25. Dezember 2017, 14:00 Uhr

Totschlagsprozess

Todschlag: 44-Jähriger aus Nidderau vor Gericht

Die Eröffnung des Prozesses gegen den 44-jährigen Mann aus Nidderau wegen der vermeintlichen Tötung seines Vaters vor etwas mehr als einem Jahr dauerte nur knapp sechs Minuten.
25. Dezember 2017, 14:00 Uhr
Der Angeklagte (l.) neben Pflichtverteidiger Ulrich Will. (Foto: jwn)

In Begleitung von drei Polizeibeamten betritt der an Händen und Füßen gefesselte Angeklagte Markus G. kurz vor neun Uhr den Gerichtssaal 216 im Hanauer Landgericht. Fast ein Jahr ist es her, dass nach einem heftigen und lautstarken Streit zwischen ihm und seinen 77-jährigen Vater die besorgte Nachbarschaft die Polizei herbeigerufen hatte. Es war nicht das erste Mal, dass die Polizei im Streit zwischen Vater und Sohn eingreifen musste. Doch dieses Mal, am 7. November 2016, schien der Streit heftiger denn je. Die Sorgen der Nachbarn waren berechtigt, denn die Polizei fand in dieser Nacht den Vater tot in seinem Haus vor.

Zunächst stand die Polizei vor einem Rätsel, wie die Staatsanwaltschaft damals bestätigte. Denn der Tote trug einen Motorradhelm, Anzeichen von Gewalteinwirkungen waren zunächst aber nicht zu erkennen. Deshalb wurde der in dieser Nacht noch unter Tatverdacht verhaftete Sohn Markus nach einem eingehenden Verhör durch die Polizei wieder in die Freiheit entlassen. Allerdings begab es sich aus freien Stücken dann doch selbst in die Behandlung einer psychiatrischen Klinik in Hanau.

Wie Nachbarn berichten, sei er schon früher verhaltensauffällig gewesen. So habe er sich 2013 beispielsweise vor Kindern entblößt. Auch sei das Verhältnis zwischen Vater, einem recht erfolgreichen, inzwischen pensionierten Diplom-Chemiker und Sohn schon immer problematisch gewesen. So sei der Vater aufgrund mehrerer Patente zu viel Geld gekommen, habe zu Hause zwar sehr spartanisch gelebt und lediglich mit einem Kaminfeuer das Haus beheizt, aber in seiner Garage standen vier Autos, darunter teure Exemplare. Der Sohn hingegen war nicht einmal in der Lage, die einfachsten Dinge des täglichen Lebens zu meistern und deshalb auf die dauerhafte Hilfe seines Vaters angewiesen.

Schwierige Ermittlungen

Für die Polizei und die Staatsanwaltschaft stellten sich die Ermittlungen zunächst als sehr schwierig heraus, da es keine eindeutigen Erkenntnisse gab. Da ihrer Ansicht von dem Sohn keine Gefahr für die Öffentlichkeit ausgehe und auch noch nicht feststand, ob es in der Nacht zu einem Gewaltverbrechen gekommen war oder ob der Vater nicht möglicherweise doch eines natürlichen Todes gestorben ist, wurde kein Haftbefehl gegen den Sohn beantragt. Eine Tatsache, die auf allgemeines Unverständnis in der Nachbarschaft stieß. Deshalb wurde aus Sorge um die eigenen Kinder eine Unterschriftenaktion gestartet, mit dem Ziel, den Sohn dauerhaft und stationär einer psychiatrischen Behandlung unterziehen zu lassen. Da mittlerweile auch ein medizinisches Gutachten zu dem Ergebnis gekommen war, dass der Vater mit dem Kinnriemen seines Motorradhelms erwürgt worden sei, wurde der Sohn statt in Untersuchungshaft in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Staatsanwalt Dr. Alexander Voigt verlas am Freitag zu Prozessbeginn nicht seine Anklageschrift, sondern seinen Einweisungsantrag.

Nicht Mord, sondern Totschlag

Nicht wegen Mordes, sondern wegen Totschlages an seinem Vater soll sich der Angeklagte verantworten. Nach den Ermittlungen der Polizei habe er nach einem sehr heftigen Streit seinen Vater von hinten angegangen und solange ihn an dem Helm gezogen, bis dieser keine Luft mehr bekam und erstickte. »Wenn der Prozess unsere Ermittlungen bestätigt, dann wird der Angeklagte am Ende aber nicht wegen des Totschlages an seinem Vater schuldig gesprochen, sondern stattdessen wegen seines geistigen Zustandes und seiner daraus resultierenden Schuldunfähigkeit dauerhaft in eine psychiatrische Klinik eingewiesen«, äußert der Staatsanwaltschaft gegenüber dieser Zeitung eine erste Einschätzung über den Verlauf des auf fünf Tage angesetzten Prozesses.

Nachbarn sammeln Unterschriften

Nach Verlesen der Einweiseschrift durch den Staatsanwalt belehrte Richter Dr. Graßmück den Angeklagten behutsam über seine Rechte. Er bräuchte sich nicht zu äußern und könne alles mit seinem Anwalt absprechen. Dafür müsse er aber seinen Verteidiger empfangen und ihn nicht länger abweisen. Der Angeklagte hatte sich einen Hamburger Promi-Anwalt als Verteidiger ausgewählt, weil der ihm angeblich eine genauere Todesanalyse seines Vaters beschaffen wollte, wie der Angeklagte stockend dem Gericht verriet: »Als der tot war, hat der doch gar keinen Helm aufgehabt.« Der Hamburger Anwalt hat das Mandat jedoch nicht angenommen. Ob das Verfahren am 11. Januar öffentlich fortgeführt wird, ist unklar, da Pflichtverteidiger Ulrich Will einen Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit in Erwägung zieht.

Info

Paragraf 63

Die Unterbringung in ein psychiatrisches Krankenhaus kann ein Gericht nach Paragraf 63 Strafgesetzbuch nur dann anordnen, wenn die Gesamtwürdigung des Täters und seiner Tat ergibt, dass von ihm infolge seines Zustandes erhebliche rechtswidrige Taten, durch welche die Opfer seelisch oder körperlich erheblich geschädigt oder erheblich gefährdet werden oder schwerer wirtschaftlicher Schaden angerichtet wird, zu erwarten sind und er deshalb für die Allgemeinheit gefährlich ist. Darüber hinaus muss er zum Tatzeitpunkt schuldunfähig oder zumindest vermindert schuldunfähig gewesen sein.

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