24. Januar 2019, 20:06 Uhr

Goethe lesen

Weil Goethe immer aktuell ist

Hier ein Klick auf eine Neuigkeit, da ein Blick in einen Blog. Lesen verändert sich, Literatur wird kurzlebiger. Anders ist dies in der Bad Vilbeler Gruppe »Wir lesen Goethe«. Seit 30 Jahren geht es in dieser um Frankfurts berühmtesten Sohn und seine Werke.
24. Januar 2019, 20:06 Uhr
Von Goethes Werken fasziniert: Alle zwei Wochen befassen sich Lieselotte Becker, Renate Stein, Karin Abelbeck, Waltraud Krüger, Inge Tausch und Christa Gley mit den Texten des großen Frankfurter Poeten, aber auch mit Sachbüchern zur historischen Figur Goethe.

P lätzchen stehen auf dem Tisch in den Räumen der »Bürgeraktive« im Haus der Begegnung. Bücher liegen zahlreich dabei. »Gerade lesen wir ›Monsieur Göthé‹. Wir sind schon am Ende des Buchs, es sind die letzten Seiten«, erzählt Gruppenleiterin Waltraud Krüger. Der Kreis »Wir lesen Goethe – Sein Leben, sein Werk, seine Zeit« trifft sich schon seit vielen Jahren zweimal im Monat.

»Ich gehe seit 24 Jahren hin. Seit knapp 30 Jahren besteht das Angebot. Vorher hat es Hans Schmid geleitet«, erzählt Krüger. In all der Zeit entwickelte sie ein starkes Faible für den Dichterfürsten. Krüger schaut sich Aufführungen an, geht in Museen und Ausstellungen, unternimmt Reisen zum Thema. »Ich laufe dem Goethe hinterher«, lacht sie. Was sie beeindruckt, sei seine Aktualität.

»Eigentlich könnten seine Sachen heute geschrieben sein. Beispielsweise Sätze wie ›Die Geister, die ich rief, werd ich nicht mehr los.‹ Seine Forschung über die Blumen und sein größtes Werk, die Farbenlehre – das fasziniert mich.« Geklickt habe es wohl an der Oberschule bei ihr. »Wir mussten in der Schule noch Goethe-Gedichte auswendig lernen. Wahrscheinlich rührt das Interesse daher«, sagt sie. Menschen, die sich einlesen möchten, empfiehlt sie konsequenterweise auch seine Gedichte.

Und so funktioniert der Ablauf: Anfangs liest Teilnehmerin Renate Stein stets ein Gedicht vor. Die 65-Jährige hat sich heute einen Vers aus »Der Winter« ausgesucht. Darin heißt es: »Nur die Fläche bestimmt die kreisenden Bahnen des Lebens. Ist sie glatt, so vergisst jeder die nahe Gefahr.«

Diskutieren gehört dazu

Schon ist eine Diskussion in Gange. »Oft kommen wir beim Lesen auf andere Themen: Politisch, psychologisch, religiös – es ist ganz unterschiedlich«, schildert Christa Gley. Sie habe für Goethe zunächst Ambivalenz empfunden, da er in der Schule Unterrichtsstoff war. Mittlerweile faszinieren Gley die Konflikte und Beziehungen, die Goethe in seinen Werken darstellt.

»Wenn man nachvollzieht, was für ein Beobachter der menschlichen Seele er war ...« Feststellen könne man dies etwa in »Wilhelm Meister«, das die Gruppe lange Zeit las. Lieselotte Becker gefällt der Ideenreichtum. »Er hat ein Gedicht geschrieben, in dem er einen Flug in das Weltall beschrieben hat«, erzählt die 85-Jährige. Auch Karin Abelbeck (76) stieß durch einen Umzug auf das Angebot. Sie kam aus Hannover und suchte Kontakt. Abelbeck ist ebenfalls von Goethes vielseitigem Wesen begeistert.

Lesebrille bereit. Die Bücher? Auch da. Es kann also losgehen.
Lesebrille bereit. Die Bücher? Auch da. Es kann also losgehen.

Die 55-jährige Inge Tausch ist Lehrerin in Frankfurt, wo sie oft mit einer Faust-Ausgabe für Kinder arbeitet. Dabei habe sie festgestellt, wie fasziniert die Kinder von Goethe seien. Schüler unterschiedlicher Nationalitäten besuchten die Schule. Viele hegten eine Sympathie für Goethe, da er der Inbegriff des deutschen Dichters sei. Die Kinder seien beeindruckt, dass Goethe sich nicht fürchte, Mephisto in all seinen Facetten zu zeigen. »Goethe traut sich was, das imponiert auch mir«, sagt Tausch. Bekomme sie in der Literaturgruppe Impulse, könne sie die Fragen der Kinder besser beantworten. »Aber es entspannt mich auch, wenn ich freitags nach der Schule hierherkomme«, sagt Tausch. Renate Stein ergänzt: »Stimmt, es ist wie eine Beruhigung. Hier kann man alles von sich lassen. Hier ist kein Stress.«

Nicht nur Goethes Werke sind in der Gruppe Inhalt, sondern auch Sachliteratur – wie das fast ausgelesene »Monsieur Göthé«. Er war der unbekannte Großvater. »Man hat ihn verschwiegen, weil er Handwerker war«, sind die Frauen überzeugt. Goethe habe ihn nur ein einziges Mal erwähnt – mit einer wenig schmeichelhaften Äußerung. Aktenkundig wurde Schneidermeister Friedrich Georg Göthé, weil er ein Verfahren gegen Goethes Ururgroßvater Johann Wolfgang Textor geführt hatte. Denn jener hatte die Rechnungen seiner jungen Frau nicht bezahlt. Die Sekundärliteratur hat den Frauen viel Verständnis auf die Person gebracht, wie sie schildern. Beispiele sind »Warum ein Leben ohne Goethe sinnlos ist« von Stefan Bollmann und »Christiane und Goethe« von Sigrid Damm. Sie habe kritisch über Goethe geschrieben. So habe er sich nicht nett zu seiner Frau Christiane verhalten, nicht an ihrem Sterbebett gesessen.

Die Bücher müssen die Teilnehmer nicht kaufen. »Jedes Buch haben wir nur einmal. Einer liest vor«, sagt Krüger. Und zwischendurch wird diskutiert. Wer mitmachen will, ist willkommen.

Der Kreis »Wir lesen Goethe – Sein Leben, sein Werk, seine Zeit« trifft sich in zweiwöchentlichem Rhythmus stets freitags um 16 Uhr. Das nächste Treffen ist für Freitag, 25. Januar, terminiert. Wer mitmachen will, kann ohne Anmeldung kommen. Ort ist die »Bürgeraktive« im Haus der Begegnungen (Marktplatz 2, Bad Vilbel). (ihm)

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