretenen Liquiditätsengpasses Insolvenzantrag gestellt werden«, begründete der Frankfurter Sanierungsexperte Dr. Jan Markus Plathner von der Kanzlei Brinkmann & Partner als Insolvenzverwalter den Schritt.

Plathner und sein Team hatten, verstärkt durch Computer-Spezialisten und unterstützt von der Belegschaft, eine Sisyphus-Arbeit vor sich: Welcher Großhändler hatte welche Lieferung schon an den Getränke-Ring bezahlt, welcher Produzent hatte welches Geld schon erhalten? 1,8 Millionen Posten seien nachzuvollziehen gewesen, berichtete Plathners Sprecher Sebastian Brunner gestern auf Anfrage.

In den Tagen um den 4. Oktober, an dem die Insolvenz beantragt worden war, wurde laut Plathner einerseits bereits ausgelieferte Ware der Lieferanten nicht mehr bezahlt, andererseits sei es zu einem zeitweisen Lieferstopp der Lieferanten gegenüber Händlern wegen offener Rechnungen gekommen.

Erschwert habe die Situation die Tatsache, dass die jeweiligen Salden bei Lieferanten, Händlern und einem eingeschalteten Kreditfinanzierer unklar gewesen seien.

Der Sanierer: »Die Aufbereitung der Datenlage ist komplex und langwierig.« Solche Prüfungen bei Zentralregulierern wie dem Getränke-Ring könnten Jahre dauern. Erschwerend komme hier hinzu, dass in erheblichem Umfang Lastschriften widerrufen und Abbuchungen nicht mehr ausgeführt worden seien.

Erstes Ziel: Aufarbeitung

Plathner richtete bereits unmittelbar nach seiner Bestellung mit den Mitarbeitern des Getränke-Rings eine Task-Force ein, um die Daten-/Kontenklärung schnellstmöglich zu bewerkstelligen. »Wir haben zusammen mit den Mitarbeitern des Getränke-Rings in mühsamer Kleinarbeit Stapel von Listen pro Kunde durchgearbeitet, um zu ermitteln, was wann wohin geliefert wurde und was noch bezahlt wurde und was nicht.«

Immerhin – ein Zwischenziel sei erreicht: »Wir haben Salden zwischen Lieferanten und Händlern ermitteln können«, meldete Plathner im November. Brunner sprach gestern von weiteren Fortschritten, aber fertig sei man noch nicht.

Parallel dazu hat der Insolvenzverwalter eine Wiederaufnahme der Zentralregulierung und damit der Wiederaufnahme des Betriebs beim Getränke-Ring geprüft. »Nach meiner derzeitigen Einschätzung ist dies nur möglich, wenn ein Investor den Betrieb übernimmt. Hier liefen auch momentan Gespräche, berichtete Sebastian Brunner gestern, allerdings nur für das Kerngeschäft, den Finanzverkehr zwischen Handel und Produzenten.

An Töchtern kein Interesse

Für die im Lauf der Zeit gegründeten 20 Butzbacher Tochtergesellschaften gebe es keine ernsthaften Interessenten, fuhr Brunner fort. Auf der Kippe stehen die 70 Arbeitsplätze bei der VG Vest-Getränke GmbH & Co. KG in Recklinghausen, einem der bedeutendsten Getränkefachgroßhändler im gesamten Ruhrgebiet. Dort läuft der Betrieb trotz Insolvenz weiter.

Dem Gros der Butzbacher Mitarbeiter wurde zum Jahresende gekündigt, lediglich neun sind noch mit der Aufarbeitung befasst.

Durch die Insolvenz des Getränke-Rings sähen sich Händler und kleinere Lieferanten ihrerseits einer Insolvenzgefahr ausgesetzt. Plathner: »Wir sind in ständigen Gesprächen mit den maßgeblichen Lieferanten und dem Bundesverband des Getränkefach-Großhandels, um Folgeinsolvenzen zu vermeiden«. Es sei jedoch seine primäre Aufgabe als Insolvenzverwalter, das vorhandene Vermögen des Getränke-Rings zu erhalten und im Interesse aller Gläubiger zu sichern.

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