01. April 2018, 12:00 Uhr

Groß-Karbener Krimi

Suche nach der Gemeindekasse

Nicht immer ist es kriminelle Energie, die Menschen zu Straftätern werden lässt. Manchmal sind es auch persönliche Tragödien. Oder eine Sache ist dumm gelaufen. Welches Geheimnis steckt hinter dem Schicksal des Groß-Kärbers Georg Brucker?
01. April 2018, 12:00 Uhr
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Von Jürgen Schenk
Die Niddabrücke – wichtiger Flussübergang auf dem Weg zum Bahnhof. Liegt hier vielleicht noch irgendwo das Geld aus der Gemeindekasse von Georg Brucker? (Fotos: jsl)

Im Jahr 1882 sorgte sein Fall in Groß-Karben und in der ganzen Gegend für Aufsehen. Anteil daran hatte auch die umfangreiche Berichterstattung in der Presse (Oberhessischer Anzeiger). Durch seine Tätigkeit als Ortseinnehmer stand Georg Brucker im Mittelpunkt der Öffentlichkeit. Er führte Buch über die Zahlungseingänge, erstellte Bilanzen und brachte das eingenommene Geld sogar eigenhändig nach Vilbel zur weiteren Verwahrung. Mit anderen Worten: Georg Brucker hatte dafür zu sorgen, dass die Kasse stimmte. Und das machte er noch im hohen Alter von 73 Jahren. Obwohl er seinen Zeitgenossen das hart verdiente Geld »abknöpfte«, war der gebürtige Ilbenstädter in Groß-Karben nicht unbeliebt. Schon sein Vater Thomas Brucker hatte unter den Grafen zu Altleiningen-Westerburg in Ilbenstadt den gleichen Beruf ausgeübt.

Wurde Brucker aufgelauert?

Am 9. November 1882, früh morgens um 5 Uhr, machte sich Brucker auf, um die Gemeindeeinnahmen in Vilbel abzuliefern. 1700 Mark befanden sich in seiner Kasse. Eisig kalt muss es um diese Uhrzeit im Herbst gewesen sein. Eigentlich war es ja schon fast Winter. Vom Degenfeldschen Schloss, wo die Gemeindekasse untergebracht war, bis zum Bahnhof Groß-Karben hatte Brucker einen ansehnlichen Fußmarsch zurückzulegen. Vermutlich nahm er den gleichen Weg, den Radfahrer und Fußgänger noch heute wählen: Durch den Leonhardischen Schlosspark zur Nidda, am Fluss entlang zur Groß-Kärber Brücke und dann, der Straße folgend, bis an die Kloppenheimer Gemarkungsgrenze, wo sich der Bahnhof befindet. Vielleicht ging er auch an der heutigen Bahnhofstraße entlang. Wer weiß das schon? Jedenfalls hätte Brucker den Frühzug nehmen sollen. Aber alles kam ganz anders. Noch am selben Morgen zeigte der Kassierer auf der Großherzoglichen Bürgermeisterei an, mehrere Strolche hätten ihm an der Nidda aufgelauert. Er sei von ihnen angegriffen, niedergeschlagen, seines Geldes beraubt und in einen Wassergraben geworfen worden. Sein Gesundheitszustand dürfte sehr schlecht gewesen sein. Vermutlich war er blessiert und stark untergekühlt vom eiskalten Wasser. Von der Gemeindekasse fehlte jede Spur. Eilig losgeschickte Gendarmerie nahm in der Nähe des Tatorts eine Verdächtigen fest, dem jedoch nichts nachgewiesen werden konnte.

Gießener Staatsanwaltschaft eingeschaltet

Daraufhin geriet Bruckers Geschichte ins Wanken. Ein namentlich nicht genannter Steuerassessor aus Groß-Karben schickte ein Telegramm zum Hauptsteueramt, in dem er um Untersuchung des Vorfalls bat. Die Staatsanwaltschaft in Gießen wurde eingeschaltet, deren Nachforschungen das angebliche Opfer in Bedrängnis brachten. Am 18. November heißt es im Oberhessischen Anzeiger: »Kassierer Brucker ist, wie uns mitgetheilt wurde, in vorläufige Haft genommen worden, da die Untersuchung gewichtige Verdachtsgründe zu Tage förderte, die darauf hindeuten, daß der Angefallene sich selbst in den Graben warf, nachdem er die ihm anvertraut gewesene Summe vorher bei Seite geschafft hatte.« Die am 21. November gemeldete Inhaftierung des 73-Jährigen im Groß-Kärber Ortsgefängnis und ein Verhör durch den Untersuchungsrichter stellten sich als falsch heraus. Brucker, dessen Zustand sich dramatisch verschlechtert hatte, war aus ärztlicher Sicht nicht vernehmungsfähig. Nur drei Tage später, am 24. November 1882, starb er in seiner Wohnung. Die Wahrheit über den Tathergang konnte niemand in Erfahrung bringen, das Geld tauchte nie wieder auf. Sollte Brucker die Gemeindekasse versteckt und keinem von dem Ort erzählt haben? Hat sich vielleicht ein Dritter über 1700 Mark gefreut? Oder ist das Geld noch heute irgendwo in Groß-Karben verborgen?

Info

Groß-Karben im Jahr 1882

1882/83 hatte Groß-Karben als eine von 73 Gemeinden im Kreis Friedberg 1773 Mark an die Kreiskasse zu entrichten. Diese Beiträge (später Kreisumlagen genannt) wurden anhand des jeweiligen für die Gemeinde geltenden Gesamtsteuerkapitals berechnet. Groß-Karben lag damit an 14. Stelle im Kreis Friedberg und stand wirtschaftlich gefestigter da als die meisten anderen Gemeinden. Auch im Vergleich zu den sechs heutigen Stadtteilen Karbens machte das Dorf die beste Figur. Klein-Karben hatte 1028 Mark, Kloppenheim 822 Mark, Okarben 1356 Mark, Rendel 1686 Mark, Petterweil 1290 Mark und Burg-Gräfenrode 873 Mark zu entrichten. Unter den 50 höchstbesteuerten Personen im Kreis nahm Freiherr von Leonhardi die achte Stelle ein. (jsl)



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