Bad Vilbel & Karben

Tagesmütter: Wenn »Mama« nicht krank sein darf

Was tun, wenn die Tagesmutter krank wird? Da es im Wetteraukreis bislang noch keine Vertretungsregelung gibt, entscheiden sich Eltern oft für eine Krippe. Nun soll sich etwas ändern.
11. Dezember 2018, 11:00 Uhr
Redaktion
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Nicole Waldheim (r.) ist Fachberaterin beim Diakonischen Werk Wetterau. Ihren Tagesmüttern steht sie für Gespräche und Besuche zur Verfügung, wie bei Alexandra Hain-Laude (l.), die schon seit vielen Jahren in der Kindertagespflege aktiv ist. (Fotos: Ihm-Fahle)

Das Spielzimmer ist kindgerecht eingerichtet: Ein buntes Zelt, eine Rutschbahn zum Runterflitzen und eine Kinderküche. Vier Knirpse wuseln heute bei Alexandra Hain-Laude in Bad Vilbel-Gronau umher. Gleich gibt es Frühstück: Müsli und Tee stehen auf dem Esstisch der Tagesmutter bereit – zuverlässig, jeden Morgen, denn krank ist sie nie.

Falls doch, wäre es ein Problem, denn im Wetteraukreis gibt es für Tagespflegepersonen noch keine klar praktizierte Vertretungsregelung. Das dürfte sich aber ändern, denn morgen stimmt der Kreistag über die neue Satzung für die Tagespflege ab.

Nicole Waldheim ist gerade zu Gast bei Hain-Laude. Die 39 Jahre alte Diplompädagogin ist Fachberaterin beim Diakonischen Werk Wetterau in Friedberg, das neben der AWO Hessen-Süd für die Kindertagespflege zuständig ist. Waldheim steht Tagesmüttern zur Seite und unterstützt sie. Das beinhaltet unter anderem jährliche Besuche und regelmäßige Treffen für den Erfahrungsaustausch.

 

Zur Kita-Erzieherin ausgebildet

Alexandra Hain-Laude ist gelernte Erzieherin. Bis 1997 arbeitete sie in einer Kita. Sie entschied sich damals dafür, Tagesmutter zu werden, da sich dies mit der eigenen Kindererziehung gut verbinden ließ. Zunächst wollte sie nur übergangsweise als Tagesmutter tätig sein, doch dann blieb es dabei. Denn der andere Aspekt ist, ihren Schützlingen einen geborgenen, familiären Rahmen bieten zu wollen.

Alexandra Hain-Laude mag das Tagesmutter-Konzept

Als Angestellte einer Kita würde sie zwar etwas mehr verdienen, doch zu den pädagogischen Überzeugungen der 50-Jährigen passt das Tagesmutter-Konzept besonders gut. »In den eigenen Räumen kann ich individueller aufs einzelne Kind eingehen. So würde ich mein einjähriges Kind auch in die Betreuung geben«, sagt sie. Denn je nach Gegebenheiten könne sie flexibel entscheiden.

Zudem sei es leichter, eine Erziehungspartnerschaft zu den Eltern einzugehen. Das sehe freilich jeder anders. »Es gibt Eltern, die eine Krippe bevorzugen. Und andere, die hinter dem Tagesmutter-Modell stehen«, sagt Hain-Laude.

 

Betreuung von 7 bis 15.30 Uhr

Sie betreut Kinder von 7 Uhr bis 15.30 Uhr. Diese sind zwischen einem und drei Jahren alt, sie hatte aber auch schon jüngere. Ob Tagesmutter und Familie zusammenpassen, stelle sich beim Erstgespräch heraus. Ein häufiger Hinderungsgrund ist ihrer Erfahrung nach die folgende Frage von Eltern: »Was mache ich, wenn Sie krank werden und ausfallen?«

Bringt der Wetteraukreis nun ein Vertretungskonzept auf den Weg, denkt sie, werde der Trend zur Tagesmutter vermutlich zunehmen. In der geplanten Satzung ist das Thema Vertretung durch einen Absatz geregelt, wonach der Wetteraukreis die Kosten dafür grundsätzlich übernimmt. Wie sich das Konzept genau gestaltet, ist aktuell noch im Fluss. Es soll regional ausgerichtet sein, die Tagesmütter sollen sich vernetzen.

 

Gleiches Geld für gleiche Betreuung

Was Mütter und Väter für die Betreuung in der Tagespflege zahlen müssen, ist im ganzen Wetteraukreis gleich. Es ist nach dem Einkommen gestaffelt. Sich als Mutter und Vater frei pro U3-Kita oder Tagespflege zu entscheiden, ist allerdings schwierig. Denn Nachfragen suchender Eltern sind laut Fachberaterin Waldheim wesentlich höher, als die Zahl der Plätze, die zur Verfügung stehen. In Bad Vilbel gibt es aktuell neun Tagespflegepersonen, im nächsten Jahr kommen drei hinzu. Die Diakonie sucht laut Fachberaterin Waldheim immer Interessenten für diese Job. Wer sich dies vorstellen kann, könne sich zum Erstberatungsgespräch melden. Erforderlich sind Hauptschulabschluss, gute Deutschkenntnisse und Freude am Umgang mit Kindern. Grundvoraussetzung ist die Teilnahme an der kostenfreien Qualifizierung zur Tagespflegeperson. Dies sind 160 Stunden. Die Honorierung erfolgt über den Wetteraukreis, der auch hälftig die Kosten an der Kranken- und Rentenversicherung trägt.

Anfang 2018 hatte die Diakonie neben der AWO Hessen-Süd die Kindertagespflege für den Wetteraukreis übernommen. Vorher lag dies bei der Evangelischen Familienbildungsstätte (diese Zeitung berichtete). »Es läuft gut«, ist Waldheim zufrieden. Für die Qualifizierung habe die Diakonie neue Leute gewinnen können.

Folgende Änderungen sollen ab Januar für Tagespfleger in Kraft treten: Regelmäßige Tariferhöhungen, mehr Geld nach Weiterbildungen, Entlohnung von Vor- und Nachbereitungszeiten, Fahrtkostenerstattung bei Betreuung im elterlichen Haushalt, Vergütung für die Begleitung von Hospitanten, Anspruch auf Vertretung bei Krankheit. Der Kreistag muss während seiner morgigen Sitzung nur noch zustimmen.

 

Info

Drei Fragen an Gabriele Ratazzi-Stoll

Wie ist die Kindertagespflege in Karben aufgestellt?

Gabriele Ratazzi-Stoll: Die Stadt fördert die Kindertagespflege mit einem Kindertagespflegebüro in Trägerschaft des Mütter- und Familienzentrums. Das ist eine Ausnahmesituation. Wir bekommen unser Geld vom Land als Fachdienstförderung wie die anderen Träger auch. Die andere Hälfte kommt in unserem Fall von der Stadt, bei den anderen Fachdiensten ist es der Wetteraukreis.

Welche Probleme bestehen trotzdem?

Ratazzi-Stoll: Wir haben Nachwuchssorgen. Es gibt nicht so viele Interessenten, die Tagesmutter oder -vater werden wollen, obwohl wir hier die besten Bedingungen haben und durch die Förderung der Stadt zusätzliche finanzielle Anreize bieten.

Was sagen Sie zu der neuen Satzung und ihren Änderungen?

Ratazzi-Stoll: Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, dass bestimmte Dinge nun Gehör finden, die die Tageseltern beklagen. Aber es gibt mehrere andere Punkte, die sich aus Sicht der Tageseltern verschlechtern werden, beispielsweise die Fälligkeit der Auszahlungen. (ihm) * Gabriele Ratazzi-Stoll ist die Leiterin des Karbener Büros für Kindertagspflege. Das Büro ist einmalig im Wetteraukreis.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/badvilbelkarben/Bad-Vilbel-Karben-Tagesmuetter-Wenn-Mama-nicht-krank-sein-darf;art469,527110

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