17. Januar 2011, 20:26 Uhr

Butzbach darf sich jetzt »Weidig-Stadt« nennen

Butzbach (vj). Beim 13. Neujahrsempfang der Stadt wehte am Freitag ein Hauch von Geschichte durchs festlich geschmückte Bürgerhaus: Der Hauptredner des Abends, Pfarrer i.R. Christian Prüfer, der mit seinen Friedensgebeten in der Leipziger Nicolaikirche vor mehr als 20 Jahren den Weg zur friedlichen Revolution in der DDR mitbereitet hatte, erzählte aus jener turbulenten Zeit. Aber Prüfer hatte auch Kritik mitgebracht an der Art und Weise der Wiedervereinigung
17. Januar 2011, 20:26 Uhr
Christian Prüfer

Butzbach (vj). Beim 13. Neujahrsempfang der Stadt wehte am Freitag ein Hauch von Geschichte durchs festlich geschmückte Bürgerhaus: Der Hauptredner des Abends, Pfarrer i.R. Christian Prüfer, der mit seinen Friedensgebeten in der Leipziger Nicolaikirche vor mehr als 20 Jahren den Weg zur friedlichen Revolution in der DDR mitbereitet hatte, erzählte aus jener turbulenten Zeit. Aber Prüfer hatte auch Kritik mitgebracht an der Art und Weise der Wiedervereinigung So kritisierte er, dass der Text der Nationalhymne nicht um den der DDR-Hymne erweitert worden sei, und er mahnte einen Systemwechsel an. Als »Schmankerl« verkündete Landtagspräsident und Stadtverordnetenvorsteher Norbert Kartmann in seinem Grußwort, dass der Antrag der Stadt, sich künftig offiziell »Friedrich-Ludwig-Weidig-Stadt« nennen zu dürfen, vom Land genehmigt worden sei. Gemeinsam mit Bürgermeister Michael Merle präsentierte er die Genehmigungsurkunde des Innenministeriums. Musikalisch umrahmt wurde der Abend vom Musikzug Kirch-Göns.

Zunächst hatte Merle 20 Minuten lang Ehrengäste aus Politik, Wirtschaft, Justiz, Kirche und Gesellschaft begrüßt und Christian Führer »als Gesicht der Montagsdemonstrationen« und »Ikone der friedlichen Revolution« vorgestellt. Selbst für Angst einflößende Situationen, die es genügend in den 80er Jahren gegeben habe, habe Prüfer Lösungen gefunden durch gelebtes Gottvertrauen.

Pfarrer Prüfer erklärte, von entscheidender Bedeutung für den einzelnen Menschen wie für ein ganzes Volk sei das Gedächtnis - Zukunft brauche Herkunft. Von 1848 bis 1918 hätten die deutschen Revolutionen eine Blutspur hinterlassen. Dass die friedliche in der DDR gelungen sei, habe sich in einem winzigen Senfkorn begründet, dem Gott die Kraft gegeben habe, Mauern in den Köpfen in Berlin zu durchwachsen und zu überwinden: Die Friedensgebete für Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung, die das Rückgrat der Revolution gewesen seien.

Von den ersten Friedensgebeten im Jahr 1981 berichtete der Pfarrer, von den wöchentlichen in der Nicolaikirche ab 1982 (es gibt sie heute noch), von der Gründung des Gesprächskreises »Hoffnung für Ausreisewillige« 1986, von Fürbittandachten für bei Demonstationsversuchen verhaftete Jugendliche, wodurch die Nicolaikirche ins Fadenkreuz der DDR-Observierung und in immer größere Gefahr geraten sei.

Der alles entscheidende Tag sei der 9. Oktober 1989 gewesen, berichtete Prüfer. Er sei die Frucht der Friedensgebete in der Nicolaikirche gewesen, die im Verbund mit anderen Innenstadtkirchen zum Ausgangspunkt der Demonstration der 700 000 und damit zum Kernpunkt der friedlichen Revolution geworden sei. Danach habe sich die Zahl der Montagsdemonstranten verdoppelt - bis hin zum Tag des Mauerfalls.

Zum Ende stellte Prüfer Fragen: Ob man den Prozess der Einheit besser hätte gestalten können, etwa mit einer neuen Verfassung. Aus Fragen wurde konkrete Kritik. Prüfer nahm daran Anstoß, dass das vereinte Deutschland Bundesrepublik heißt - das habe nur bis 1989 Sinn gemacht. Die Fahne könne bleiben, sie sei auch während der Teilung von beiden Seiten benutzt worden und nicht »vergangenheitsbeschädigt«.

Nicht so die Nationalhyme: Ihre 1. Strophe hätten die Nationalsozialisten »für alle Zeiten geschändet«, die 2. Strophe könne ebenfalls nicht sein, und ob die 3. eines solchen Liedes wirklich Nationalhymne sein könne, bezweifelte Prüfer. Die Melodie könne bleiben, als Text forderte der Leipziger die bisherige 3. Strophe als Beginn, den Text der DDR-Hymne als 2. und einen Bertolt-Brecht-Text als 3. Strophe. Den Nationalfeiertag will Prüfer auf den 9. Oktober verlegen.

Tiefgreifende Änderungen im Wirtschaftssystem seien nötig, so Prüfer. Die Demokratie brauche eine gerechtere Wirtschaftsform als den Neoliberalismus mit den immer gleichen Antworten einer vergehenden Epoche. Die Wurzelsünde des Globalkapitalismus, die Anstachelung der Gier, müsse überwunden werden. Teil 2 der friedlichen Revolution stehe also noch bevor, so Prüfer: eine Wirtschaftsreform der solidarischen Ökonomie zu entwickeln, die die Jesus-Mentalität des Teilens praktiziere, in der der Mensch, nicht Geld und Profit, an erster Stelle stehe.

Anschließend sprach Norbert Kartmann, kam vom Freiheitsgedanken der friedlichen Revolutiion auf Friedrich Ludwig Weidig, der auch für die Freiheit gekämpft habe, und gab die Genehmigung des neuen Stadtbeinamens bekannt.

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