24. Oktober 2018, 05:00 Uhr

Gespräch mit Gesundheitsminister

Spahn und die Wut der Bürger

Landauf, landab die gleichen Probleme: Im Gesundheitssektor hakt es an vielen Stellen. In Bad Vilbel haben am Dienstag Bürger die Chance genutzt, um auf Missstände hinzuweisen.
24. Oktober 2018, 05:00 Uhr
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in Bad Vilbel: Nach einem Besuch der psychologische Tagesklinik spricht er auf dem Niddaplatz mit Bürgern. (Foto: Kopp)

Mit seinen 38 Jahren gilt Jens Spahn (CDU) als Senkrechtstarter der Bundespolitik. Wie versiert sein sprachliches Repertoire ausfällt, davon konnten sich Bürger am Dienstagmittag auf dem Niddaplatz überzeugen. »Ich wollte die Chance nutzen, persönlich nicht nur mit Spahn, sondern auch mit dem Landtagsabgeordneten Tobias Utter und dem Bundestagsabgeordneten Oswin Veith reden zu können«, sagt Jürgen Martin aus Karben.

Er hat allen Grund dazu: Nach der Diagnose Blasenkrebs bezieht er Erwerbsminderungsrente und bekommt 18 Prozent weniger Gehalt als bislang. Dafür allerdings muss er nun Kranken- und Pflegekasse alleine bestreiten, den Arbeitnehmer- und den Arbeitgeberanteil.

 

Ärger übers Gesundheitssystem

Das findet er ungerecht. »Mir bleibt so nur weniger als die Hälfte meines bisherigen Einkommens übrig«, schildert er gegenüber dem Minister. Die Antwort, die Martin erhält, bezeichnet er als »typisch« für einen Politiker. Spahn werde sich der Sache annehmen und sich für Martins Belange stark machen, sagt er.

»Dabei haben CDU und SPD gerade einen Antrag der Linken zu diesem Thema abgelehnt«, sagt der Karbener. Er will die Sache nicht auf sich ruhen lassen. Martin hat eine Selbsthilfegruppe zum Thema Blasenkrebs gegründet und schließt sich mit anderen Gruppen zusammen. »Insgesamt sind wir 5000 Leute«, diese Stärke will Martin nutzen.

 

Wo es in der Pflege hapert

Große Probleme gibt es im Pflegebereich. Zwei Frauen, die bei einem ambulanten Dienst arbeiten, schildern Spahn die Probleme. »Die Kassen zahlen 19,38 Euro für die Komplett-Körperpflege eines Patienten. Die dauert eine Stunde.« Kein Wunder, dass das Pflegepersonal über zu viel Arbeit für zu wenig Kräfte bei zu geringer Bezahlung klagt. »Der Zeitdruck wird immer größer, viele Kolleginnen sind ausgebrannt.«

Sie selbst fühlen sich bei ihrem Arbeitgeber noch gut aufgehoben, »das Klima ist gut«. Seit Jahrzehnten herrscht Pflegenotstand, angesichts der alternden Gesellschaft spitze sich das Problem immer weiter zu. Und viele alleinerziehende Mütter im Beruf müssten sich angesichts der Bezahlung neben der Vollzeitanstellung noch einen 450-Euro-Job suchen. »Das kann nicht sein.«

Das schlägt sich auch in den stationären Seniorenheimen nieder. Eine Frau aus Bad Vilbel berichtet, dass oft nur eine Pflegekraft pro Station vorzufinden sei. Die Patienten würden einfach am Tisch sitzengelassen und schliefen dort ein, ihre Windeln würden abends oft nicht gewechselt.

Auf Spahns Agenda dürfte das Thema weit oben stehen. Er antwortet den Frauen, dass er in verschiedenen Altenheimen unterschiedliche Situationen beobachten könnte. »Schritt für Schritt« wolle er Verbesserungen schaffen. Er gibt den Menschen, mit denen er in dieser Zeit redet, zu verstehen, dass dies alles mit Kosten verbunden sei.

Große Erwartungen haben die beiden Pflegekräfte nicht in das kurze Treffen mit dem Gesundheitsminister gesteckt. »Er zeigte ein offenes Ohr, wirkte aber doch nicht allzu sehr interessiert und eher aalglatt«, ziehen sie Bilanz. Auch Jürgen Martin sieht seine Erwartungen bestätigt. »Jens Spahn will noch weiter Karriere machen, mit überraschenden Aussagen habe ich deswegen nicht gerechnet.«

 

Gegendemo bleibt aus

Etwa 30 Menschen haben das Gespräch mit dem Minister gesucht, viele lassen sich mit ihm fotografieren. Die Gespräche verlaufen in einem ruhigen Ton. Aufatmen konnten die Wetterauer CDU-Chefin Lucia Puttrich, Landtagspräsident Norbert Kartmann, Veith, Utter und Co auch, weil sie nicht von der NPD gestört wurden. Die wollten eigentlich mit Lautsprecherwagen vorbeifahren, hatten laut Bürgermeister Thomas Stöhr (CDU) sogar eine Demo angekündigt. Erschienen ist dann aber allerdings niemand.

 

Info

Chefarzt fordert Reformen

Vor seinem öffentlichen Auftritt besuchte Spahn die Psychiatrische Tagesklinik und Institutsambulanz im ehemaligen Woolworth-Gebäude, die seit gut einem Jahr besteht. Chefarzt Dr. Michael Putzek wies Spahn auf die Besonderheiten der vom Wetteraukreis getragenen Einrichtung hin. Doch wies auch er darauf hin, wie schwer es sei, geeignetes Personal zu finden. Nötige Reformen würden erst in fünf bis sieben Jahren greifen. Putzke bat Spahn darum, einen Runden Tisch einzuberufen, an dem sich Praktiker mit den politischen Entscheidern zusammensetzen könnten. (kop)

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