Büdingen

»Verbeugung vor dem Adel«

Büdingen (dab/pm). Die Landesregierung habe sich »in Widersprüche verstrickt« und »sich eine neue Ausflucht ausgedacht« – die Landtagsabgeordnete Lisa Gnadl (SPD) und Heimatforscher Christian Vogel kritisieren Wissenschaftsminister Boris Rhein erneut für sein Verhalten in der Debatte um die Büdinger Rentkammerarchive.
11. Februar 2016, 18:13 Uhr
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Das baufällige Bandhaus in Büdingen ist eines der Archive, in denen historische Akten lagern, die nach Meinung von Heimatforschern öffentlich zugänglich sein müssten.

Die Auseinandersetzung dreht sich um deren Besitzverhältnisse und lässt sich auf die Frage reduzieren: Gehört das Archiv dem Land Hessen und muss somit öffentlich zugänglich sein, oder sind die Akten dem Privatbesitz der Fürstenfamilie zuzuordnen?

Um dies zu klären, hatte Gnadl im Dezember eine – neuerliche – Anfrage im Landtag gestellt. Noch immer werde den Heimatforschern der Zugang zu den Archiven verwehrt, obwohl sie wertvolle Informationen über die Geschichte der Region enthielten. »Ich erwarte, dass der Minister endlich alle offenen Fragen klärt. An der Auffassung der Landesregierung, dass die Rentkammerarchive zum Privatbesitz der Fürstenfamilie gehören sollen, habe ich nach wie vor Zweifel«, hatte Gnadl argumentiert.

Doch auch die aktuelle Antwort der Landesregierung sei »mehr als unbefriedigend« ausgefallen, rügt Gnadl nun in einer Pressemitteilung. »Je mehr sich der zuständige Wissenschaftsminister Boris Rhein zur Sache äußern muss, umso mehr verstrickt er sich in Widersprüche.« Die Landesregierung winde sich um eindeutige Aussagen herum. In ihrer Antwort vom Juli letzten Jahres auf Gnadls damalige Anfrage habe die Regierung behauptet, die Rentkammerarchive seien nie Bestandteil des Fideikomisses gewesen. Jetzt habe der Minister einräumen müssen, dass die Rentkammern öffentliche Behörden zur Verwaltung des Vermögens der Adelshäuser unter der Rechtsform des Fideikomisses gewesen seien. Warum dann die Rentkammerarchive nicht zum Fideikomiss selbst zählen sollen, darauf sei die Regierung eine Erklärung schuldig geblieben. Stattdessen versuche der Wissenschaftsminister, den Inhalt der Rentkammerarchive zu »Registraturgut, das im engeren Sinne nie zu Archivgut geworden« sei, umzudeuten. »Diese Spitzfindigkeiten sehen sehr nach einer Verschleierungstaktik aus«, meint Gnadl.

In den Rentkammerarchiven lagerten für die lokale Geschichte bedeutsame Dokumente, die vor dem Verrotten gesichert und der Geschichtsforschung zugänglich gemacht werden sollten.

»Vor dem Verrotten sichern«

Wenn Rhein schreibe, dass man mit »verschiedenen Repäsentanten des hessischen Adels« wegen der Archive im Dialog stehe, könne man förmlich erahnen, wie der Minister eine tiefe Verbeugung vor einem Adelsstand mache, der in Wahrheit schon 1919 abgeschafft worden sei.

Auch Christian Vogel, Vorsitzender der Vereinigung für Heimatforschung in Vogelsberg, Wetterau und Kinzigtal, geht hart mit Rhein ins Gericht. In dem Bemühen, die Interessen der Öffentlichkeit zu unterlaufen, habe sich das Ministerium vorsorglich eine neue Ausflucht ausgedacht. Jetzt heiße es, die drei Rentkammerarchive seien gar keine »Archive« gewesen, sondern lediglich »Registraturen«, die der Gesetzgebung nicht unterlägen. »Das ist nun gesteigerter Unsinn«, urteilt Vogel. Laut Definition bestünden Registraturen aus Dokumenten, die noch in Gebrauch seien, und Archive aus Dokumenten, die nur noch aus historischen Gründen aufbewahrt würden. Der für Heimatforscher interessanteste Teil der Rentkammerarchive seien Regierungsakten aus der Zeit von 1700 bis 1830. Dass diese bis heute in Gebrauch sein sollten – »auf eine solche Erfindung muss man erst einmal kommen«, kritisiert Vogel.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/buedingen/art551,109723

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