06. Mai 2012, 18:28 Uhr

Wichtiges Archiv in Insolvenzstrudel geraten

Büdingen (vc). Niemand würde auf den Gedanken kommen, dass das »Am Hain 2« vor der östlichen Einfahrt in die Altstadt liegende verlassene und baufällige Gebäude für 60 Orte in der Wetterau und dem Main-Kinzig-Kreis das vermutlich wichtigste Archiv ist.
06. Mai 2012, 18:28 Uhr
Im baufälligen Bandhaus lagern jede Menge historische Akten. (Foto: vc)

Besitzer des Bandhauses ist eine BEHA Immobilien GmbH mit Sitz zunächst in Flieden, dann im Büdinger Schloss, die vermutlich in den Insolvenzstrudel des von Otto Friedrich Fürst zu Ysenburg hinterlassenen Vermögens geraten ist. Der Verlust des Archivs wäre nach Ansicht von Heimatforschern eine Katastrophe.

Das Bandhaus ist Aufbewahrungsort für Archivmaterial. Um welches Material es sich im Einzelnen handelt und wem es gehört, ist nicht bekannt. Obwohl das Land Hessen zur Aufsicht über das Kulturgut im Bandhaus verpflichtet ist, hat sich ungeachtet vielfacher Mahnungen seit Jahren nichts getan.

Nach Auskunft von Menschen, die sich vor langer Zeit in dem Gebäude umgesehen haben, befindet sich dort eine große Masse an Akten der Regierungsbehörden (Regierung und Rentkammer) der drei Teilgrafschaften Ysenburg in Büdingen, Ysenburg in Wächtersbach und Ysenburg in Meerholz, in die die Grafschaft Ysenburg seit 1687/1725 zersplittert war.

Diese Akten staatlichen Verwaltungshandelns betreffen im Wetteraukreis alle Büdinger Stadtteile, Orts- und Stadtteile von Kefenrod, Limeshain, Ortenberg und Glauburg, aber auch Heegheim, Ober-Mockstadt, Nieder-Mockstadt, Staden, Assenheim, Bönstadt, Bruckenbrücken und Petterweil.

Es handelt sich um keine Familienakten der drei »gräflichen Häuser«, sondern um Amtsakten staatlichen Charakters von Verwaltung und Rechtspflege der Regierungsbehörden, deren sich die von der Familie früher gestellten regierenden Grafen bedienten. Da im 18. Jahrhundert die Aktenflut erheblich anwuchs, muss es sich um große Mengen handeln. Sie blieben auch nach dem Verlust der Unabhängigkeit der Ysenburger Grafschaften in den Händen der Oberhäupter der drei »Häuser«, weil diese kraft der Wiener Kongressakte untere Regierungsrechte behielten. Diese Akten staatlichen Charakters wurden mit alten und neuen Akten der Verwaltung der Familienvermögen vermischt und bald unterschiedslos zu Bestandteilen des gebundenen Familienvermögens (»Fideikommissen«).

Unübersichtliche Eigentumsverhältnisse

Beim Ende der Monarchie 1918 waren die Akten aus der Zeit, als die Ysenburger Grafen noch effektiv regiert hatten, im Büdinger Schloss und den drei großen Rentkammerarchiven in den Schlössern Büdingen, Wächtersbach und Meerholz verstreut. Ein einheitliches Ysenburger Archiv gab es nicht, das änderte sich auch nicht, als Otto Friedrich Fürst zu Ysenburg und Büdingen alle Ysenburger Teillinien beerbt hatte und alle Archive nach Büdingen kamen.

Bis 1918 gehörte dieses Archivgut den »Fideikommissen« der drei »gräflichen« beziehungsweise dann teilweise »fürstlichen Häuser« der Ysenburg. Im Zuge der Auflösung der Fideikommisse durch die Weimarer Verfassung wurde ihr Vermögen 1931 gewöhnliches Eigentum. Der Meerholzer Fideikommiss war da schon in den beiden andern aufgegangen. Als 1941 der nunmehr freie Eigentümer Otto Friedrich Fürst zu Ysenburg in Wächtersbach in Büdingen geerbt hatte, vereinte er das gesamte Ysenburger Vermögen – einschließlich Archivgut.

Wie es nach dem Tod von Otto Friedrich zu Ysenburg weiterging, ist wenig durchsichtig, da es seither kein einheitliches Ysenburger Familienvermögen mehr gibt. An seine Stelle trat ein immer mehr in Einzelgesellschaften verschachteltes Agglomerat mit unübersichtlichen Beteiligungsverhältnissen, das nach Feststellungen des aktuellen Insolvenzverwalters in Konkurs ist. Erben von Otto Friedrich zu Ysenburg waren seine beiden Söhne Sylvester und Christian Albrecht sowie sein Enkel Casimir Alexander. Sein ältester Sohn Wolfgang Ernst hatte Erbverzicht geleistet, er wurde von seinem Vater von der Vertretung der Familie ausgeschlossen. Der Erbgang erfolgte auf Gesellschaften bürgerlichen Rechts, die die drei Erben mit Vater/Großvater geschlossen hatten. Das Archivgut dürfte dabei auf die »Fürst zu Ysenburg und Büdingen Kulturgut GbR« übergegangen sein. Da GbR nicht registriert werden, ist das weitere Schicksal der Kulturgut GbR unbekannt.

Staatliche Aufsichtsrechte und -pflichten

Staatliche Instanzen sind bevollmächtigt, hier Klarheit zu schaffen und für Sicherstellung des Archivguts im Bandhaus zu sorgen. Denn es geht hier nicht um normales Privateigentum, sondern um staatliche Unterlagen zur Geschichte eines breiten Landstrichs. Dem öffentlichen Interesse an ihnen wurde bei der Auflösung der Fideikommisse gesetzlich Rechnung getragen.

So verbietet das hessische »Gesetz über die Auflösung der Familienfideikommisse« vom 11. November 1923 jede »örtliche Veränderung« von Archiven, die zu Fideikommissen gehört haben, ohne dass staatliche Genehmigung vorliegt. Dies schließt nach den Denkgesetzen auch ein, dass ein Archivgebäude nicht baufällig werden darf. Das »Gesetz über das Erlöschen der Familienfideikommisse« des Reiches vom 6. Juli 1938 verpflichtet das Fideikommissgericht dazu, »von Amts wegen« durch Einschaltung des zuständigen Staatsarchivs (also des Staatsarchivs in Darmstadt) für Erhalt und Nutzung der Archive zu sorgen. Das Fideikommissgericht kann sogar »zur Erhaltung von Amts wegen auch Stiftungen errichten«.

Dessen ungeachtet hat ein Sprecher des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst auf Anfrage erklärt, dass das Archiv im Bandhaus »Privatsache der Ysenburger« sei und das Ministerium keinen Spielraum habe. Doch die Landesregierung ist im Gegenteil gesetzlich dazu verpflichtet, für die Sicherung des Archivs tätig zu werden. Der vorgegebene Weg hierzu ist ein Antrag beim Fideikommissgericht in Kassel, das zuständige Staatsarchiv in Darmstadt mit der Durchführung erforderlicher Maßnahmen – Feststellung der Eigentumsverhältnisse, Sicherung der Unterbringung, Inventarfeststellung, Sicherstellung der Nutzung – zu beauftragen. Christian Vogel

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