12. Dezember 2018, 20:56 Uhr

Worte über Unrecht und Terror

12. Dezember 2018, 20:56 Uhr
RIN
Isil Yönter

Die Bühne für Menschenrechte gibt jenen eine Stimme, denen Unrecht widerfahren ist – wie den Angehörigen der Opfer des nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Mit Nachdruck erzählen professionelle Schauspieler die Geschichten dreier Familien, deren Mut und Kämpfe gegen schlampige Behörden und aufkommenden Rechtsextremismus. Am Montag sind die »NSU-Monologe« in der Alten Mühle zu erleben. Eingeladen hat auch der Ausländerbeirat der Stadt Bad Vilbel. Dessen Vorsitzende Isil Yönter ist im Gespräch mit Redakteur Dominik Rinkart über das Geschehen wütend und entsetzt.

Die Taten des NSU haben 2000 bis 2007 Deutschland erschüttert. Wann haben Sie zum ersten Mal das Ausmaß dieses Terrors begriffen?

Isil Yönter: Es waren ja zunächst nur einzelne Taten – der Zusammenhang war ja niemandem klar. Zum ersten Mal klar wurden mir diese Zusammenhänge bei einer SPD-Veranstaltung im Jahr 2013. Dort hielt die Thüringer Abgeordnete Dorothea Marx, die auch am Montag reden wird, einen Vortrag zu diesem Thema. Als sie anfing zu berichten, dachte ich »Nein, das kann nicht sein«. Doch mit der Zeit fügte sich auch in der Presseberichterstattung ein Teil zum Nächsten, und es gab die Untersuchungsausschüsse. Da merkte ich, wie weitreichend das alles ist.

Eines der Opfer – Enver Simsek – kam aus Schlüchtern. Wie nah gingen der türkischen-Community in Bad Vilbel die Taten?

Yönter: Die Bedeutung ist uns erst viel später klar geworden und macht erst im Nachgang wirklich betroffen. Wir haben neulich erst im Ausländerbeirat darüber gesprochen und erkannt: Das hätte jeden treffen können, der irgendwo in der Öffentlichkeit unterwegs ist, wo auch Türken sind. Denn das schien das einzige Kriterium der Täter zu sein – Türken zu treffen.

Die Taten und die Opfer waren groß in den Medien. Welche Stimmen sind dabei untergegangen, die jetzt bei der Aufführung vielleicht zur Sprache kommen?

Yönter: Ich kenne die Monologe ja selbst noch nicht, aber der Prozess ist nun beendet. Die Familienmitglieder, die Töchter, die aktiv waren, sind zu Wort gekommen, aber die Frage ist doch viel mehr: Und jetzt? Wie geht die Kripo heute damit um? Würde sie die Zusammenhänge heute schneller erkennen? Ich hoffe es. Wer nicht mehr zu Wort kommt, sind die Verbliebenen. Es gab ja nicht nur die türkischen Opfer sondern auch einen Griechen und die Polizistin. Deren Kollege muss nun mit einer schweren Behinderung leben. Wie geht es ihm? Auch er hat jemanden verloren. Da waren auf einen Schlag elf Familien betroffen, die jetzt für immer mit den Folgen dieser abscheulichen Taten leben müssen.

Die Aufklärung geriet zu einer Aneinanderreihung von Skandalen. Sehen Sie überhaupt irgendeine Aufarbeitung?

Yönter: Ja und Nein. Ja, weil ich die Hoffnung habe, dass die Vorgänge in der Ausbildung bei der Kripo nun eine Rolle spielen. Dass das Ganze überhaupt in Teilen aufgeklärt werden konnte, macht mich schon stolz auf dieses Land. Und nein, weil es immer noch zu viele Fragen gibt: Was ist mit diesem V-Mann passiert? Bei den vielen geschwärzten Seiten von Dokumenten, da frage ich mich als Bürgerin, wie kann das sein? Was hatten die geschredderten Akten für eine Bedeutung? Ich bin eigentlich sehr stolz auf unseren Rechtsstaat, aber ist das aufgearbeitet worden? Ich wüsste nicht.

Die Aufführung wird mehr als Theater sein. Es gibt auch Expertenberichte und eine Podiumsdiskussion. Welche Reaktion erhoffen Sie sich vom Publikum?

Yönter: Mein Anliegen ist, dass der Abend eine große Betroffenheit erzeugt, dass man das alles nie vergisst und anschließend mit anderen Augen durch die Welt geht. Gerade, wenn es um Rechtsradikalismus geht, sollten wir uns auch schon bei kleinen fremdenfeindlichen Parolen, die man auch im Alltag hört, viel schneller positionieren.

Nationalistische Parteien haben in Bad Vilbel momentan keinen rechten Fuß in der Tür, auch die AfD ist bei der Landtagswahl in Bad Vilbel unter ihrem Schnitt geblieben. Sehen Sie die Stadt in einer komfortablen Situation?

Yönter: Vorübergehend schon. Noch ist die AfD nicht in der Stadtpolitik, aber die kratzen an der Tür. Neun und elf Prozent in manchen Vilbeler Stadtteilen sind besser als die 22 Prozent in anderen Orten, aber trotzdem besorgniserregend. Zum ersten Mal haben sich im Wahlkampf auch NPD und AfD auf dem Marktplatz gezeigt.

Bühne für Menschenrechte: Die NSU-Monologe, Montag, 17. Dezember, 19 Uhr, Alte Mühle. Eintritt frei. Im Anschluss: Kurzvorträge von Dorothea Marx (Vorsitzende im Thüringer Untersuchungsausschuss) und Andreas Balser (Antifaschistische Bildungsinitiative), danach gibt es ein Gespräch mit dem Publikum.

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