29. September 2019, 18:00 Uhr

Nora Zado im Interview

»Wir brauchen noch viel Geduld«

Die Karbener SPD hat einen neuen, deutlich verjüngten Vorstand. Unser Redakteur spricht mit der neuen Vorsitzenden Nora Zado darüber und fragt, mit welchen Themen ihre Partei wieder stärker werden will.
29. September 2019, 18:00 Uhr
»In Karben haben wir ein Imageproblem«, sagt die frisch gewählte Vorsitzende Nora Zado. Mit einem neuen Vorstandstrio und verstärkter Öffentlichkeitsarbeit will die SPD wieder aus ihrem Tief heraus. (Foto: pe)

Wie lange haben Sie mit sich gerungen, bis Sie für das Amt der SPD-Vorsitzenden angetreten sind?

Nora Zado: Naja, im Prinzip seit Februar.

Da ist Ihr Vorgänger Jürgen Bothner zurückgetreten.

Zado: Im letzten halben Jahr habe ich sehr breite Unterstützung erhalten.

Das bedeutet, die neue Vorsitzende ist nicht allein an der Spitze.

Zado: Wir haben einen zweiten und einen dritten Vorsitzenden. Der zweite Vorsitzende ist Marcel Kalif.

Da haben Sie ein sehr junges Mitglied im Vorstand.

Zado: Damit sich das gut ergänzt, haben wir mit Thomas Görlich einen alten Hasen dabei.

Ein Junger im Vorstand, bedeutet das, die Karbener SPD wird jünger? Sollen damit jüngere Wähler angesprochen werden?

Zado: Es ist kein Geheimnis, dass unsere Partei generell überaltert ist. Aber mit einer Realpolitik, die sich auf das Leben der Bürger in Karben auswirkt, ist es möglich, jüngere Wähler für uns zu interessieren.

Realpolitik heißt was genau?

Zado: Nehmen Sie unseren Klima-Masterplan mit über 30 Punkten. Im Gegensatz zu den anderen Fraktionen, die dabei unkonkret waren, haben wir es geschafft, einen Plan mit konkreten Handlungspunkten aufzustellen. Dass der nicht durchgekommen ist zeigt, dass noch nicht bei allen Stadtverordneten ein Umdenken stattgefunden hat. Mit Realpolitik meinen wir auch Stadtentwicklung. Unser Ansatz zu Regierungszeiten war mal: Karben im Grünen. Aus unserem »Hier lässt sich’s leben« wird heute eher ein »Hier lässt sich’s aushalten«. Karben entwickelt sich zu einer Schläferstadt, weil gewisse Dinge übers Knie gebrochen werden und sich nicht sukzessive entwickeln.

Beispielsweise?

Zado: Die Stadt will Mittelzentrum werden. Aber Mittelzentrum werden wir derzeit nur mit dem Faktor mehr Einwohner. Also braucht es zusätzliche Wohnungen, und die sollen schnell hochgezogen werden.

Aber Mittelzentrum wird man vor allem, wenn man über Einrichtungen verfügt, die über Karben hinaus Bedeutung haben.

Zado: Zum Beispiel?

Das Schwimmbad, die Kurt-Schumacher-Schule, den Bahnhof, das Selzerbrunnenzentrum, das Kino.

Zado: Ich stimme dem zwar zu, aber das war schon vorher da, und wir sind kein Mittelzentrum. Es hat auch mit der Größe der Stadt zu tun, und von der Planung weiterer Einrichtungen ist mir nichts bekannt. Wir haben massive Probleme damit, wie sich Karben entwickelt. Nehmen Sie doch die Bürgerin, die eine Petition gegen die Betonklötze eingereicht hat. Was Rahn dazu antwortet, spricht Bände. Er wolle dort Wohnraum für Normalverdiener schaffen. Seit ich im Stadtparlament bin, reden wir darüber, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, weil der in Karben Mangelware ist. Jetzt merken wir an Rahns Antworten, dass wir nicht klar definiert haben, was wir unter bezahlbarem Wohnraum verstehen. Wenn Rahn von Normalverdienern redet, redet er über die Mittelschicht. Damit werden Geringverdiener aber aus der Stadt gedrängt. Irgendwann fehlt hier eine ganze Schicht.

Kritik an Bebauung

Welches Thema ist noch wichtig?

Zado: Infrastruktur. Wir reden über mehr Schulen, mehr Kindergärten und Angebote für Jugendliche. Wir sind gespannt, ob das Jukuz und Karben Open Air dort ihre Veranstaltungen noch wie bisher durchführen können. Denn daneben ziehen Leute, die sehr viel Geld für ihre Wohnung bezahlt haben. Ich wette, in drei Jahren ist die Klagewelle so groß, dass wir dieses kulturelle Ereignis dort nicht mehr haben werden.

Wie will die SPD in Zukunft wieder sichtbarer werden?

Zado: Wir sehen, dass unsere Positionen von immer mehr Bürgern geteilt werden. Dazu gehört die Bebauung des Stadtzentrums. Das ist Frischluftschneise, da gibt es nichts zu diskutieren. Es kann doch nicht sein, dass weil in Frankfurt Wohnungsknappheit herrscht, in Karben die Frischluftschneise zugebaut wird.

Wie will die SPD ihre Realpolitik den Wählern vermitteln?

Zado: Ich gebe zu, wir haben in Karben ein Imageproblem. Die Positionen, die wir in die Öffentlichkeit tragen, finden nicht das gleiche Echo wie die der CDU. Vielleicht machen wir bei der Pressearbeit etwas falsch. Jetzt haben wir ein neues Presseteam zusammengestellt, das nach innen wie außen mehr kommunizieren soll. Das bedeutet: Regelmäßiger als bisher schicken wir Artikel an die Zeitungen, aber wir bespielen auch besonders Facebook und stellen alles auf die SPD-Homepage. Darin sehe ich das größte Defizit unserer Partei, dass wir die Themen nicht an die Bevölkerung herantragen können. Zudem muss man auch das Standing der SPD insgesamt sehen. Die Zeiten für die Sozialdemokraten sind schlecht.

Die SPD ist ja keine Volkspartei mehr...

Zado: Aber wir hier haben extrem kompetente Leute, die ein Know how haben, das uns in Karben jahrzehntelang gefehlt hat.

Dennoch, richtig sichtbar ist die Partei nicht. Wenn man an der Geschäftsstelle vorbeifährt, sieht man gar nicht, dass in diesem Haus die SPD ein Büro hat.

Wunsch, sichtbarer zu werden

Zado: Der Wunsch, sichtbarer zu werden, war da, aber in der Realität war zu wenig Interesse der Bürger. Zu unseren Bürgersprechstunden hier kam niemand.

Muss die Partei also andere Formen finden?

Zado: Man hat es als Opposition schwer: Sozialdemokratische Ziele setzen wir hier in Karben durchaus um. Wenn wir einen guten Antrag einbringen, bringt die CDU einen Änderungsantrag ein. Aber wenn wir mit dessen Inhalten einverstanden sind, stimmen wir der Sache zu, sofern die CDU genug aus unserem Antrag übernommen hat.

Damit ist die SPD aber nicht mehr sichtbar.

Zado: Dennoch haben wir unsere sozialdemokratische Politik umgesetzt. Für uns hat sich doch die Frage gestellt, wollen wir dastehen als die Großen und Tollen, oder wollen wir uns vor allem auf das berufen, was uns wichtig ist, und das sind die Bürger von Karben.

Im Wahlkampf müssen Sie wieder klar machen: Der Ursprungsantrag war von uns.

Zado: Wir veröffentlichen einen Großteil davon im Vorfeld, so wie den Antrag zum Klimaschutz. Der ist zurückgezogen worden, und in der Presse kam die einstündige Debatte mit nur einem Satz vor. Jetzt werden wir die Punkte zum Teil einzeln einbringen. Auch dieser Antrag zeigt: Aus der Opposition heraus braucht man viel Geduld und einen langen Atem.

Wie will die Partei den nächsten Wahlkampf bestreiten?

Zado: Auf jeden Fall besser als die letzten. Wir haben etwa feststellen müssen, dass wir mit einem Kandidaten, der nicht aus Karben stammt, nicht gut angekommen sind.

Wäre jetzt schon jemand in Sicht, der gegen Amtsinhaber Rahn antreten könnte?

Zado: Wir können uns den einen oder anderen vorstellen. Aber wir wollen erstmal die nächste Kommunalwahl abwarten. Wenn wir eine ähnliche Schlappe erleiden wie bei der letzten und dann bei der separat stattfindenden Bürgermeisterwahl mit einem Kandidaten antreten, der gewinnt, dann hätten wir wieder die Verhältnisse, die es schon mal gab. Dann hätten die anderen die Mehrheit und wir stellen den Bürgermeister. Das werden wir aufgrund der schlechten Erfahrungen nicht mehr machen.

Heißt das, dass die SPD keinen Gegenkandidaten zu Rahn aufstellen will?

Zado: So pauschal möchte ich das nicht sagen. Es könnte nach der Kommunalwahl aber die Frage aufkommen, ob es Sinn macht, mit anderen eine Koalition oder Kooperation zu bilden, dann wären wir dafür durchaus offen. Die Grabenkämpfe im Parlament, die es früher gab, sind doch vorbei. Es gibt auf allen Seiten Leute, mit denen wir uns eine Zusammenarbeit gut vorstellen könnten.

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