Bad Vilbel & Karben

Stadt Karben will die Oberburg nun doch kaufen

Nun also doch: Die Stadt Karben will die Oberburg in Burg-Gräfenrode kaufen. Am Donnerstag hat sie ein entsprechendes Angebot an die evangelische Kirchengemeinde gesendet. Heute endet die Bieterfrist für das historische Ensemble.
02. November 2018, 05:00 Uhr
Dennis Pfeiffer-Goldmann
Die Oberburg in Burg-Gräfenrode steht zum Verkauf. Wer bekommt den Zuschlag? Am heutigen Freitag endet die Bieterfrist.	(Foto: dpg)
Die Oberburg in Burg-Gräfenrode steht zum Verkauf. Wer bekommt den Zuschlag? Am heutigen Freitag endet die Bieterfrist. (Foto: dpg)

Historischer Herrensitz mit Nebengebäuden und Parkanlage, 18 Zimmer, Baujahr 1529, Modernisierung zuletzt 2012, Objektzustand gepflegt, Grundstück circa 6764 Quadratmeter, Kaufpreis 590 000 Euro.« Und das Ganze knapp nördlich von Frankfurt, in Burg-Gräfenrode. Klingt nach einem absoluten Schnäppchen.

Entsprechend reichlich dürften die Angebote sein, die die evangelische Kirchengemeinde aus Burg-Gräfenrode erhalten hat, seit sie die Oberburg vor 14 Tagen in einem Online-Immobilienportal ausgeschrieben hat. Denn seit einer Woche bereits ist das Angebot dort schon wieder aus der Vermarktung herausgenommen worden.

Mit der Verkaufsofferte seien »die Würfel gefallen«, sagt Bürgermeister Guido Rahn. Die Kirche will das historische Herz des kleinsten Karbener Stadtteils verkaufen. Dazu hatte die Landeskirche aus Kostengründen und wegen des Sanierungsbedarfs gedrängt, der Kirchenvorstand beschloss es mehrheitlich. Und eine Bürgerinitiative stemmt sich dagegen.

 

Eigendynamik bekommen

Die BI scheint ihr Hauptziel, dass die Kirche nicht verkauft, zwar zu verfehlen. Aber die Gruppe um Ortsvorsteher Karlfred Heidelbach (CDU) hat jetzt die Aussicht auf einen anderen Sieg: Die Stadt wollte am Donnerstag ebenfalls ein Kaufangebot abgeben.

Der Bürgermeister unterrichtete am späten Mittwochabend die Mitglieder des Haupt- und Finanzausschusses des Stadtparlaments über diese Entscheidung des Aufsichtsrats der städtischen Wohnungsbaugesellschaft (Wobau). Er besteht aus Vertretern der Regierung und der Fraktionen des Stadtparlaments.

Anfangs hatte Rahn selbst das Vorhaben als zu teuer eingestuft. Durch die BI und die aufgeheizte Stimmung in Burg-Gräfenrode habe das Thema aber »eine Eigendynamik« bekommen. »Deshalb haben wir neu darüber nachgedacht.«

Ergebnis: Die Wobau soll die Oberburg übernehmen, da sie als GmbH flexibler und günstiger als die öffentliche Hand agieren kann. Den 4400 Quadratmeter großen Burggarten samt Lieselturm will die Stadt selbst kaufen.

 

Mindestsumme geboten

Beim Preis werde die Stadt »keinen Bieterwettstreit eingehen«, betont der Rathauschef. Daher habe die Stadt lediglich die Mindestsumme geboten. Hinzu kämen Kosten für die Elektrosanierung – deren Notwendigkeit den Ausschlag gab für den Verkauf – und einen Umbau. Beides zusammen kostet wohl eine weitere Viertelmillion.

»Gegengerechnet mit den künftigen Mieteinnahmen können wir das guten Gewissens empfehlen«; sagt Rahn. Die beiden Wohnungen im zweiten Obergeschoss blieben erhalten, die Mieter könnten bleiben. Die Flächen im ersten Stock sollen zu einer weiteren Wohnung umgebaut werden. Das Erdgeschoss solle zur Hälfte zu Büroflächen zur freien Vermietung umgestaltet werden. Die andere Hälfte des Stockwerks wolle die Wobau der Kirche zur Miete anbieten für deren Raumbedarf.

In der Stadtpolitik stößt das Vorgehen auf breite Zustimmung. »Das finden wir gut«, sagt SPD-Fraktionschef Thomas Görlich. Auch seine Fraktionskollegin Christel Zobeley »kann zustimmen« und ist froh, dass die Wohnbau den Sanierungsbedarf als geringer eingestuft hat. Die Kirche hatte noch mit 300 000 Euro Sanierungskosten kalkuliert. Darin seien 100 000 Euro für eine Zwischenlösung für die Kita Zwergenburg erhalten gewesen, erinnert der Bürgermeister.

Die Kita ist seit der Ad-hoc-Schließung Mitte vergangenen Jahres aber kostengünstig in den Räumen der früheren städtischen Kita im Hinterhaus der Alten Schule untergebracht.

Meinung

Herz contra Mammon

Das Kauf-Gebot der Stadt Karben für die Oberburg ist eine Überraschung. Und ein schöner Erfolg für all jene, die einen Verkauf des historischen Herzens von Burg-Gräfenrode verhindern wollen. Am Ziel sind die Aktiven der Bürgerinitiative damit aber noch lange nicht. Akut besteht die Gefahr, dass die evangelische Kirche der Verlockung von Millionenangeboten verfällt. Sollte das passieren, wird sich manch einer bitter zurücksehnen an den ersten Vorschlag des Kirchenvorstands, an Philipp von Leonhardi zu verkaufen. Dem Kirchenpatron aus dem Nachbarort konnte und kann man nur die ehrbarsten Intentionen unterstellen. Doch ging der Kirchenvorstand enorm ungelenk vor – wofür man den Ehrenamtlichen nicht einmal einen Vorwurf machen darf: Ein solches Vorhaben ist viel zu groß, als dass das Dekanat und die Landeskirche die engagierten Schäfchen so alleine hätte lassen dürfen. In Folge sind viele Roggauer heute tief enttäuscht von »ihrer« Kirche, da sie dem Ort sein Herz rauben will – zumindest gefühlt. Mit dem Kaufangebot bietet die Stadt der Kirche nun einen eleganten Ausweg aus dieser Vertrauenskrise. Mal ganz ehrlich: Mit dem Gebot der Stadt hat die Kirchenführung eigentlich gar keine echte Wahl mehr. Denn wenn sie dem schnöden Mammon verfällt, dürften noch viel mehr Menschen der Kirche den Rücken kehren. Wer würde das heutzutage riskieren?( dpg)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/badvilbelkarben/Bad-Vilbel-Karben-Stadt-Karben-will-die-Oberburg-nun-doch-kaufen;art469,508673

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