27. Februar 2014, 18:38 Uhr

Fürstliches Fiasko: Stadt kämpft mit adligem Erbe

Büdingen (dpa). Es war einmal ein reicher freundlicher Fürst, zu dem die Menschen im Ort aufschauten. Sein Schlosspark war für alle offen, in seinen riesigen Wäldern fanden prachtvolle Jagden statt. Wer für ihn arbeiten durfte, gab damit an.
27. Februar 2014, 18:38 Uhr
(Foto: DPA Deutsche Presseagentur)

So märchenhaft war in der Erinnerung vieler Menschen in Büdingen jahrzehntelang ihr Verhältnis zur Fürstenfamilie Ysenburg. Doch mit der heutigen Generation ist alles anders.

»Wenn er aus dem Schloss heraus-chauffiert wurde und da stand ein Bürger, hat dieser sich noch verneigt«, erinnert sich Bürgermeister Erich Spamer an den 1990 gestorbenen Fürsten Otto Friedrich zu Ysenburg und Büdingen. Auch er sei als Kind durch den Schlosspark getollt. Die Stadt habe vom Glanz des Adels profitiert. »Heute bin ich einer der wenigen, der noch ›Durchlaucht» sagt.«

Denn nach dem Tod des alten Fürsten verfiel die Herrlichkeit – heute empfindet das Städtchen das Fürstenhaus immer stärker als Belastung. Der Großteil des Besitzes wurde inzwischen verkauft, vieles verfällt mitten in der Stadt – für den Tourismus verheerend. Die Familie will keine Hilfe und schottet sich ab. Auch für die Presse ist niemand zu erreichen. Die Vereinigung der deutschen Adelsverbände will sich auf Anfrage nicht zu einzelnen Mitgliedern äußern.

»Das Verhältnis ist über die Jahre immer schlechter geworden«, sagt der Bürgermeister. An einem Februartag wirkt das Schloss völlig unbewohnt, das Familienhotel geschlossen, das Wappen verwittert, der Park verwildert und abgesperrt. Immer wieder trifft man auf »Betreten verboten«-Schilder. Wegen der Gefahr morscher Bäume auf fürstlichem Besitz musste die Stadt einen öffentlichen Rundweg sperren. »Dort haben sie mal ihre Abwässer hineingeleitet«, sagt der Bürgermeister und zeigt auf einen öffentlichen kleinen Bach.

Weil eine Brücke, die ein paar Meter über adliges Eigentum führt, nicht mehr benutzt werden darf, will eine Bürgerinitiative eine neue einige Meter weiter bauen. »Sie wollen alles behalten und sind nicht mehr in der Lage, es zu erhalten«, kritisiert der Sprecher des Bürgerforums »Steinernes Haus«, Hans Joachim Beckmann. Er und rund 130 Mitglieder seines Vereins engagieren sich unter anderem für die neue Brücke und zahlreiche andere Projekte zum Erhalt der Altstadt. Und scheitern nach eigenen Angaben immer wieder am adligen Eigensinn: »Die fürstliche Familie hat sich immer mehr abgeschottet und so eine Art Enteignungswahn entwickelt.«

Trieb Beckmanns Vater mit anderen Engagierten noch in gutem Einvernehmen mit dem verstorbenen Fürsten das Geld für eine neue Dachhaube des Steinernen Hauses mitten in der Altstadt auf, verfällt der spätgotische Bau heute. Die Ysenburgs lehnten alle Hilfsangebote ab, es gebe keinen Ansprechpartner mehr, so der Büdinger. »Ich verstehe überhaupt nicht, was sie für eine Taktik verfolgen.«

Mit der Kirche gibt es seit Jahren Streit um den Erhalt der beiden Büdinger Gotteshäuser, der Remigius- und Marienkirche. Darum kümmert sich seit Jahrhunderten die Stiftung »Präsenz zu Büdingen« unter fürstlicher Führung. Doch dieser Aufgabe kommt die Familie auch nicht mehr nach, so der Vorwurf der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau (EKHN), die die Gebäude nutzt.

Konstruktive Gespräche geführt

»Es war eine schleichende Veränderung der Wahrnehmung der Stiftungsaufgaben«, sagt die mit dem Fall betraute EKHN-Kirchenjuristin Sabine Langmaack. Statt sich zu kümmern, sei das Immobilienvermögen der Stiftung massiv reduziert worden. Eine neue Satzung sieht vor, dass im Falle einer Auflösung der Stiftung die Kirchen an die EKHN fallen, das Vermögen aber an die Ysenburgs übergeht. »Das ist noch nie Vermögen der Familie gewesen, die Stiftung besteht ausschließlich aus historischem Kirchenvermögen«, sagt Langmaack. Von einem lange erwarteten runden Tisch mit allen Beteiligten im Regierungspräsidium Darmstadt erhofft sich die Kirche nun einen Durchbruch. Der Auftakt der Gespräche am Donnerstag verlief vielversprechend. »Es war ein konstruktives und sinnvolles Gespräch.« Über den Inhalt sei Vertraulichkeit vereinbart worden, bis zu einem erneuten Treffen würden verschiedene Handlungsmaßnahmen geprüft, so Langmaack.

Hauptschuldiger ist für viele Büdinger Otto Friedrichs Nachfolger als Chef des Fürstenhauses, sein Sohn Wolfgang-Ernst Fürst zu Ysenburg und Büdingen. »Natürlich hat der Fürst ein schweres Erbe angetreten, aber er hat einfach alles völlig zugrunde gerichtet«, sagt Beckmann. Unter anderem der 10 000 Hektar große Wald, die Wächtersbacher Keramik, eine Brauerei und zahlreiche Immobilien sind weg, der Fürst musste Privatinsolvenz anmelden. Immer wieder steht er vor Gericht, zuletzt wurde er Mitte Februar mit seinem Sohn zur Rückzahlung einer geliehenen Million Euro samt Zinsen verurteilt.

Von einst Hunderten Angestellten soll heute kein einziger mehr übrig sein. »Die Fürstin mäht den Rasen und putzt die Hotelzimmer selbst«, sagt Beckmann. Damit ringt sie den Büdingern noch etwas Respekt ab. »Sie versucht noch irgendwie, die Dinge zusammenzuhalten«, sagt der Bürgermeister. Auch auf dem Friedhof sei sie beim Unkrautjäten anzutreffen.

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